Archiv


Bergauf und um die Kurve

Jeder vierte Niederländer macht Camping-Urlaub, das ist europäischer Rekord. Am liebsten geht es mit dem Wohnwagen auf große Fahrt, gerne auch über die Alpen. Das allerdings stellt die Flachländer vor Herausforderungen. Der niederländische Caravan-Club bietet deshalb ein spezielles Bergtraining für Wohnwagenfahrer an. Kerstin Schweighöfer hat es miterlebt.

    Aller Anfang ist schwer. Frans Steenbrug soll mit seinem Wohnwagen den Campinglatz verlassen, doch der Ausgang liegt ganz oben auf dem Hügel, die Steigung beträgt gute elf Prozent - und nass ist es auch noch, weil es über Nacht geregnet hat.

    Zum Glück gibt Trainer Bert Wijnen genaue Anweisungen: Gas geben bis 2000 Umdrehungen, Kupplung langsam kommen lassen, Handbremse runter - und dann los! Beim zweiten Anlauf klappt es. Begleitet vom Applaus der anderen Kursteilnehmer kommt Frans oben an:

    Der 61-jährige Rentner will mit seiner Frau erstmals per Wohnwagen nach Frankreich und Spanien. Doch dazwischen liegen Alpen und Pyrenäen - und deshalb hat er sich vorsichtshalber zum Wohnwagenbergtraining angemeldet.

    "Wenn ich hier hoch gekommen bin, muss es da auch klappen!"

    Großspurige Worte, so scheint es. Denn das Training findet in der südniederländischen Provinz Limburg statt. Und die Berge, die es den Niederländern zufolge dort geben soll, bringen es auf allerhöchstens 330 Meter. Aber ausschlaggebend sei nicht die Höhe, erklärt Trainer Bert, sondern die Steigung: Und die ist mit elf Prozent oder manchmal sogar 14 wie in den Alpen.

    Selbst die Serpentinen fehlen nicht. Das mache Limburg zum idealen Übungsterrain. Bert ist selbst begeisterter Wohnwagenurlauber, erzählt er während der Kaffeepause. Seit 20 Jahren schon gibt der 56-Jährige für die niederländische Wohnwagenvereinigung Basiskurse. Die Idee, auch ein spezielles Bergtraining anzubieten, entstand vor vier Jahren:

    "Weil ich mich selbst auch immer wieder über den Fahrstil meiner Landsleute ärgerte. Die haben oft keine Ahnung, wie sie sich mit Wohnwagen in den Bergen verhalten müssen. Kein Wunder, wir Holländer kennen das ja nicht, bei uns ist alles flach! Aber manche sind dann echt so verrückt, gleich den höchsten Pass bewältigen zu wollen!"

    Um böse Überraschungen zu vermeiden, sollte man erst einmal nachprüfen, ob Wohnwagen auf dem Pass überhaupt zugelassen sind und das Auto genug Zugkraft hat, um die Steigung zu bewältigen. Dann kommt es auf die richtige Technik an. Regel Nummer eins: Egal, ob es rauf oder runter geht - rechtzeitig vorher schalten. Sonst riskiert man beim Hochfahren Stillstand und beim Runterfahren das Gegenteil: zuviel Tempo.

    Thijs Letchert hat aufmerksam zu gehört. Der junge Familienvater hat sich gerade einen fast acht Meter langen Wohnwagen gekauft und ist als nächster dran - beim Serpentinentraining.

    Die erste Haarnadelkurve kommt in Sicht, und zwar gleich mit einer ganzen Horde Radrennfahrern. Ganz wie in den Alpen. "Drossle das Tempo und bleib ganz außen", ordnet Bert an. "Dann braucht man bei Gegenverkehr auch niemals Angst um seinen Spiegel zu haben. Im Notfall", erklärt Bert, "musst du immer stoppen können, dann kannst du auch nichts falsch machen."

    Aber was ist, wenn man mit dem Wohnwagen mitten in einer steilen Anfahrt hängen bleibt? Wie kommt man da wieder weg? Auch für diese Lebenslage weiß Bert Rat:

    Leicht zurücksetzen und dafür sorgen, dass der Wohnwagen nicht mehr direkt hinter dem Auto hängt, sondern einen Knick macht: Das verringert das Gewicht wesentlich, so kommt man leichter wieder in Fahrt:

    Nachdem auch diese Schwierigkeit gemeistert wurde, schließen die Kursisten den Tag mit einem gemütlichen Grillabend auf dem Camping ab.

    Dank sei Bert seien die Alpen jetzt ein bisschen sicherer geworden, wird gewitzelt - und damit gebe es vielleicht auch weniger Anlass für den Stossseufzer: Hilfe, die Holländer kommen!

    "Gerade die Deutschen klagen ja jedes Jahr im Sommer über die holländische Wohnwagenwelle", weiß Rentner Frans Steenbrug. Sogar seine eigenen Kinder hätten ihn für verrückt erklärt, weil er freiwillig in ein solches Ding krieche. Aber, so sagt er: "Es ist die Freiheit, die Ungebundenheit." Dafür lasse er das schönste Luxushotel links liegen."