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Buntes und Besonderes im Barocktheater

Das Barocktheater von Neustrelitz ist eine Art Mecklenburgisches Schwetzingen, das nach einer erheblichen Sparten-Verschlankung kein eigenes Orchester mehr hat. In der Finanznot der Bühnen, die beim Auslaufen der Ostförderung für die Kultur noch ärger wird, hat man sich was einfallen lassen: Im Schlossgarten gibt es nämlich neben der "Lustigen Witwe" auch den "Vogelhändler", also Operetten.

Von Ulrike Bajohr |
    Neustrelitz, Bahnhofsvorplatz. Ein Schild: Diese Stadt hat ein Theater! Weiß auf schwarz, mit Dächlein drüber, beleuchtet, für die Ewigkeit. Ein Passant:

    "Das ist mir noch nicht aufgefallen. Ich habe gesehen "Macbeth", dann "Rocky Horror-Show", Musicals sowieso. Dafür sollte Geld da sein. Dann wär' ich dafür, dann mal ´ne Straße nicht auszubauen und das Geld ins Theater zu stecken."

    Das fand schon Friedrich Adolf IV., Herzog von Mecklenburg - Strelitz. 1703 wünschte er, den Schlosspark seiner kleinen Metropole mit einem Musentempel zu schmücken. Und weil er sich sommers gerne nach Neubrandenburg in den Wald begab, ließ er dort noch eine Komödie bauen.

    Und so residiert Ralf-Peter Schulze, Intendant an der Spitze von 210 Mitarbeitern, in einem pikobello Barock-Theaterchen, mit einem 400-Plätze-Saal, und Friedrich Adolfs Marstall dient außerdem als Schauspiel-"Labor", wie Schulze es nennt.

    "Wenn wir drüben im Marstall "Mein Kampf" spielen, war es für uns ein Risiko, das Stück von Tabori in den Spielplan zu setzen. Ich weiß um dieses Bedürfnis der Menschen, nicht provoziert zu werden. Das sind aber Dinge, die uns nicht abhalten sollen, genau dies in den Spielplan zu setzen. Nur an welcher Stelle? In welchem Raum?

    Zum Beispiel gibt es in Neustrelitz eine Trinkerheilanstalt, da hat Fallada gesessen und hat den "Trinker" geschrieben. Und an der Stelle haben wir es aufgeführt. Ein anders Stück haben wir ausgelagert in die Kirche."

    Das einstige Dreispartenhaus hat eine Rosskur hinter sich: Das Ballett wurde abgebaut, anstelle des Opernorchesters sitzt nun die Neubrandenburger Philharmonie im Graben. Ende der 90er Jahre mussten die Ensembles beider Städte zu einem verschmelzen. Das war für viele Anhänger des Komödienhauses Neubrandenburg schmerzlich, einem Spielort für `s Besondere.

    Gesellschafter der fusionierten Bühnen sind das Land Mecklenburg-Vorpommern, die Städte Neubrandenburg und Neustrelitz, vier Landkreise und 15 Kommunen. Gemeinsam bringen sie jährlich 13 Millionen Euro für die "freiwillige Leistung" Theater auf.

    "Und es ist wirklich eine große Lobbyarbeit, diesen Zuschuss festzuhalten bei einem Defizithaushalt, den wir seit zwei Jahren aufweisen.","

    sagt Ingrid Sievers, stellvertretende Landrätin des Kreises Mecklenburg-Strelitz, Aufsichtsratsvorsitzende der Theater- und Orchester GmbH. Dabei kommt die Hälfte der Finanzen vom Land - das wiederum zehrt von der Aufbau-Ost-Förderung des Bundes - und die droht wieder einmal auszulaufen.

    ""Ich rechne damit, dass 2009 noch mal große Einschnitte geben werden, gerade in der Kultur."

    Das muss der Intendant als Aufforderung verstehen: Mehr Eigeneinnahmen - bei "gedeckten" Ausgaben. Zwischen 580 und 630 Vorstellungen gibt man pro Saison insgesamt, mit aktuell 31 kleinen und großen Produktionen - und erreicht damit um die 130.000 Besucher. Ein Viertel davon im Sommer, im Schlossgarten - dann, wenn großstädtische Bühnen Ferien machen: Diesmal heißt die Hauptattraktion für Touristen und Einheimische: "Der Vogelhändler". Ralf-Peter Schulze:

    "Ich bin bisschen stolz, dass wir inzwischen Deutschlands größtes Operettenfestival machen. Das ist eine Zuschauerklientel, die mir sehr wichtig ist. Es ist auch wichtig, im gleichen Atemzug zu sagen: Auch wenn es sehr opulent im Sommer daher kommt, es ist nicht der Wesenszug unserer Theaterarbeit. Es ist ein Spielbein."

    Und eine Lebensversicherung für die Spielzeit dazwischen: Im Musiktheater bemüht sich Schulze um eine Melange aus populär, selten gespielt und gerade noch zu stemmen: Aus "Gräfin Mariza", "Kiss Me Kate" und "Fliegendem Holländer", "Adriana Lecouvreuer" und "Eugen Onegin".

    Das Personal dafür hat er: zum Beispiel die gebürtige Pragerin Larysa Molnarova und Gabriele Spiegel aus München, Marschallin und Page, Sopran und Mezzo, im "Rosenkavalier". Larysa Molnarova:

    "Wir haben auch Glück, ein sehr gutes Orchester zu haben. Durch die Fusion mit der Neubrandenburger Philharmonie, das gibt uns die Chance, anspruchsvolle Projekte zu machen. Das zieht auch unser Publikum, zieht auch Publikum aus Berlin und Hamburg. Wir hatten hier von Marriott eine Salome. Da kam ein Professor aus der Schweiz angefahren, und sagte: Das kann man sonst nirgends sehen, nirgends hören."

    Gabriele Spiegel:

    "Hier darf ich die Traumpartie jedes Mezzos singen. In München würde ich das nicht bekommen."

    Ralf-Peter Schulze:

    "Der Haupteffekt ist, dass es uns möglich ist, die Kultur, die wir in unserer Geschichte angesammelt haben, unter einem Dach gebündelt, in einer Region zu erleben, die tatsächlich nicht unter Wohlstand leidet. Dass hier ein kultureller Anker gesetzt ist, der an einem Menschenbild festhält - der sie über die Geister des Theaters mit der Welt verbindet - das ist außergewöhnlich. Und ich hätte gerne, dass man dieses Außergewöhnliche auch wertschätzt preist und lobt."

    Deshalb gönnt sich auch das Schauspiel des Mecklenburgischen Landestheaters nur eine kurze Verschnaufpause: Am 11. August hat "Amadeus" im Schauspielhaus Neubrandenburg Premiere - und am 30.9. "Hohn der Angst", von Dario Fo, in Neustrelitz.