
"Am Vormittag des zweiten Weihnachtstages 1870 ging in London ein Telegramm aus dem Herzen der Alpen ein; von dort wurde es über den Atlantik gekabelt, und in der grauen Morgendämmerung des nächsten Tages lasen wir es an unseren Frühstückstischen in New York: Die Arbeitertrupps in den gegenüberliegenden Stollen des Mont-Cenis-Tunnels können einander hören. Um Viertel nach vier am Weihnachtsnachmittag wurden die ersten Grüße und Jubelrufe durch die Felsspalte ausgetauscht."
So begann Alfred Hudson Guernsey, Redakteur des New Yorker Monatsmagazins "Harper’s" seinen umfassenden Hintergrundbericht über ein spektakuläres italienisch-französisches Projekt - den Bau des ersten Eisenbahntunnels durch die Alpen. Obwohl Frankreich im Krieg mit Deutschland kurz vor der Kapitulation stand, feierte man dort begeistert den Durchstich im Mont-Cenis-Tunnel:
"Die Pyramiden werden mit der Zeit zu Staub zerfallen; doch nur eine Naturkatastrophe, die in der Lage ist, die Alpen vom Gipfel bis zur Basis zu zerschmettern, könnte den Mont-Cenis-Tunnel zerstören."
Das Mont-Cenis-Massiv war seit jeher einer der wichtigsten Übergänge über die Westalpen, die schon Kaiser Konstantin I. im Jahre 312 mit seinen Soldaten passiert hatte. Auch die Frankenkönige Pippin und Karl der Große überquerten im 8. Jahrhundert an dieser Stelle die Bergkette. Seit 1803 befuhren Postkutschen die Passstraße vom französischen Savoyen ins italienische Piemont, die Napoleon Bonaparte später ausbauen ließ.
Vermessungsarbeiten in über 2.000 Metern Höhe
Mit der Erfindung der Eisenbahn 1825 zogen sich zunehmend Schienennetze durch Europa. Italien plante eine Schnellzugverbindung von Rom nach Paris. Die kürzeste Strecke musste das Mont-Cenis-Massiv gut 12 Kilometer unterqueren. Schon die trigonometrischen Vermessungsarbeiten in über 2.000 Metern Höhe fanden unter extremen Bedingungen statt, beschrieb der englische Populärwissenschaftler Richard Anthony Proctor.
"Wir können uns vorstellen, wie schwierig es ist, eine Linie zu ziehen über die Alpenkette, wofür es notwendig ist, ständig über Felsen, Schluchten und Abgründe zu klettern, um von Messstation zu Messstation zu gelangen. Doch das war nichts im Vergleich zu den Schwierigkeiten, die das bittere Wetter auf diesen schroffen Berghöhen mit sich brachte. Die immer wiederkehrenden Stürme aus Regen, Graupel und Schneetreiben führten dazu, dass tagelang keine Arbeiten durchgeführt werden konnten."

Baubeginn 1857 - mit Handbohrer, Hammer und Meißel
Tatsächlich war der Plan, einen gut zwölf Kilometer langen Stollen durch die Westalpen zu bohren, bahnbrechend. Noch nie war ein Tunnel von zwei Seiten gleichzeitig gegraben worden. 1857 begann der Bau. Im italienischen Bardonecchia und im französischen Mondane wurden Eingänge angelegt, von denen sich die Mineure mühsam mit Handbohrern, Hämmern und Meißeln aufeinander zu bewegten. Mit Schwarzpulver sprengten sie einen Weg durch unterschiedliche Gesteinsschichten wie quarzigen Sandstein, Ton- und Kalkschiefer. Die Tunnelarbeiter schafften maximal einen Meter pro Tag. 25 Jahre hatte man für die Dauer der Bauarbeiten kalkuliert.
Doch dann entwickelte der französische Ingenieur Germain Sommeiller die erste druckluftbetriebene Bohrmaschine, die im Mont-Cenis-Tunnel erfolgreich getestet wurde und die Bauzeit auf 14 Jahre verkürzte. "Harper’s Monthly Magazine" hatte seinen Autor zur Besichtigung der Baustelle geschickt.
Rasante Pläne für die Zukunft
"Im Inneren ist es der dunkelste, feuchteste und unangenehmste Ort, den wir je betreten haben; massive Wände aus glattem Mauerwerk umschließen uns auf beiden Seiten. Man sagte uns, dass die Steine für das Gewölbe meilenweit hertransportiert werden mussten, weil es über Strecken keinen Felsen gibt, den die Arbeiter in Form hätten hauen können.
Am 17. September 1871 wurde der zweigleisige Mont-Cenis-Tunnel feierlich eröffnet. Elf Jahre lang, bis zur Fertigstellung des Gotthardtunnels 1882, galt er als der längste Tunnel der Welt. 1980 öffnete der parallel laufende Straßentunnel und ersetzte die Autoverladung mit der Bahn. 2026 soll eine neue Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Lyon und Turin im 52 Kilometer langen Mont-Cenis-Basistunnel eröffnet werden.