
Um Hakim sitzt im Eingang ihres Hauses, umgeben von Müllbergen. Links Plastik, rechts Bioabfälle, dazwischen türmen sich Pappverpackungen. Sie kippt den Inhalt einer neuen Tüte vor sich auf den Boden und fängt an zu sortieren. Eine Spritze fällt ihr in die Hände.
"Jetzt hätte ich mich fast an der Nadel verletzt! Ich trage keine Handschuhe. Damit kann ich nicht arbeiten. Manchmal hab ich zwar Angst, dass ich mich verletze, aber was soll ich tun? Wovon sollen wir denn leben? Wir können nichts anderes."
Um Hakim ist eine Sabbala, ein Müllmensch, so wie ihr Mann, ihre Kinder und die schätzungsweise 500.000 Menschen, die in Mansheyat Nasr im Osten Kairos leben. Sie sorgen dafür, dass die Hauptstädter ihren Hausmüll loswerden. Drei Tonnen sammelt Um Hakims Ehemann Bekhit pro Tag ein:
"Ich fange gegen 5 Uhr an, und komme um 11 zurück. Dann lade ich die erste Fuhre ab. Gegen 14 Uhr fahre ich noch mal los und sammle noch einmal drei bis vier Stunden. Zuhause trennen meine Kinder und meine Frau den Müll. Ich arbeite mit dem Auto."
Müllbezirk vom Vater geerbt
Jeden Tag fährt er nach Nasr City, einen Stadtteil weiter. Das ist sein Bezirk. Es ist klar aufgeteilt, wer wo sammeln darf.
"Das habe ich von meinem Vater geerbt und das werde ich auch meinen Kindern vererben. Und wenn jemand in meinem Gebiet sammelt, dann gibt's Ärger."
Hakim ist nur sechs Jahre zur Schule gegangen. Dann musste er seinem Vater helfen. Und auch seine eigenen Kinder hat Hakim schon aus der Schule genommen. Seine Frau schafft die Arbeit nicht alleine. Wie alle hier im Viertel sind die Hakims koptische Christen und damit eine Minderheit im streng muslimischen Ägypten. Der Staat kümmert sich nicht um sie, also müssen sie sich selbst helfen. In den vergangenen Jahrzehnten haben die Sabbalin eine komplette Abfallwirtschaft aufgebaut.
Überall im Viertel finden sich kleine Fabriken, in denen der Müll gewaschen und gepresst wird. Ein Teil des Rohstoffs bleibt in Mansheyat Nasr. Aus Plastik werden hier zum Beispiel Kleiderbügel hergestellt. Über Zwischenhändler wird das besonders reine Plastik sogar bis nach China verkauft. Arbeiter wie Ashraf verdienen pro Tag etwa 7,50 Euro.
"Ich arbeite hier seit über 15 Jahren. Ich kenne mich aus mit diesem Beruf. Ich kenne die Vor- und Nachteile. Ich habe mich irgendwie daran gewöhnt."
Große gesundheitliche Risiken

Die Vorteile sind: Den Müllsammlern geht es deutlich besser als Menschen in anderen Elendsvierteln von Kairo. Ihre Einkommensquelle, der Müll, wird niemals versiegen in der 19-Millionen-Metropole. Den größten Nachteil, den kennt hier jeder, auch Bekhit Hakim:
"Ich habe Hepatitis C, vermutlich durch eine Nadel. Wir verletzen uns an Glas und scharfen Sachen. Es gibt viele Leute, die sterben. Auch meine Kinder haben sich schon oft verletzt."
Hakims Bruder ist an Hepatitis C gestorben. Die durchschnittliche Lebenserwartung der Menschen hier liegt bei 40 Jahren.
Die ägyptische Regierung hat mehrere Versuche gestartet, die Sabbalin aus dem Abfallgeschäft zu drängen. Es wurden teure Verträge mit europäischen Firmen abgeschlossen. Doch die scheiterten nicht nur an den engen Straßen, durch die kein normales Müllauto passt, sondern auch an der Faulheit der Kairoer. Sie wollen weder trennen, noch den Müll in Tonnen werfen. Und so haben nun doch wieder die Sabbalin die Oberhand, denn nur sie holen den Müllsack direkt an der Haustür ab und schaffen eine Recyclingquote von über 80 Prozent.