Der Eherne Reiter : "Am wellumspülten Strand stand er Im tiefen Sinnen, nah am Meer, Und schaute weit. Vor ihm zogen die Fluten durch das niedre Land; Ein Kahn trieb einsam auf den Wogen. Am Ufer, sumpfig und bemoost, Stehen schwarze Hütten, ohne Trost, Die Wohnstatt eines armen Finnen; Den Wald, der verloren tost, Durchdringt nur Nebellinnen, Kein Sonnenstrahl.
So dachte er: Von hier aus drohen wir dem Schweden; Hier wird einst eine Stadt am Meer Uns schützen vor den Nachbar-Fehden. Die Natur hat hier im Sinn Ein Fenster nach Europa hin. Wir fassen festen Fuß am Meere, Auf diesen Fluten nie gesehn, - Froh werden alle Flaggen wehn - So viele, ferne Gästeheere.
Einhundert Jahre, die junge Stadt, Das Wunder mitternächt'ger Lande, Sich aus Dunkelheit erhoben hat In stolzem, prunkvollem Gewande; Wo einst der Stiefsohn der Natur, Der Finne, seine Fische fing. [...] Die Newa hüllte sich in Stein; Brücken, die Wasser überquerten, Gärten, dunkelgrün, sich mehrten, Inseln, in malerischen Reih'n. [...]
Ich liebe dich, du Schöpfung Peters, Ich lieb die strenge, gerade Pracht, Der Newa majestätisch Fließen, Ihr Ufer in Granit gebracht, Auch deine vielen Eisengitter Und deine nachdenkliche Nacht, Durchsichtig-weißes Lichtgezitter, Die ich in meinem Raum verbracht, Hier schreib und les ich ohne Lampe. [...] Ich lieb auch deine Sturmesseiten, Der Atem unbewegt im Frost, Schlittenflug entlang der Newa-Weiten, Die Mädchengesichter sind rosarot, Und Schimmern, Lärm, die Stadt der Bälle. Der Junggesellen lust'ger Kreis, [...] Ich lieb das kriegerische Leben, Marsfeld mit seiner vollen Zucht, Fußvolk und Pferde mit viel Wucht, Der einzigart'gen Schönheit Beben. [...]
Schmück dich, Stadt Peters, und dann steh genau wie Rußland unumstößlich, Die Kraft der Elemente geh Zu zähmen du, unablöslich. Vergessen sei das alte Weh Vom Strom gebracht, in früh'ren Tagen. Kein Hochwasser kann stören wagen Den ew'gen Traum Peters, des Zar! "
27. Mai 1703. Im sumpfigen Delta der Newa, dort, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen und im kurzen nordischen Sommer finnische Fischer ihre Hütten bauen, herrscht an diesem Pfingstmorgen geschäftiges Treiben. Auf Befehl von Zar Peter I. legt man den Grundstein für eine Festung zur Überwachung der Flussmündung, die den Schutzheiligen des Zaren, Peter und Paul, geweiht wird.
Aus der Festung erwächst binnen weniger Jahrzehnte eine Stadt, die in Europa ihresgleichen sucht.
St. Petersburg 1787. Aus dem Tagebuch von Friedrich von Löwis of Menar, Russisch-Kaiserlicher Generalleutnant:
Die Residenzstadt ist von allen großen Städten in Europa die neueste und gewiss mit die schönste, auf beiden Ufern des Newa Stromes und seiner Arme erheben sich die schönsten Häuser; alle in modernen und guten Geschmacke erbauet.
Peter der I., dieser große Monarch, der die russische Nation aus der tiefsten Barbarei hervor zog, ihr die bildenden und nützlichen Künste und Wissenschaften kennen lehrte, ihre bisher rauhen Sitten milderte, die Finsternis des Aberglaubens verbannte, mit einem Worte, der wahre Schöpfer Rußlands wie es jetzt ist, ward; verewigte noch seinen Namen nachdem er ganz Ingermanland erobert hatte durch Gründung dieser Stadt, die seinen Namen trägt. 4 Werste von dem Ausflusse des Newa Stromes in den finnischen Meerbusen, wo selbiger sich in einer Spitze endigt, auf einer Insel lies der Kayser ein Haus für sich bauen, um denen neuen Arbeiten näher zu sein. Die sumpfigen Ufer des Newa Fusses waren mit einem dicken Walde bedeckt, welcher abgehauen werden mußte. Die Stämme haben dazu angewandt werden müssen in den sumpfigen Boden eingerammt zu werden, weil er sonst nicht Festigkeit genug gehabt hätte Häuser und andere Gebäude zu tragen. Peter der Große konnte nur einen kleinen Theil von St. Petersburg erbauen, aber seine erhabenen Nachfolger haben es sich sehr angelegen sein lassen, die Stadt immer zu vergrößern und zu verschönern. Die jetzt Glorreich Regierende Kayserin Catharina II. hat das größte Verdienst darum.
"Petro primo Catarina secunda", so steht es auf dem Sockel des Ehernen Reiters von Sankt Petersburg - "Peter dem Ersten von Katharina der Zweiten". Im Jahre 1778 war das Denkmal enthüllt worden. Ein halbes Jahrhundert später, im Dezember 1825, versammeln sich die Dekabristen am Denkmal Peters des Großen - demonstrieren für eine konstitutionelle Monarchie in Russland. Der gewaltfreie Protest wird blutig niedergeschlagen. Die Zeit ist noch nicht reif für eine Zeitenwende in Russland. Im Jahre 1917 ist sie dann überreif. Nichts bleibt so, wie es war, in Russland. In Sankt Petersburg, das jetzt Petrograd heißt, wird ein neues Kapitel der Weltgeschichte aufgeschlagen.
St. Petersburg - Petrograd - Leningrad - St. Petersburg. Der Kreis hat sich geschlossen. An der Newa wurde - an der Newa wird - Weltgeschichte geschrieben, selbst wenn Russlands Hauptstadt heute wieder Moskau heißt. So kommen denn Gratulanten von allen Kontinenten, um der Stadt Peters des Großen zu ihrem 300. Geburtstag zu gratulieren. Und auf dem Buchmarkt ist eine ganze Flut von Publikationen erschienen, die sich mit der Geschichte von St. Petersburg beschäftigen. Zwei der gehaltvollsten, zwei der interessantesten Werke stellt Marianna Butenschön vor:
Wenn von der Geburt der Moderne in Europa die Rede ist, werden gewöhnlich drei Städte genannt: Paris, Wien und Berlin. Eine vierte Metropole fehlt bisher in dieser Aufzählung: St. Petersburg, Hauptstadt des Zarenreiches von 1712 bis 1918. Denn auch die Stadt an der Newa war zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Brennpunkt der künstlerischen und literarischen Avantgarde und auf dem besten Weg, eine moderne Metropole zu werden:
Es ist wichtig zu begreifen, dass es einmal ein Europa gegeben hat, das von Teilung noch nichts gewusst hat. Sankt Petersburg war einer der nordosteuropäischen Eckpfeiler im Beziehungssystem der europäischen Städte und Hauptstädte. Deshalb ist das, was dort geschah, für das übrige Europa nicht exotisch, sondern von zentraler Bedeutung.
Nach dem Oktoberumsturz von 1917 und der Verlegung der Hauptstadt Sowjetrusslands nach Moskau ist diese einzigartige Stadt für lange Zeit aus der europäischen Wahrnehmung herausgefallen, weil die Bolschewiki sie zur Provinzstadt degradiert und die Petersburger Kultur planmäßig zerstört haben. Morgen feiert sie nun ihren 300. Geburtstag, die "tragische Imperiale", und dieses Jubiläum könnte, so meint Karl Schlögel, den Wiedereintritt St. Petersburgs in den Kreis der Weltstädte einleiten. Zumindest ist die Dreihundertjahrfeier der Anlass für die zweite Auflage dieses bemerkenswerten Buches, das erstmalig 1988, als die Stadt noch Leningrad hieß, unter dem Titel "Jenseits des Großen Oktober. Das Laboratorium der Moderne. Petersburg 1909-1921" bei Siedler in Berlin herauskam. Der Hanser Verlag hat bei der Neuauflage wohlweislich auf den ursprünglichen Titel "Jenseits des Großen Oktober" verzichtet, denn kaum noch jemand würde die Machtergreifung der Bolschewiki, die zum Untergang Petersburgs und zur Selbstzerstörung Russlands führte, heute im Ernst als "groß" bezeichnen. Hingegen sind Ton und Diktion des Textes der ersten Auflage erhalten geblieben, die Oktoberrevolution bleibt bei Schlögel eine große Revolution. Der zweiten Auflage hat der Autor aber eine "Hommage" an das Geburtstagskind vorangestellt, in der er vor allem auf den Neuanfang nach 1991 abhebt:
Wenn es irgendwo eine Stadt in Russland gibt, in der die Rekultivierung der Lebensformen und die Restitution urban-ziviler Kultur möglich erscheint, dann dürfte dies am ehesten in St. Petersburg der Fall sein. Die ehemalige Hauptstadt des Reiches, gestrandet auf der Sandbank der Zeit, ist dabei, wieder in Fahrt zu kommen.
Karl Schlögel hat erstmalig Mitte der 80er Jahre mit seinem Essay "Die Mitte liegt ostwärts" Furore gemacht. Die "Alleinherrschaft des Ost-West-Denkens" in unseren Köpfen neigte sich bereits ihrem Ende zu, und in der Sowjetunion war Perestroika angesagt. Aber alle Welt starrte gebannt auf Moskau, während Leningrad in einem Dornröschenschlaf zu verharren schien. Tatsächlich kamen aus dem Leningrader Underground viel radikalere Signale des künstlerischen und gesellschaftlichen Aufbruchs als aus den Moskauer Wohnküchen. Und alle Welt las damals das seit 1922 nicht wiederaufgelegte legendäre Buch "Die Seele Petersburgs" von Nikolaj Anziferow, einen Klassiker der Petersburgkunde, der sicher auch Karl Schlögel bei seinen Recherchen inspiriert hat:
Wer ‚Die Seele Petersburgs’ kannte, gehörte zu den Eingeweihten, zu denen, die wußten, daß es neben der offiziellen Geschichte Leningrads noch eine andere Geschichte und neben dem einen Blick auf die Stadt noch einen anderen gab.
Diese "andere Geschichte" ist längst auch zum internationalen Forschungsgegenstand geworden. In einer ausführlichen bibliographischen Notiz kommentiert Karl Schlögel eine Unzahl von Neuerscheinungen zur Geschichte Petersburgs, die kaum einen Aspekt auslassen. Für all diese Autoren ist St. Petersburg ein Ort, "an dem sich der historische Sinn schult." Dort wird aus Vergangenheit Geschichte und aus Mythen Historie. Seit die Stadt kein Revolutionsmuseum mehr ist, kommen Daten und Fakten wieder zum Vorschein, die in der Sowjetzeit gleichsam außer Kraft gesetzt worden waren und die neu interpretiert werden müssen:
Die Stadt ist der Geschichtsort, an dem sich etwas so entschieden hat, wie es sich entschieden hat, nicht nur eine Folie oder eine Kulisse, die jederzeit durch eine andere ersetzbar wäre. Wenn man von Petersburg spricht, dann meint man einen Ort der Kontingenz, der Verknüpfung von Menschen und Aktionen, wie sie nur dort zustande kam. (...) Die konstitutive Bedeutung der räumlichen Dimension ist in jedem Augenblick spürbar ...
1703 von Peter dem Großen in den Sümpfen der Newa gegründet und von den besten Architekten Europas geplant, war die Stadt das Ergebnis eines gewalttätigen schöpferischen Aktes. Sie entstand auf erobertem Boden und auf den Knochen Hunderttausender. Eine solche Gründungsgeschichte bringt Mythen hervor, und St. Petersburg ist ohne seinen Mythos nicht denkbar. Die glänzende Residenzstadt war eben auch Kapitale eines autokratischen Polizeistaates, eine Kasernen- und Beamtenstadt. Dennoch entstand gerade in dieser Stadt die klassische russische Literatur, und es waren die Dichter und Schriftsteller, allen voran Alexander Puschkin mit seinem Poem "Der eherne Reiter", die den Mythos St. Petersburg schufen und weiterentwickelten. Von Anfang an war "Peters Schöpfung" umstritten, und der Untergang wurde ihr selbst noch prophezeit, als die Stadt bereits jenes Laboratorium der Moderne war, das Karl Schlögel beschreibt. Dass das Epochenjahr 1917 eine Zäsur darstellt, steht außer Zweifel. Doch für seine Untersuchung hat der Autor mit Bedacht die Jahre von 1909 bis 1921 gewählt:
Das hier angegebene Jahrzehnt fungiert als Brennglas, unter dem die Prozesse, Abläufe, Ereignisse sichtbar werden. Binnen eines Jahrzehnts hat Petersburg/ Petrograd fast alles ausgekostet, was einer Stadt im 20. Jahrhundert widerfahren konnte: ökonomischer Boom und ungeahnte Blüte, Krise und Krieg, Revolution und Bürgerkrieg, Zerfall jahrhundertealter Autorität und Etablierung einer ganz neuen von allen Hemmungen befreiten Diktatur, Hungersnot, Epidemien, aber auch Leidenschaften und Enthusiasmus.
Nach Jahrzehnten, in denen ein düsteres Petersburgbild überwog, erlebt die positive Petersburg-Betrachtung eine unerhörte Renaissance. Diese wird begleitet von zivilgesellschaftlichen Anfängen, denen Russland seine stürmische Entwicklung zu Beginn des 20. Jahrhunderts verdankte:
Die Helden diese Buches sind jene Gestalten, die Rußlands Aufbruch in die Moderne getragen haben. Es hätte daher vielleicht auch den Titel "Das junge Rußland tragen können (...) Jede Gestalt war für mich seinerzeit eine Entdeckung, eine Individualität und nicht die Illustration für eine These, die Historiker manchmal im Kopf haben. In den einzelnen Kapiteln ist dargelegt, weshalb gerade sie in dem Buch auftauchen und nicht andere.
Schögels "Helden" sind Vertreter der Intelligenzija: Schriftsteller, Publizisten, Verleger, Dirigenten, Musiker, aber auch Industrielle, Kaufleute Ingenieure und Politiker; seine Sujets: Bauten, Plätze und Straßen wie der berühmte Newskij Prospekt, dem er ein ganzes Kapitel widmet. Und so erscheint die Stadt als lebendiger, beseelter Körper - das "Laboratorium der Moderne" wie ein Ausschnitt aus der Biographie einer Traumstadt, obwohl das Leben für die Masse ihrer Bewohner zu keiner Zeit traumhaft war. Aber die Jahre von 1909 bis 1921 waren für die Stadt eine große Chance, ihren europäischen Joker auszuspielen, den Übergang von einer aristokratisch-imperialen zu einer urbanen Zivilisation zu vollziehen und die säkulare Modernisierung Russlands unter ziviler Ägide anzuführen. Dazu ist es nicht gekommen:
Sankt Petersburg erfährt die Revolution an sich selbst, bevor es im Zuge der Revolution als Hauptstadt erlischt.
Wer die nicht einfache Lektüre des "Laboratoriums" zunächst aufschieben möchte, dem sei Nikolaj Anziferows "Die Seele Petersburgs" empfohlen. Anziferow, der 1889 im Gouvernement Kiew geboren wurde und 1958 in Leningrad starb, war einer der Begründer der russischen historischen Landeskunde und der "Peterburgika", der Wissenschaft von Petersburg, seiner Geschichte, seiner Kultur und seines Mythos.
"Die Seele Petersburgs" entstand zwischen 1919 und 1922, als die Stadt ihren Hauptstadtstatus bereits verloren hatte und entvölkert darniederlag. Doch im Unterschied zu Autoren traditioneller Reiseführer, die sich auf Daten, Fakten und Beschreibungen von Plätzen und Gebäuden beschränken, untersucht und interpretiert Anziferow vor allem den "genius loci", also den Geist des Ortes St. Petersburg, der natürlich ein ganz besonderer ist. Er läßt sich nicht definieren. Und ihn auch nur annähernd zu beschreiben, ist "eine nicht leicht zu bewältigende Aufgabe", wie der Autor gesteht. Dennoch können wir diese Beschreibung nachvollziehen, indem wir wieder einmal die Klassiker lesen. Denn Anziferow bietet eine Exkursion in die literarische Schatzkammer Russlands an, die gefüllt ist mit Bildern der Stadt aus verschiedenen Epochen. Das Buch ist 1922 erschienen, in dem Jahr, in dem eine große Gruppe Intellektueller aus dem Lande deportiert wurde. Und so grenzt es an ein Wunder, dass "Die Seele Petersburgs" noch erscheinen konnte. Später verbrachte Anziferow fast zehn Jahre im GULAG, seine Bücher wurden jahrzehntelang nicht veröffentlicht. "Die Seele Petersburgs" erschien erst 1991 wieder und wurde zum Bestseller, weil die Petersburger sich die verschwiegene und verfälschte Geschichte ihrer Stadt wieder aneignen wollten. Das Buch ist keine akademische Untersuchung mit Anspruch auf Vollständigkeit und Objektivität, sondern ein leidenschaftliches Plädoyer für die Stadt. Nach der Lektüre möchte man hinfahren und abseits der üblichen Stadtführungen die "literarischen" Bilder der Stadt auf sich wirken lassen. Erst wenn man diese Bilder vor sich sieht, ist der Eindruck von der Stadt vollständig. Zitator:
Wer wird unser Auge mit Ansichten aus der Vergangenheit bereichert, so entfaltet und verfeinert es sein Sehvermögen. Vieles von dem, was ein Geheimnis war, wird offenbar.
Das von Karl Schlögel mit einem ausführlichen Vorwort versehene Buch sollte zum "Vademecum" von gegenwärtigen und zukünftigen Petersburgreisenden werden. Marianna Butenschön Karl Schlögel: Petersburg. Das Laboratorium der Moderne, 1909 - 1921, Carl Hanser Verlag Nikolai P. Anziferow: Die Seele Petersburgs, Carl Hanser Verlag
So dachte er: Von hier aus drohen wir dem Schweden; Hier wird einst eine Stadt am Meer Uns schützen vor den Nachbar-Fehden. Die Natur hat hier im Sinn Ein Fenster nach Europa hin. Wir fassen festen Fuß am Meere, Auf diesen Fluten nie gesehn, - Froh werden alle Flaggen wehn - So viele, ferne Gästeheere.
Einhundert Jahre, die junge Stadt, Das Wunder mitternächt'ger Lande, Sich aus Dunkelheit erhoben hat In stolzem, prunkvollem Gewande; Wo einst der Stiefsohn der Natur, Der Finne, seine Fische fing. [...] Die Newa hüllte sich in Stein; Brücken, die Wasser überquerten, Gärten, dunkelgrün, sich mehrten, Inseln, in malerischen Reih'n. [...]
Ich liebe dich, du Schöpfung Peters, Ich lieb die strenge, gerade Pracht, Der Newa majestätisch Fließen, Ihr Ufer in Granit gebracht, Auch deine vielen Eisengitter Und deine nachdenkliche Nacht, Durchsichtig-weißes Lichtgezitter, Die ich in meinem Raum verbracht, Hier schreib und les ich ohne Lampe. [...] Ich lieb auch deine Sturmesseiten, Der Atem unbewegt im Frost, Schlittenflug entlang der Newa-Weiten, Die Mädchengesichter sind rosarot, Und Schimmern, Lärm, die Stadt der Bälle. Der Junggesellen lust'ger Kreis, [...] Ich lieb das kriegerische Leben, Marsfeld mit seiner vollen Zucht, Fußvolk und Pferde mit viel Wucht, Der einzigart'gen Schönheit Beben. [...]
Schmück dich, Stadt Peters, und dann steh genau wie Rußland unumstößlich, Die Kraft der Elemente geh Zu zähmen du, unablöslich. Vergessen sei das alte Weh Vom Strom gebracht, in früh'ren Tagen. Kein Hochwasser kann stören wagen Den ew'gen Traum Peters, des Zar! "
27. Mai 1703. Im sumpfigen Delta der Newa, dort, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen und im kurzen nordischen Sommer finnische Fischer ihre Hütten bauen, herrscht an diesem Pfingstmorgen geschäftiges Treiben. Auf Befehl von Zar Peter I. legt man den Grundstein für eine Festung zur Überwachung der Flussmündung, die den Schutzheiligen des Zaren, Peter und Paul, geweiht wird.
Aus der Festung erwächst binnen weniger Jahrzehnte eine Stadt, die in Europa ihresgleichen sucht.
St. Petersburg 1787. Aus dem Tagebuch von Friedrich von Löwis of Menar, Russisch-Kaiserlicher Generalleutnant:
Die Residenzstadt ist von allen großen Städten in Europa die neueste und gewiss mit die schönste, auf beiden Ufern des Newa Stromes und seiner Arme erheben sich die schönsten Häuser; alle in modernen und guten Geschmacke erbauet.
Peter der I., dieser große Monarch, der die russische Nation aus der tiefsten Barbarei hervor zog, ihr die bildenden und nützlichen Künste und Wissenschaften kennen lehrte, ihre bisher rauhen Sitten milderte, die Finsternis des Aberglaubens verbannte, mit einem Worte, der wahre Schöpfer Rußlands wie es jetzt ist, ward; verewigte noch seinen Namen nachdem er ganz Ingermanland erobert hatte durch Gründung dieser Stadt, die seinen Namen trägt. 4 Werste von dem Ausflusse des Newa Stromes in den finnischen Meerbusen, wo selbiger sich in einer Spitze endigt, auf einer Insel lies der Kayser ein Haus für sich bauen, um denen neuen Arbeiten näher zu sein. Die sumpfigen Ufer des Newa Fusses waren mit einem dicken Walde bedeckt, welcher abgehauen werden mußte. Die Stämme haben dazu angewandt werden müssen in den sumpfigen Boden eingerammt zu werden, weil er sonst nicht Festigkeit genug gehabt hätte Häuser und andere Gebäude zu tragen. Peter der Große konnte nur einen kleinen Theil von St. Petersburg erbauen, aber seine erhabenen Nachfolger haben es sich sehr angelegen sein lassen, die Stadt immer zu vergrößern und zu verschönern. Die jetzt Glorreich Regierende Kayserin Catharina II. hat das größte Verdienst darum.
"Petro primo Catarina secunda", so steht es auf dem Sockel des Ehernen Reiters von Sankt Petersburg - "Peter dem Ersten von Katharina der Zweiten". Im Jahre 1778 war das Denkmal enthüllt worden. Ein halbes Jahrhundert später, im Dezember 1825, versammeln sich die Dekabristen am Denkmal Peters des Großen - demonstrieren für eine konstitutionelle Monarchie in Russland. Der gewaltfreie Protest wird blutig niedergeschlagen. Die Zeit ist noch nicht reif für eine Zeitenwende in Russland. Im Jahre 1917 ist sie dann überreif. Nichts bleibt so, wie es war, in Russland. In Sankt Petersburg, das jetzt Petrograd heißt, wird ein neues Kapitel der Weltgeschichte aufgeschlagen.
St. Petersburg - Petrograd - Leningrad - St. Petersburg. Der Kreis hat sich geschlossen. An der Newa wurde - an der Newa wird - Weltgeschichte geschrieben, selbst wenn Russlands Hauptstadt heute wieder Moskau heißt. So kommen denn Gratulanten von allen Kontinenten, um der Stadt Peters des Großen zu ihrem 300. Geburtstag zu gratulieren. Und auf dem Buchmarkt ist eine ganze Flut von Publikationen erschienen, die sich mit der Geschichte von St. Petersburg beschäftigen. Zwei der gehaltvollsten, zwei der interessantesten Werke stellt Marianna Butenschön vor:
Wenn von der Geburt der Moderne in Europa die Rede ist, werden gewöhnlich drei Städte genannt: Paris, Wien und Berlin. Eine vierte Metropole fehlt bisher in dieser Aufzählung: St. Petersburg, Hauptstadt des Zarenreiches von 1712 bis 1918. Denn auch die Stadt an der Newa war zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Brennpunkt der künstlerischen und literarischen Avantgarde und auf dem besten Weg, eine moderne Metropole zu werden:
Es ist wichtig zu begreifen, dass es einmal ein Europa gegeben hat, das von Teilung noch nichts gewusst hat. Sankt Petersburg war einer der nordosteuropäischen Eckpfeiler im Beziehungssystem der europäischen Städte und Hauptstädte. Deshalb ist das, was dort geschah, für das übrige Europa nicht exotisch, sondern von zentraler Bedeutung.
Nach dem Oktoberumsturz von 1917 und der Verlegung der Hauptstadt Sowjetrusslands nach Moskau ist diese einzigartige Stadt für lange Zeit aus der europäischen Wahrnehmung herausgefallen, weil die Bolschewiki sie zur Provinzstadt degradiert und die Petersburger Kultur planmäßig zerstört haben. Morgen feiert sie nun ihren 300. Geburtstag, die "tragische Imperiale", und dieses Jubiläum könnte, so meint Karl Schlögel, den Wiedereintritt St. Petersburgs in den Kreis der Weltstädte einleiten. Zumindest ist die Dreihundertjahrfeier der Anlass für die zweite Auflage dieses bemerkenswerten Buches, das erstmalig 1988, als die Stadt noch Leningrad hieß, unter dem Titel "Jenseits des Großen Oktober. Das Laboratorium der Moderne. Petersburg 1909-1921" bei Siedler in Berlin herauskam. Der Hanser Verlag hat bei der Neuauflage wohlweislich auf den ursprünglichen Titel "Jenseits des Großen Oktober" verzichtet, denn kaum noch jemand würde die Machtergreifung der Bolschewiki, die zum Untergang Petersburgs und zur Selbstzerstörung Russlands führte, heute im Ernst als "groß" bezeichnen. Hingegen sind Ton und Diktion des Textes der ersten Auflage erhalten geblieben, die Oktoberrevolution bleibt bei Schlögel eine große Revolution. Der zweiten Auflage hat der Autor aber eine "Hommage" an das Geburtstagskind vorangestellt, in der er vor allem auf den Neuanfang nach 1991 abhebt:
Wenn es irgendwo eine Stadt in Russland gibt, in der die Rekultivierung der Lebensformen und die Restitution urban-ziviler Kultur möglich erscheint, dann dürfte dies am ehesten in St. Petersburg der Fall sein. Die ehemalige Hauptstadt des Reiches, gestrandet auf der Sandbank der Zeit, ist dabei, wieder in Fahrt zu kommen.
Karl Schlögel hat erstmalig Mitte der 80er Jahre mit seinem Essay "Die Mitte liegt ostwärts" Furore gemacht. Die "Alleinherrschaft des Ost-West-Denkens" in unseren Köpfen neigte sich bereits ihrem Ende zu, und in der Sowjetunion war Perestroika angesagt. Aber alle Welt starrte gebannt auf Moskau, während Leningrad in einem Dornröschenschlaf zu verharren schien. Tatsächlich kamen aus dem Leningrader Underground viel radikalere Signale des künstlerischen und gesellschaftlichen Aufbruchs als aus den Moskauer Wohnküchen. Und alle Welt las damals das seit 1922 nicht wiederaufgelegte legendäre Buch "Die Seele Petersburgs" von Nikolaj Anziferow, einen Klassiker der Petersburgkunde, der sicher auch Karl Schlögel bei seinen Recherchen inspiriert hat:
Wer ‚Die Seele Petersburgs’ kannte, gehörte zu den Eingeweihten, zu denen, die wußten, daß es neben der offiziellen Geschichte Leningrads noch eine andere Geschichte und neben dem einen Blick auf die Stadt noch einen anderen gab.
Diese "andere Geschichte" ist längst auch zum internationalen Forschungsgegenstand geworden. In einer ausführlichen bibliographischen Notiz kommentiert Karl Schlögel eine Unzahl von Neuerscheinungen zur Geschichte Petersburgs, die kaum einen Aspekt auslassen. Für all diese Autoren ist St. Petersburg ein Ort, "an dem sich der historische Sinn schult." Dort wird aus Vergangenheit Geschichte und aus Mythen Historie. Seit die Stadt kein Revolutionsmuseum mehr ist, kommen Daten und Fakten wieder zum Vorschein, die in der Sowjetzeit gleichsam außer Kraft gesetzt worden waren und die neu interpretiert werden müssen:
Die Stadt ist der Geschichtsort, an dem sich etwas so entschieden hat, wie es sich entschieden hat, nicht nur eine Folie oder eine Kulisse, die jederzeit durch eine andere ersetzbar wäre. Wenn man von Petersburg spricht, dann meint man einen Ort der Kontingenz, der Verknüpfung von Menschen und Aktionen, wie sie nur dort zustande kam. (...) Die konstitutive Bedeutung der räumlichen Dimension ist in jedem Augenblick spürbar ...
1703 von Peter dem Großen in den Sümpfen der Newa gegründet und von den besten Architekten Europas geplant, war die Stadt das Ergebnis eines gewalttätigen schöpferischen Aktes. Sie entstand auf erobertem Boden und auf den Knochen Hunderttausender. Eine solche Gründungsgeschichte bringt Mythen hervor, und St. Petersburg ist ohne seinen Mythos nicht denkbar. Die glänzende Residenzstadt war eben auch Kapitale eines autokratischen Polizeistaates, eine Kasernen- und Beamtenstadt. Dennoch entstand gerade in dieser Stadt die klassische russische Literatur, und es waren die Dichter und Schriftsteller, allen voran Alexander Puschkin mit seinem Poem "Der eherne Reiter", die den Mythos St. Petersburg schufen und weiterentwickelten. Von Anfang an war "Peters Schöpfung" umstritten, und der Untergang wurde ihr selbst noch prophezeit, als die Stadt bereits jenes Laboratorium der Moderne war, das Karl Schlögel beschreibt. Dass das Epochenjahr 1917 eine Zäsur darstellt, steht außer Zweifel. Doch für seine Untersuchung hat der Autor mit Bedacht die Jahre von 1909 bis 1921 gewählt:
Das hier angegebene Jahrzehnt fungiert als Brennglas, unter dem die Prozesse, Abläufe, Ereignisse sichtbar werden. Binnen eines Jahrzehnts hat Petersburg/ Petrograd fast alles ausgekostet, was einer Stadt im 20. Jahrhundert widerfahren konnte: ökonomischer Boom und ungeahnte Blüte, Krise und Krieg, Revolution und Bürgerkrieg, Zerfall jahrhundertealter Autorität und Etablierung einer ganz neuen von allen Hemmungen befreiten Diktatur, Hungersnot, Epidemien, aber auch Leidenschaften und Enthusiasmus.
Nach Jahrzehnten, in denen ein düsteres Petersburgbild überwog, erlebt die positive Petersburg-Betrachtung eine unerhörte Renaissance. Diese wird begleitet von zivilgesellschaftlichen Anfängen, denen Russland seine stürmische Entwicklung zu Beginn des 20. Jahrhunderts verdankte:
Die Helden diese Buches sind jene Gestalten, die Rußlands Aufbruch in die Moderne getragen haben. Es hätte daher vielleicht auch den Titel "Das junge Rußland tragen können (...) Jede Gestalt war für mich seinerzeit eine Entdeckung, eine Individualität und nicht die Illustration für eine These, die Historiker manchmal im Kopf haben. In den einzelnen Kapiteln ist dargelegt, weshalb gerade sie in dem Buch auftauchen und nicht andere.
Schögels "Helden" sind Vertreter der Intelligenzija: Schriftsteller, Publizisten, Verleger, Dirigenten, Musiker, aber auch Industrielle, Kaufleute Ingenieure und Politiker; seine Sujets: Bauten, Plätze und Straßen wie der berühmte Newskij Prospekt, dem er ein ganzes Kapitel widmet. Und so erscheint die Stadt als lebendiger, beseelter Körper - das "Laboratorium der Moderne" wie ein Ausschnitt aus der Biographie einer Traumstadt, obwohl das Leben für die Masse ihrer Bewohner zu keiner Zeit traumhaft war. Aber die Jahre von 1909 bis 1921 waren für die Stadt eine große Chance, ihren europäischen Joker auszuspielen, den Übergang von einer aristokratisch-imperialen zu einer urbanen Zivilisation zu vollziehen und die säkulare Modernisierung Russlands unter ziviler Ägide anzuführen. Dazu ist es nicht gekommen:
Sankt Petersburg erfährt die Revolution an sich selbst, bevor es im Zuge der Revolution als Hauptstadt erlischt.
Wer die nicht einfache Lektüre des "Laboratoriums" zunächst aufschieben möchte, dem sei Nikolaj Anziferows "Die Seele Petersburgs" empfohlen. Anziferow, der 1889 im Gouvernement Kiew geboren wurde und 1958 in Leningrad starb, war einer der Begründer der russischen historischen Landeskunde und der "Peterburgika", der Wissenschaft von Petersburg, seiner Geschichte, seiner Kultur und seines Mythos.
"Die Seele Petersburgs" entstand zwischen 1919 und 1922, als die Stadt ihren Hauptstadtstatus bereits verloren hatte und entvölkert darniederlag. Doch im Unterschied zu Autoren traditioneller Reiseführer, die sich auf Daten, Fakten und Beschreibungen von Plätzen und Gebäuden beschränken, untersucht und interpretiert Anziferow vor allem den "genius loci", also den Geist des Ortes St. Petersburg, der natürlich ein ganz besonderer ist. Er läßt sich nicht definieren. Und ihn auch nur annähernd zu beschreiben, ist "eine nicht leicht zu bewältigende Aufgabe", wie der Autor gesteht. Dennoch können wir diese Beschreibung nachvollziehen, indem wir wieder einmal die Klassiker lesen. Denn Anziferow bietet eine Exkursion in die literarische Schatzkammer Russlands an, die gefüllt ist mit Bildern der Stadt aus verschiedenen Epochen. Das Buch ist 1922 erschienen, in dem Jahr, in dem eine große Gruppe Intellektueller aus dem Lande deportiert wurde. Und so grenzt es an ein Wunder, dass "Die Seele Petersburgs" noch erscheinen konnte. Später verbrachte Anziferow fast zehn Jahre im GULAG, seine Bücher wurden jahrzehntelang nicht veröffentlicht. "Die Seele Petersburgs" erschien erst 1991 wieder und wurde zum Bestseller, weil die Petersburger sich die verschwiegene und verfälschte Geschichte ihrer Stadt wieder aneignen wollten. Das Buch ist keine akademische Untersuchung mit Anspruch auf Vollständigkeit und Objektivität, sondern ein leidenschaftliches Plädoyer für die Stadt. Nach der Lektüre möchte man hinfahren und abseits der üblichen Stadtführungen die "literarischen" Bilder der Stadt auf sich wirken lassen. Erst wenn man diese Bilder vor sich sieht, ist der Eindruck von der Stadt vollständig. Zitator:
Wer wird unser Auge mit Ansichten aus der Vergangenheit bereichert, so entfaltet und verfeinert es sein Sehvermögen. Vieles von dem, was ein Geheimnis war, wird offenbar.
Das von Karl Schlögel mit einem ausführlichen Vorwort versehene Buch sollte zum "Vademecum" von gegenwärtigen und zukünftigen Petersburgreisenden werden. Marianna Butenschön Karl Schlögel: Petersburg. Das Laboratorium der Moderne, 1909 - 1921, Carl Hanser Verlag Nikolai P. Anziferow: Die Seele Petersburgs, Carl Hanser Verlag