In Huánuco, einer Kleinstadt in den peruanischen Anden, verbrachte Daniel Alomía Robles, geboren am 3. Januar 1871, die prägenden Jahre seiner Kindheit. Hier sammelte er seine ersten musikalischen Erfahrungen: Er sang im Kirchenchor und nahm mit seiner Mutter an den religiösen Festen in den umliegenden Dörfern teil. Die volkstümlichen Tanzweisen, die hier gespielt wurden, sollten später in seine Kompositionen einfließen.
"Daniel Alomía Robles hatte allem Anschein nach ein sehr gutes Gedächtnis, denn er hat diese andinen Melodien erst viel später aufgeschrieben und sich perfekt an sie erinnert", erzählt Luís Alberto Salazar Mejía, Spezialist für die Folklore-Musik Perus.
Musik und Gesänge der Inka-Zeit
Als Daniel Alomía Robles 13 war, schickte seine Mutter ihn nach Lima. Er kam bei einem Onkel unter und besuchte das angesehene Gymnasium, das dieser leitete. In der Hauptstadt erweiterte der Junge aus der Provinz seinen musikalischen Horizont, Alberto Salazar Mejía:
"Der Onkel wohnte in der Nähe des Teatro Politeama, damals das größte Theater. Dort wurden Opern, Operetten und Zarzuelas aufgeführt. Daniel hörte im Vorbeigehen die Proben und begann, sich für dieses Genre zu interessieren. Bisher kannte er nur die Musik der Anden – jetzt lernte er auch die Opern auswendig, die nach Lima kamen."
"El Cóndor Pasa": ein politisches Lied
Trotz seines immer stärker werdenden musikalischen Interesses studierte Daniel Alomía Robles vorübergehend Medizin. Bei einer Reise zur Erforschung traditioneller Heilkräuter traf er einen Priester, der ihm eine Sammlung von Melodien des indigenen Volks der Campas schenkte. In den folgenden Jahren bereiste Alomía Robles unermüdlich die Andenregion Perus. Er trug Musik und Gesänge zusammen, die aus der Inka-Epoche und der spanischen Kolonialzeit überliefert waren. Auf der Grundlage dieses Materials begann er, eigene Werke zu komponieren.
1913 hatte in Lima die Zarzuela El Condor Pasa Premiere, Daniel Alomía Robles‘ bekanntestes Werk: Dazu Luís Alberto Salazar Mejía: "Die Idee für ‚El Cóndor Pasa‘ stammte wohl von dem Verfasser des Textes, dem Journalisten Julio Baudouin. Es ging um Bergarbeiter, die zwei nordamerikanische Minenbetreiber umbringen, von denen sie unterdrückt worden sind. Der Kondor symbolisierte die Freiheit. Baudouin war es, der Alomía Robles bat, die Musik für die sieben Akte von ‚El Cóndor Pasa‘ zu erschaffen."
Mehr als 4.000 Versionen der "El Cóndor Pasa"- Melodie
Die Komposition bestand zum Teil aus der für die Andenregion typischen Fünfton-Musik, zum Teil aber auch aus westlichen Klängen. "El Cóndor Pasa" war ein großer Publikumserfolg. Allerdings wurde das Stück 1914 nach einem Staatsstreich in Peru wegen seines sozialkritischen Inhalts aus dem Theaterprogramm genommen. Der Teil der Zarzuela jedoch, der den Namen Pasacalle trägt, ist als Melodie unsterblich geworden, so Luís Alberto Salazar Mejía: "Die ersten zehn Noten dieser Melodie nahm Alomía Robles aus Liedern, die in Peru bereits existierten. Diese Noten haben aber auch Bach, Mozart und andere verwendet. Der Anfang der Melodie ist also keine Andenmusik." Mehr als 4.000 Versionen der Melodie aus "El Cóndor Pasa" sind entstanden. Die wohl berühmteste nahm 1970 das Duo Simon & Garfunkel auf. Fast drei Jahrzehnte zuvor war Daniel Alomía Robles mit 71 Jahren gestorben. Heute gilt er als Perus bedeutendster Komponist und Musikethnologe.