Im Orchesterprobensaal des Schillertheaters, wo derzeit normalerweise Daniel Barenboim mit der Staatskapelle arbeitet, probt ausnahmsweise die Regisseurin Sandra Leupold mit der Sängerin Erika Roos eine Szene aus Mozarts Don Giovanni: Donna Elviras Arie "Mi tradi".
Es ist eine inszenierte Probe vor wissenschaftlichem Publikum auf einer internationalen Konferenz. Trotzdem entsteht nach einer Weile eine intensive Arbeitssituation zwischen Regisseurin und Sängerin. Sandra Leupold vermittelt Erika Roos das mehrschichtige Konzept ihrer Don-Giovanni-Inszenierung von 2009. Die Sängerin soll den heftigen Gefühlen der Donna Elvira zwischen Liebe, Hass und Selbstverachtung nahe kommen, indem sie sich eine weitere Figur vorstellt: Eine "Elfi", die gerade die Arie singt, und dabei von privaten Gefühlen bewegt wird. Elfi habe mitten in der Arie Versagensängste, sagt die Regisseurin. Es ist eine komplexe Idee mit der dritten Figur, die der Sängerin Distanz zu sich selbst verschafft, um größte emotionale Nähe zu Donna Elviras Gefühlsdrama zu erreichen. Gelingt so die ideale Übertragung der Emotionen auf das Publikum? Gespannt verfolgen die Wissenschaftler aus dem Exzellenzcluster "Sprachen der Emotion - Languages of Emotion" der Freien Universität Berlin und ihre Gäste aus den USA das Geschehen.
"Superspannend war, denke ich, das Gefühl dabei sein zu dürfen, wo Gedanken umgesetzt werden in Taten. Und dann gleichzeitig zu erfahren, dass diese Erfahrungen, dass diese das Zustandekommen von Etwas auch rätselhaft bleibt. Man schaut zu und ist dabei, aber gleichzeitig ist es irgendwie grundsätzlich mysteriös, wie das überhaupt zustande kommt."
Der amerikanische Theaterwissenschaftler Professor David Levin von der Universität Chicago ist für diesen ungewöhnlichen Austausch von Theorie und Praxis, den sich die Konferenz zum Thema gemacht hat, nach Berlin gekommen: Was wissen die darstellenden Künste über die Sprache von Emotionen, das Wissenschaftler lernen können und umgekehrt? Welche Formen und Gestaltung finden Künstler, um Emotionen auszudrücken, welche Theorien nutzen sie und warum funktioniert letztlich die Übertragung auf das Publikum? Clemens Risi, Professor für Musiktheater am Institut für Theaterwissenschaft der Freien Universität Berlin, beeindruckte die Probe mit Blick auf eine seit der Antike andauernde Debatte in der Schauspieltheorie:
"Die eine Seite sagt: Ich kann nur überzeugend sein, wenn ich selber diese Emotionen fühle. Und die andere Seite sagt: Wenn ich diese Emotionen selbst fühle, dann lass ich mich derart mitziehen von den Emotionen, dass ich nicht mehr in der Lage bin, den Text, die Koloraturen oder die Szene so, wie sie geplant ist, durchzuführen. Diese beiden Pole fand ich in dieser Probe zu der Szene der Elvira mit Sandra Leupold und Erika Roos, beide gleichzeitig präsent als Möglichkeiten, um diese Szene zu einer wirkungsvollen für das Publikum zu bauen. Also die Debatte ist nicht entschieden, sondern man bedient sich heute beider Positionen, um etwas zu erreichen."
Eine weitere Chance zum Austausch über eine Sprache der Emotionen auf der Bühne bot auf der Konferenz die Auseinandersetzung mit der Barock-Oper. Gabriele Brandstetter, Professorin am Institut für Theaterwissenschaft der Freien Universität Berlin:
"Es ist ja immer etwas Gelerntes, etwas kulturell Tradiertes, auch etwas, was zwischen Kulturen sehr unterschiedlich codiert ist, festgelegt ist: Was sind Emotionen? Früher hat man gesagt, in der Zeit des Barock zum Beispiel: Affekte. Und hat darunter durchaus etwas anderes verstanden, als wir heute mit Emotionen bezeichnen, sehr viel klarer umrissen und sehr viel stärker in eine Symbolsprache in eine Zeichensprache übersetzt und übersetzbar. Das heißt, man sprach auch davon, dass man sie lesen kann und dass man sie wirklich verstehen kann."
Um 1700 gab es keine Regie, aber jede Menge Handbücher für Opernsänger, in denen die Sprache der Affekte beschrieben wurde. Sie bestand aus Körperhaltungen und Gesten, die auf den Bühnen Europas gleichbleibend eingesetzt wurden. Die belgische Regisseurin und Choreografin Sigrid T'Hooft hat die wissenschaftlich aufgearbeiteten Quellen ausführlich studiert und lässt sie in ihren historischen Inszenierungen barocker Opern aufleben. Alle Sänger lernen dafür Bewegung für Bewegung die barocke Körpersprache. Mit der Mezzosopranistin Mareike Braun demonstrierte sie das Ergebnis mit Arien aus Händels Oper "Amadigi di Gaula".
Mareike Braun wiegt singend ihren Körper hin und her, verlagert Gewicht von einem Bein auf das andere. Sie öffnet die Hände, zeigt nach oben, nach unten, dreht die Arme, weicht zurück, bewegt sich im Halbkreis, dem Publikum immer zugewandt. Es ist eine Zeichensprache, die auf den Betrachter fast wie ein Tanz wirkt. Sigrid T´Hooft erklärt:
"Das ist eine rhetorische Sprache, die kommt eigentlich auch von den alten Römern, und die soll eigentlich das, was gesagt wird, noch mal deutlicher abbilden ... Die Geste ... ist keine Emotion an sich. … Es ist nur die Verknüpfung von Wort, Gesang, Geste, das, wodurch der Darsteller eigentlich deutlich macht, über was er spricht, er bildet ab. Er ist Maler, er ist die Emotion nicht selber, er malt eigentlich in eine Körperposition - immer zusammen mit dem Bühnenbild, Kostüm, Beleuchtung, so wirkt es am besten - und dann wird die Emotion dadurch ausgelöst beim Publikum."
Für das barocke Publikum war es eine leicht verständliche Sprache, weil sie die alltägliche Körpersprache und den Verhaltenskodex des Adels theatralisch überhöht wiedergab. Heute sind die Ausdrucksweisen für Gefühlszustände im Alltag andere. Trotzdem berührt und bewegt diese auf den ersten Blick fremde Bühnensprache auch modernes Publikum.
"Man braucht kein Wörterbuch der Gesten, um eine Inszenierung zu verstehen. Das Sprechen mit den Händen ist sehr universal. Und ich sage immer, wenn man zum Beispiel die Gesten anguckt, die Sascha Waltz in Dido und Aeneas benutzt, oder die Inszenierung zum Beispiel von Trisha Braun, von ihrem Orfeo von Monteverdi, die machen eine Gestiksprache mit den Händen und es ist überhaupt nicht unsere heutige Sprache. Und da fragt niemand: Soll man das verstehen? Kann man das überhaupt verstehen?"
"Das Interessante ist dann, noch mal ganz genau hinzuschauen: Was ist es, das uns bewegt in dieser Bewegung? Also was ist es wirklich, was uns anspricht? Es geht ja auch dabei um Ästhetik und ästhetische Gefühle, und nicht um eins zu eins Emotionen. Das gehört sowohl zu den Erfahrungen einer gelungenen Aufführung im Theater oder im Tanz, als auch besonders zu den Aufgaben von Theoretikern, dies sichtbar zu machen und darüber zu reflektieren."
Der Dialog mit von Kunst und Wissenschaft schien auf der Konferenz für beide Seiten fruchtbar zu gelingen. Für die Kunstschaffenden heißt es andererseits auch an einer bestimmten Stelle, die Theorie hinter sich zu lassen und zur Tat zu schreiten, sagt Sigrid T'Hooft. Irgendwann muss Schluss sein mit der Analyse:
"Ab einem bestimmten Moment schließt man wirklich die Bücher und man inszeniert. Und dann gibt es 80 Prozent Handwerk und 20 Prozent Inspiration. Und verschiedene Sachen kann man einfach nicht erklären, wie erforscht ich mein Material auch habe."
Es ist eine inszenierte Probe vor wissenschaftlichem Publikum auf einer internationalen Konferenz. Trotzdem entsteht nach einer Weile eine intensive Arbeitssituation zwischen Regisseurin und Sängerin. Sandra Leupold vermittelt Erika Roos das mehrschichtige Konzept ihrer Don-Giovanni-Inszenierung von 2009. Die Sängerin soll den heftigen Gefühlen der Donna Elvira zwischen Liebe, Hass und Selbstverachtung nahe kommen, indem sie sich eine weitere Figur vorstellt: Eine "Elfi", die gerade die Arie singt, und dabei von privaten Gefühlen bewegt wird. Elfi habe mitten in der Arie Versagensängste, sagt die Regisseurin. Es ist eine komplexe Idee mit der dritten Figur, die der Sängerin Distanz zu sich selbst verschafft, um größte emotionale Nähe zu Donna Elviras Gefühlsdrama zu erreichen. Gelingt so die ideale Übertragung der Emotionen auf das Publikum? Gespannt verfolgen die Wissenschaftler aus dem Exzellenzcluster "Sprachen der Emotion - Languages of Emotion" der Freien Universität Berlin und ihre Gäste aus den USA das Geschehen.
"Superspannend war, denke ich, das Gefühl dabei sein zu dürfen, wo Gedanken umgesetzt werden in Taten. Und dann gleichzeitig zu erfahren, dass diese Erfahrungen, dass diese das Zustandekommen von Etwas auch rätselhaft bleibt. Man schaut zu und ist dabei, aber gleichzeitig ist es irgendwie grundsätzlich mysteriös, wie das überhaupt zustande kommt."
Der amerikanische Theaterwissenschaftler Professor David Levin von der Universität Chicago ist für diesen ungewöhnlichen Austausch von Theorie und Praxis, den sich die Konferenz zum Thema gemacht hat, nach Berlin gekommen: Was wissen die darstellenden Künste über die Sprache von Emotionen, das Wissenschaftler lernen können und umgekehrt? Welche Formen und Gestaltung finden Künstler, um Emotionen auszudrücken, welche Theorien nutzen sie und warum funktioniert letztlich die Übertragung auf das Publikum? Clemens Risi, Professor für Musiktheater am Institut für Theaterwissenschaft der Freien Universität Berlin, beeindruckte die Probe mit Blick auf eine seit der Antike andauernde Debatte in der Schauspieltheorie:
"Die eine Seite sagt: Ich kann nur überzeugend sein, wenn ich selber diese Emotionen fühle. Und die andere Seite sagt: Wenn ich diese Emotionen selbst fühle, dann lass ich mich derart mitziehen von den Emotionen, dass ich nicht mehr in der Lage bin, den Text, die Koloraturen oder die Szene so, wie sie geplant ist, durchzuführen. Diese beiden Pole fand ich in dieser Probe zu der Szene der Elvira mit Sandra Leupold und Erika Roos, beide gleichzeitig präsent als Möglichkeiten, um diese Szene zu einer wirkungsvollen für das Publikum zu bauen. Also die Debatte ist nicht entschieden, sondern man bedient sich heute beider Positionen, um etwas zu erreichen."
Eine weitere Chance zum Austausch über eine Sprache der Emotionen auf der Bühne bot auf der Konferenz die Auseinandersetzung mit der Barock-Oper. Gabriele Brandstetter, Professorin am Institut für Theaterwissenschaft der Freien Universität Berlin:
"Es ist ja immer etwas Gelerntes, etwas kulturell Tradiertes, auch etwas, was zwischen Kulturen sehr unterschiedlich codiert ist, festgelegt ist: Was sind Emotionen? Früher hat man gesagt, in der Zeit des Barock zum Beispiel: Affekte. Und hat darunter durchaus etwas anderes verstanden, als wir heute mit Emotionen bezeichnen, sehr viel klarer umrissen und sehr viel stärker in eine Symbolsprache in eine Zeichensprache übersetzt und übersetzbar. Das heißt, man sprach auch davon, dass man sie lesen kann und dass man sie wirklich verstehen kann."
Um 1700 gab es keine Regie, aber jede Menge Handbücher für Opernsänger, in denen die Sprache der Affekte beschrieben wurde. Sie bestand aus Körperhaltungen und Gesten, die auf den Bühnen Europas gleichbleibend eingesetzt wurden. Die belgische Regisseurin und Choreografin Sigrid T'Hooft hat die wissenschaftlich aufgearbeiteten Quellen ausführlich studiert und lässt sie in ihren historischen Inszenierungen barocker Opern aufleben. Alle Sänger lernen dafür Bewegung für Bewegung die barocke Körpersprache. Mit der Mezzosopranistin Mareike Braun demonstrierte sie das Ergebnis mit Arien aus Händels Oper "Amadigi di Gaula".
Mareike Braun wiegt singend ihren Körper hin und her, verlagert Gewicht von einem Bein auf das andere. Sie öffnet die Hände, zeigt nach oben, nach unten, dreht die Arme, weicht zurück, bewegt sich im Halbkreis, dem Publikum immer zugewandt. Es ist eine Zeichensprache, die auf den Betrachter fast wie ein Tanz wirkt. Sigrid T´Hooft erklärt:
"Das ist eine rhetorische Sprache, die kommt eigentlich auch von den alten Römern, und die soll eigentlich das, was gesagt wird, noch mal deutlicher abbilden ... Die Geste ... ist keine Emotion an sich. … Es ist nur die Verknüpfung von Wort, Gesang, Geste, das, wodurch der Darsteller eigentlich deutlich macht, über was er spricht, er bildet ab. Er ist Maler, er ist die Emotion nicht selber, er malt eigentlich in eine Körperposition - immer zusammen mit dem Bühnenbild, Kostüm, Beleuchtung, so wirkt es am besten - und dann wird die Emotion dadurch ausgelöst beim Publikum."
Für das barocke Publikum war es eine leicht verständliche Sprache, weil sie die alltägliche Körpersprache und den Verhaltenskodex des Adels theatralisch überhöht wiedergab. Heute sind die Ausdrucksweisen für Gefühlszustände im Alltag andere. Trotzdem berührt und bewegt diese auf den ersten Blick fremde Bühnensprache auch modernes Publikum.
"Man braucht kein Wörterbuch der Gesten, um eine Inszenierung zu verstehen. Das Sprechen mit den Händen ist sehr universal. Und ich sage immer, wenn man zum Beispiel die Gesten anguckt, die Sascha Waltz in Dido und Aeneas benutzt, oder die Inszenierung zum Beispiel von Trisha Braun, von ihrem Orfeo von Monteverdi, die machen eine Gestiksprache mit den Händen und es ist überhaupt nicht unsere heutige Sprache. Und da fragt niemand: Soll man das verstehen? Kann man das überhaupt verstehen?"
"Das Interessante ist dann, noch mal ganz genau hinzuschauen: Was ist es, das uns bewegt in dieser Bewegung? Also was ist es wirklich, was uns anspricht? Es geht ja auch dabei um Ästhetik und ästhetische Gefühle, und nicht um eins zu eins Emotionen. Das gehört sowohl zu den Erfahrungen einer gelungenen Aufführung im Theater oder im Tanz, als auch besonders zu den Aufgaben von Theoretikern, dies sichtbar zu machen und darüber zu reflektieren."
Der Dialog mit von Kunst und Wissenschaft schien auf der Konferenz für beide Seiten fruchtbar zu gelingen. Für die Kunstschaffenden heißt es andererseits auch an einer bestimmten Stelle, die Theorie hinter sich zu lassen und zur Tat zu schreiten, sagt Sigrid T'Hooft. Irgendwann muss Schluss sein mit der Analyse:
"Ab einem bestimmten Moment schließt man wirklich die Bücher und man inszeniert. Und dann gibt es 80 Prozent Handwerk und 20 Prozent Inspiration. Und verschiedene Sachen kann man einfach nicht erklären, wie erforscht ich mein Material auch habe."