Stefan Koldehoff: Das Museum Kurhaus Kleve, im Nordwesten der Republik kurz vor der holländischen Grenze gelegen, hat zwar eine große Sammlung mittelalterlicher und barocker Kunst. In den Wechselausstellungen aber verschreibt es sich seit längerem immer wieder vor allem jener Kunst, die zu großen Teilen aus dem Kopf und nicht aus dem Bauch oder wer weiß woher kommt. So auch in diesem Herbst wieder. Zu sehen sind neue Arbeiten eines Künstlers, den die schubladenbegeisterten Kunsthistoriker gern als den Mitbegründer der Arte Povera bezeichnen – Arte-Povera-Installationen und Bilder seit Mitte der 60er Jahre, gern aus sogenannten "armen", also gewöhnlichen Materialien, Holz, Erde, Fäden, Säcke entstanden. Nun ist dieser Gründer der "armen Kunst", Jannis Kounellis, auch noch Grieche. Christiane Vielhaber: Versuchen wir doch mal, in den nächsten viereinhalb Minuten ohne jede aktuelle politische Anspielung über die Runden zu kommen und uns ganz auf die Kunst zu konzentrieren. Oder geschieht das in Kleve auch nicht?
Christiane Vielhaber: Wenn Sie eben gesagt haben, Kunst, die aus dem Kopf kommt, dann denke ich immer an Konzeptkunst. Bei Kounellis könnte man fast sagen, es ist Kunst, die aus den Muckis kommt. Nehmen wir diesen aktuellen Fall: Er hat Mäntel genommen, schwere schwarze Mäntel – am liebsten sind ihm jene, die so Juden getragen haben, oder wie wir das kennen, diese langen schwarzen Mäntel -, die hat er in Pech getaucht beziehungsweise Teer, was ein bisschen verdünnt ist, und die dann genommen - Sie können sich vorstellen, wie schwer das ist - und die dann auf Leinwände gedrückt. Und aus diesem Abklatschen sind nun Bilder entstanden. Also insofern ist das wirklich ein absoluter Kraftakt, der da passiert. Dass das inzwischen seine Assistenten machen, ist ziemlich klar, aber trotzdem: Er ist dabei, und darum geht es eigentlich. Dieses Machen, dieses Abdrücken, und dann entsteht eine Form, die man sich vorher überhaupt nicht vorstellen kann, die es vorher noch nicht gegeben hat, die man auch nicht im Kopf haben kann, denn Sie wissen ja gar nicht, was da abklatscht. Und dann entstehen Bilder, die sowohl abstrakt sind als auch figurativ. Denn wenn er den wirklichen Mantel nimmt, dann sehen Sie die Ärmel und dann sehen Sie diese Falten, wo dann weiße Flächen bleiben, und dann ist das unheimlich plastisch. In anderen Bildern, wo er Mäntel zerschneidet und nur Fragmente nimmt, wird es in meinen Augen etwas fragwürdig.
Koldehoff: Warum? Was heißt fragwürdig?
Vielhaber: Fragwürdig, weil das, was auf dem Bildträger zu sehen ist, nicht irgendwie was Beliebiges hat. Aber so ein Mantel ist eine Form, und diese Form breitet sich aus. Aber dieses Fragmentarische, was er dann zum Teil noch dekoriert, entweder mit Stahlträgern, die wie ein V gebildet sind, oder er legt dann noch Stoffe darum herum - das ist mir alles zu viel. Also am tollsten sind für mich diese ganz ruhigen, die nicht unbedingt ruhig sind. Sie sehen etwas von diesem Explosiven, was da passiert ist, und dann das Verschwinden dieses Mantels und dieser Abdruck, und das macht diese Ausstellung allerdings gut, das ist keine Erfindung von heute. Kounellis hat Ende der 50er Jahre angefangen als Protest gegen die Beliebigkeit der informellen Malerei, die es ja auch in Italien gab – ob es das in Griechenland vorher gab, weiß ich nicht, aber er hat ja Griechenland mit 20 verlassen. Und er ist dann durch die Straßen von Rom gegangen und hat sich Reklameschilder, Straßenschilder angeguckt, hat die mitgenommen und hat mit diesen Zahlen und Buchstaben seine Leinwände gestempelt. Und im Grunde genommen ist das ja jetzt nichts anderes als dieses Stempeln, nur wenn er damals dieses grafisch Strenge und gegen das Informelle, dann kriegen die heute doch etwas Informelles, diese Abdrucke.
Koldehoff: Wenn ich Sie richtig verstanden habe, ist bei den Wandbildern viel dem Zufall überlassen. Wie fällt dieser Teermantel nun auf die Leinwand, wie hinterlässt er dort seinen Abdruck? Das Ganze wird aber hinterher schon bewusst zu Ensembles arrangiert. Habe ich das richtig verstanden, oder sind das zwei verschiedene Abteilungen?
Vielhaber: Das Arrangieren ist - da sehen Sie eigentlich Kounellis als den Theatermann, der auch Bühnenbilder gemacht hat. Der inszeniert das so, dass er zum Beispiel die Bilder auf Stoß hängt. Er muss ein Albtraum für alle Kuratoren sein, dass der dann noch schnell beschließt: Ach, wir holen noch ein paar Fleischerhaken und hängen da noch mal zehn Mäntel dazu. Es ist inszeniert. Also es geht nicht um eine Bilderausstellung in Kleve und auch sonst nicht, sondern es geht um die große Inszenierung.
Koldehoff: 75 ist der Mann inzwischen. Ganz kurz: Kann er es noch?
Vielhaber: Unglaublich! Der war da und der raucht sich zu Tode, ist aber fit wie ein Turnschuh, also läuft zwischen seinen Bildern herum und macht Regie: Und macht mal so, und jetzt machen wir das so.
Koldehoff: Jannis Kounellis im Museum Kurhaus Kleve. Christiane Vielhaber war das. Vielen herzlichen Dank.
Christiane Vielhaber: Wenn Sie eben gesagt haben, Kunst, die aus dem Kopf kommt, dann denke ich immer an Konzeptkunst. Bei Kounellis könnte man fast sagen, es ist Kunst, die aus den Muckis kommt. Nehmen wir diesen aktuellen Fall: Er hat Mäntel genommen, schwere schwarze Mäntel – am liebsten sind ihm jene, die so Juden getragen haben, oder wie wir das kennen, diese langen schwarzen Mäntel -, die hat er in Pech getaucht beziehungsweise Teer, was ein bisschen verdünnt ist, und die dann genommen - Sie können sich vorstellen, wie schwer das ist - und die dann auf Leinwände gedrückt. Und aus diesem Abklatschen sind nun Bilder entstanden. Also insofern ist das wirklich ein absoluter Kraftakt, der da passiert. Dass das inzwischen seine Assistenten machen, ist ziemlich klar, aber trotzdem: Er ist dabei, und darum geht es eigentlich. Dieses Machen, dieses Abdrücken, und dann entsteht eine Form, die man sich vorher überhaupt nicht vorstellen kann, die es vorher noch nicht gegeben hat, die man auch nicht im Kopf haben kann, denn Sie wissen ja gar nicht, was da abklatscht. Und dann entstehen Bilder, die sowohl abstrakt sind als auch figurativ. Denn wenn er den wirklichen Mantel nimmt, dann sehen Sie die Ärmel und dann sehen Sie diese Falten, wo dann weiße Flächen bleiben, und dann ist das unheimlich plastisch. In anderen Bildern, wo er Mäntel zerschneidet und nur Fragmente nimmt, wird es in meinen Augen etwas fragwürdig.
Koldehoff: Warum? Was heißt fragwürdig?
Vielhaber: Fragwürdig, weil das, was auf dem Bildträger zu sehen ist, nicht irgendwie was Beliebiges hat. Aber so ein Mantel ist eine Form, und diese Form breitet sich aus. Aber dieses Fragmentarische, was er dann zum Teil noch dekoriert, entweder mit Stahlträgern, die wie ein V gebildet sind, oder er legt dann noch Stoffe darum herum - das ist mir alles zu viel. Also am tollsten sind für mich diese ganz ruhigen, die nicht unbedingt ruhig sind. Sie sehen etwas von diesem Explosiven, was da passiert ist, und dann das Verschwinden dieses Mantels und dieser Abdruck, und das macht diese Ausstellung allerdings gut, das ist keine Erfindung von heute. Kounellis hat Ende der 50er Jahre angefangen als Protest gegen die Beliebigkeit der informellen Malerei, die es ja auch in Italien gab – ob es das in Griechenland vorher gab, weiß ich nicht, aber er hat ja Griechenland mit 20 verlassen. Und er ist dann durch die Straßen von Rom gegangen und hat sich Reklameschilder, Straßenschilder angeguckt, hat die mitgenommen und hat mit diesen Zahlen und Buchstaben seine Leinwände gestempelt. Und im Grunde genommen ist das ja jetzt nichts anderes als dieses Stempeln, nur wenn er damals dieses grafisch Strenge und gegen das Informelle, dann kriegen die heute doch etwas Informelles, diese Abdrucke.
Koldehoff: Wenn ich Sie richtig verstanden habe, ist bei den Wandbildern viel dem Zufall überlassen. Wie fällt dieser Teermantel nun auf die Leinwand, wie hinterlässt er dort seinen Abdruck? Das Ganze wird aber hinterher schon bewusst zu Ensembles arrangiert. Habe ich das richtig verstanden, oder sind das zwei verschiedene Abteilungen?
Vielhaber: Das Arrangieren ist - da sehen Sie eigentlich Kounellis als den Theatermann, der auch Bühnenbilder gemacht hat. Der inszeniert das so, dass er zum Beispiel die Bilder auf Stoß hängt. Er muss ein Albtraum für alle Kuratoren sein, dass der dann noch schnell beschließt: Ach, wir holen noch ein paar Fleischerhaken und hängen da noch mal zehn Mäntel dazu. Es ist inszeniert. Also es geht nicht um eine Bilderausstellung in Kleve und auch sonst nicht, sondern es geht um die große Inszenierung.
Koldehoff: 75 ist der Mann inzwischen. Ganz kurz: Kann er es noch?
Vielhaber: Unglaublich! Der war da und der raucht sich zu Tode, ist aber fit wie ein Turnschuh, also läuft zwischen seinen Bildern herum und macht Regie: Und macht mal so, und jetzt machen wir das so.
Koldehoff: Jannis Kounellis im Museum Kurhaus Kleve. Christiane Vielhaber war das. Vielen herzlichen Dank.