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Alles über Freud

In dieser Woche wird der 150. Geburtstag Sigmund Freuds gefeiert. Anlass für jede Menge Neuerscheinungen: Biografisches, soziologisches, fachwissenschaftliches. Die Feuilletons quellen kurzzeitig über und Bilder zirkulieren, die Ikonisierung wird vorangetrieben. Und doch ist beim Geburtstag Freuds etwas anders. Grund ist, dass die Psychoanalyse und ihre Folgen besonders in den letzten Jahren grundsätzlichen Zweifeln unterzogen wurde.

Von Hans-Jürgen Heinrichs |
    " Ich begann meine berufliche Laufbahn als Neurologe, der seinen neurotischen Patienten zu helfen versuchte. "

    In solch einfachen Worten gibt Sigmund Freud 1938 in einem der wenigen Originalaufnahmen Auskunft über seinen Werdegang. Nun ist Freuds 150. Geburtstag (am 6. Mai 2006) für viele Verlage Anlass, neue Biographien und Studien sowie Neuausgaben früherer Arbeiten zum Leben und Werk des Begründers der Psychoanalyse schon vorzeitig herauszubringen. Freud - einer der aufsehenerregendsten Theoretiker des 20. Jahrhunderts, vergleichbar der geradezu mythischen Größe eines Albert Einstein - hat, gegen enorme Widerstände und mit einer geradezu unbarmherzigen Entschiedenheit, seine Vorstellungen und Ideen einer neuen Kulturtheorie und Therapie durchgesetzt.

    Dabei hat er zuweilen treue und kongeniale Weggefährten wie heiße Kartoffeln fallengelassen, sobald sie ihm nicht mehr bedingungslos folgten und eigene konkurrierende Konzepte entwickelten. Und er hat die zeitgenössische Kritik an ihm immer wieder überzeichnet, um sich als einsamer Kämpfer, als unerhörter Rufer in der Wüste zu stilisieren.

    Max Schurs Freud-Biographie (die jetzt in einer Neuauflage herauskommt und zu den großen Meilensteinen der Freud-Forschung gehört) haftet allerdings der Makel an, dass sie dieser Stilisierung zu ergeben folgt, manche Bereiche ausklammert und streckenweise von einem etwas zwanghaften Bemühen um Objektivität geprägt ist. Schur selbst spricht ja von einer "überwältigend schweren Aufgabe”, der er sich gestellt habe.

    Das ehemals als großer Bildband und jetzt als Taschenbuch erschienene Werk Sigmund Freud. Sein Leben und Werk ist - das liegt im Wesen eines solchen Bandes - auch im Ton einer Hommage verfasst und vermittelt zugleich einen sehr umfassenden, auch visuellen Eindruck von der unglaublichen Schaffenskraft eines im Grunde ein Leben lang schwerkranken Mannes.

    In der Vorbemerkung der Herausgeber heißt es:

    "Manche Text-Bild-Kombinationen führen uns vor Augen, wie präzise Freud selbst Alltägliches beobachtet und formuliert hat, wie genau er äußere Wirklichkeit anschauen und in Sprache umsetzen konnte.”

    In einer aufsehenerregenden Studie, "Der kranke Freud", hat der Schweizer Psychologe Jürg Kollbrunner dargelegt, dass solche Publikationen und vor allem die Freud-Biographen Ernest Jones und Max Schur ein zu stark geglättetes Bild des krebskranken Mannes malten.

    "Schur, Anna Freud und Ernest Jones hatten nach Freuds Tod verständlicherweise miteinander abgesprochen, in ihren Berichten über Freuds Tod bestimmte medizinische Maßnahmen Schurs leicht verändert darzustellen, um Schur vor einem etwaigen Vorwurf der Euthanasie zu schützen ... Berechtigt bleibt die Feststellung einer Unehrlichkeit in Schurs Bericht über Freuds Sterben sowie Schurs Abwesenheit beim Begräbnis. Ist diese Unehrlichkeit ein Effekt seiner Überforderung von allem Anfang an und schließlich auch von Freuds Vermeidung eines Dialogs mit seinem Leibarzt?”

    So wie Freud Max Schur eher wie ein Instrument behandelte, so funktionalisierte er auch die engsten Mitstreiter wie etwa C.G. Jung oder Otto Rank für die Durchsetzung seiner Sache und diskriminierte sie geradezu, als sie seine absolute Machtstellung zu gefährden schienen. So urteilte er zunächst über Rank:

    "Warum kann es diesen reizenden Menschen nicht sechsmal anstatt einmal in unserer Vereinigung geben?”

    Später dann nennt er ihn einen

    "gierigen Unternehmer”, "eine Ratte, die das sinkende Schiff verlässt”, "einen Hochstapler und Schuft ... ich bin fertig mit ihm.”

    Dieses Bild bekommt nun noch neue Nahrung durch Ausführungen des Sexualwissenschaftlers Volkmar Sigusch, der in dem Band Freud und das Sexuelle darlegt, wie Freud die Vorgänger seiner Sexualtheorie geradezu auszulöschen versuchte. Sigusch spricht von einer "‘schöpferischen’ Unverfrorenheit”, mit der Freud - bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung seiner Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie selbst überhaupt noch kaum als Sexualforscher hervorgetreten - die gesamte Sexualwissenschaft seiner Zeit mit einem Schlag abfertigt. Gerade seine beiden berühmtesten Bücher (Die Traumdeutung und Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie) zeigen, auf welch geniale und bedingungslose Art und Weise er bereits lange vor ihm diskutierte Begriffe (das Unbewußte und das Sexuelle) aufgriff, ihnen eine neue, fortan unverwechselbare Signatur verlieh und darauf eine ganze Wissenschaft gründete. Er selbst notierte einmal:

    "Die Menschen zerfallen in Führer und in Abhängige. Die letzteren sind die übergroße Mehrheit, sie bedürfen einer Autorität, welche für sie Entscheidungen fällt, denen sie sich meist bedingungslos unterwerfen.”

    Sigmund Freud hat alle ihm zur Verfügung stehenden Energien darauf verwandt, um als alleiniger Begründer einer neuen Wissenschaft in die Geschichte einzugehen. Die Art, in der er dies tat, hat ihm viel Kritik und auch Häme eingebracht. Vor allem auf dem Hintergrund der oft kritiklosen biographischen Beschreibung und Rekonstruktion seines Lebens und Werks ist eine Entmystifizierung angebracht.

    Um eine Rekonstruktion und Bebilderung von Freuds Leben, von seinem beruflichen Werdegang, seinen privaten Beziehungen und seinem lebenslang dramatischen Gesundheitszustand sind auch die Autorinnen der Bände über die "Wiener Schauplätze der Psychoanalyse” und über die "Biographie einer Familie” bemüht. Dabei soll auch der gesellschaftliche und soziale, der wirtschaftliche und mentalitätsgeschichtliche Hintergrund im Wien jener Zeit verlebendigt werden. Lisa Fischer und Regina Köpl schreiben:

    "Das Anliegen ist es, gelebte Erfahrung an konkrete Räume zu binden und den stummen, steinernen Zeugen der Genese der Psychoanalyse ihre ... Stimme zurückzugeben ...”

    Ähnlich wie die Filme über die Wohnorte, die Lebens- und Arbeitsbedingungen berühmter Dichter, so entledigen uns auch diese Bildbände nicht der Aufgabe, das Werk unabhängig von den Orten seiner Entstehung zu begreifen.
    Freud selbst betonte einmal:

    "I had to pay ... Ich musste teuer bezahlen für diesen Glücksfall ... der Kampf ist noch nicht vorüber.”

    All die berechtigten Einwände gegen die patriarchalisch und überhaupt nicht demokratisch etablierte Wissenschaft der Psychoanalyse ändern nichts an dem revolutionären Entwurf einer neuen Kulturtheorie und Therapie. Die Widersprüche sind ja auch in den Texten Freuds artikuliert. Selbstheroisierung und Selbstüberschätzung einerseits und Selbstzweifel und Bescheidenheit andererseits liegen hier beständig ganz dicht beieinander.

    "Es geht darum, den Anspruch einzulösen, der sich aus Freuds Entdeckung herleitet, der ihn vorantreibt, ohne ihm stets den Weg zu weisen, der ihn also in Sackgassen oder auf Irrwege treiben kann.”

    Diese kluge Formulierung des französischen Psychoanalytikers Jean Laplanche sollte Leitlinie jeder Kritik an Freud - an seiner Person, seiner Lehre vom Unbewussten und all den Konzepten zur Sexualität, zur Weiblichkeit und Männlichkeit - sein, nämlich sich selbst am Anspruch dieser Lehre zu messen und nicht in bloßer Polemik und persönlicher Antipathie einzelne Teile herauszugreifen und zu kritisieren. Ein Band wie der von Quindeau und Sigusch herausgegebene zu Freud und das Sexuelle wird diesem Anspruch gerecht. Ebenso die beiden ersten voluminösen Bände Macht und Dynamik des Unbewussten und Das Unbewußte in aktuellen Diskursen eines auf drei Bände angelegten höchst ambitionierten und am Ende vielleicht gründlichsten Werks zur Geschichte der Psychoanalyse. Im Vorwort des 1. Bandes schreiben die Herausgeber Michael B. Buchholz und Günter Gödde:

    "Riesig ist das Territorium, verzweigt die Flüsse und Ströme, fruchtbar die Auen und tief die Sümpfe - eine solche Landkarten-Metaphorik drängte sich uns hin und wieder auf. Wer jedoch Umgang mit Jugendlichen in einem bestimmten Alter hat, muss sich dann belehren lassen, dass eine solche Metaphorik eher zum ‘Herrn der Ringe’ passt, das Unbewusste duldet aber keinen Herrn seiner Dinge, auch keinen metaphorischen Herrn. ... wieder neu zu entdecken ist eine Philosophie des Unbewussten, wobei Philosophie durchaus auch als Lebenskunstlehre buchstabiert werden kann.

    Wenn baby-watcher und neuro-wissenschaftlich Beschlagene, wenn Kognitions- und Affektforscher neue Auffassungen vom Unbewussten vorstellen und den Wert eines solchen Konzepts zu schätzen wissen, dann ist das Anerkennung für psychoanalytisches und psychodynamisches Denken und zugleich Anregung. Denn neu zu konzeptualisieren ist eine Psychologie des Unbewussten und diese Psychologie umfasst Kognition, Sprache und Sprechen.

    Wenn Sozialtheoretiker und Kulturwissenschaftler tiefe Einblicke in Bereiche wie Gedächtnis und Schrift, Symboltheorie und Macht unter Einbeziehung und Umarbeitung eines tiefenpsychologischen Verständnisses vom Unbewussten unternehmen, dann ist das Erfüllung eines Fluchtpunktes Freudschen Denkens auf moderner Augenhöhe. Neu zu arrangieren ist unser Verständnis von Kultur und dies umfasst mehr als den Antipoden von Natur.

    Wenn schließlich ausgewiesene Physiker sich der Bewusstseinsprobleme auf Quanten-Niveau annehmen, kann man in erregte Spannung geraten. Neu zu denken sind hier Probleme des Bewusstseins, des Individualismus und der menschlichen Bezogenheit, aber auch der Leib-Seele-Thematik und der Psychosomatik.”


    Angesichts dieses geradezu erschreckenden geistigen Reichtums und der Fülle neuer Kooperationen wirken die sporadischen Frontalangriffe auf die Psychoanalyse doch sehr begrenzt, gemessen an ihrem eigenen Anspruch. Das neueste Beispiel ist in Frankreich, wo die Psychoanalyse ein besonders hohes gesellschaftliches Ansehen genießt, die Veröffentlichung des so genannten Schwarzbuchs Psychoanalyse, in dem von "einer der gefährlichsten Ideologien des 20. Jahrhunderts” die Rede ist. Darauf antwortete die berühmte Analytikerin Elisabeth Roudinesco (die vor einigen Jahren eine äußerst gründliche Biographie Jacques Lacans und eine Geschichte der Psychoanalyse vorlegte) mit den Worten:

    "Man diskutiert nicht mit Leuten, die einen töten wollen.”

    Liste der besprochenen Bücher:

    Ilka Quindeau und Volkmar Sigusch (Hrsg.):
    "Freud und das Sexuelle"
    (Campus Verlag, Frankfurt am Main).

    Lisa Fischer und Regina Köpl:
    "Sigmund Freud. Wiener Schauplätze der Psychoanalyse"
    (Böhlau Verlag, Wien)

    Eva Weissweiler:
    "Die Freuds. Biographie einer Familie"
    (Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln)

    Ernst Freud, Lucie Freud und Ilse Grubrich-Simitis (Hrsg.):
    "Sigmund Freud. Sein Leben in Bildern und Texten"
    (Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main).

    Max Schur:
    "Sigmund Freud. Leben und Sterben"
    (Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main).

    Jürg Kollbrunner:
    "Der kranke Freud"
    (Verlag Klett-Cotta, Stuttgart).

    Michael B. Buchholz und Günter Gödde (Hrsg.):
    "Macht und Dramatik des Unbewußten" (Band 1)
    "Das Unbewußte in aktuellen Diskursen" (Band 2)
    (Psychosozial Verlag, Gießen)

    Hans-Martin Lohmann:
    "Sigmund Freud"
    (rororo Monographien, Rowohlt Verlag, Reinbek)

    Eric R. Kandel:
    "Psychiatrie, Psychoanalyse und die neue Biologie
    des Geistes"
    (Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M.)

    Georg Markus:
    "Sigmund Freud. Die Biographie"
    (Langen Müller Verlag, München)

    Linde Salber:
    "Der dunkle Kontinent. Freud und die Frauen"
    (Rowohlt Taschenbuch, Reinbek)