Archiv


Das Gute, das Böse und das Schöne

Colin McGinn möchte mit seinem neuen Buch über Das Gute, das Böse und das Schöne die ethische Debatte beleben, indem er die gegenwärtige, eher trocken theoretische Auseinandersetzung mit der Moral in der Philosophie durch neue oder besser eher vergessene Fragestellungen erweitert.

Hans-Martin Schönherr-Mann |
    Das eigentlich Böse, das kaum noch eine Rolle in der modernen Ethik spielt, diagnostiziert McGinn primär im Zusammenhang mit der Lust am Leiden anderer. Er schreibt:

    Wenn wir das Böse verstehen und ausmerzen wollen, müssen wir zunächst einsehen, welche angenehmen Gefühle davon ausgehen.

    Die Lustmaximierung muss folglich so begrenzt werden, dass Falle von böser Lust ausgeschlossen werden. Den Menschen sollen dazu die richtigen Gefühlsregungen eingeprägt werden, nämlich am Leiden anderer mitzuleiden und an der Lust anderer sich zu erfreuen. Dazu dürfen sie andere Menschen nicht als ganz und gar andersartig verstehen. McGinn stellt fest:

    Alles, was diese Andersheit einschränkt oder abschwächt, verringert die Bösartigkeit der Handlung. Jede Auffassung, die Akteur und Opfer vereinigt, untergräbt tendenziell die Möglichkeit des Bösen.

    Das klingt einfach und konsequent und sieht entschlossen von den neueren Entwicklungen in der ethischen Debatte im 20. Jahrhundert ab. McGinn will zu traditionellen Auffassungen der Ethik zurückkehren, als sie noch nicht problematisch, fragwürdig oder relativ waren. Gerade den Relativismus und den Skeptizismus lehnt er entschieden ab.

    Aber wie entgeht man dergleichen heute in einer pluralen, multikulturellen Welt? McGinn greift auf ein Alltagsbewusstsein zurück, das sich angeblich seiner ethischen Urteile noch sicher wähnt. Das Gute ist für ihn denn auch überhaupt kein subjektives Urteil, sondern schlicht objektiv gegeben, liegt in der Sache selbst, wenn beispielsweise ein Diebstahl begangen wird. Gleichzeitig hat der Mensch ein angeborenes ethisches Vermögen - ähnlich dem Sprachvermögen -, dann auch wirklich ethisch zu urteilen und "Haltet den Dieb!" zu rufen. McGinn unterscheidet ethische Urteile zwar von naturwissenschaftlichen, stellt sie aber in die Nähe der Logik und der Mathematik. Das Gute lässt sich zweifelsfrei erkennen!

    Dann verwundert es natürlich auch nicht, dass daraus selbstverständlich ethische Normen folgen. Denn das Gute - das gehört für McGinn zu dessen Definition - begleitet notwendig ein Sollen, die Aufforderung, das Gute zu tun, wenn man es als solches erkannt hat.

    Den Einwand, dass Menschen unterschiedliche Moralvorstellungen haben, weist McGinn zurück: Wie schon unsere biologischen Gemeinsamkeiten nahe legen, gibt es tatsächlich so etwas wie eine kognitive menschliche Natur. Außerdem ist es offenbar nur vernünftig, damit zu rechnen, dass unser Moralsinn - ebenso wie unser Sprachvermögen - diese gemeinsame Natur widerspiegelt.

    Moralische Unterschiede werden gegenüber der gemeinsamen Grundstruktur immer übertrieben. Was zähle - und damit darf man sich endgültig kräftig gruseln -, sei die Autorität der Mehrheitsmeinung. Abweichler gebe es immer, selbst in den Naturwissenschaften.

    Aber McGinn hat längst gemerkt, dass man solche Moral nicht einfach predigen kann. Er entdeckt eine erfolgversprechendere Sphäre der Moralvermittlung, nämlich das Schöne, vornehmlich den Roman, in dem es primär um Charaktere gehe, die immer moralische Ansprüche verkörpern. Überhaupt unterstellt McGinn die Einheit von Moral und Kunst - wie vor ihm Platon oder Schiller. Tugend fällt mit Schönheit der Seele zusammen und Laster mit deren Hässlichkeit - ganz einfach. Reine Äußerlichkeit, reiner Ästhetizismus erscheint McGinn eher als Täuschung: Als Kind stellte er sich den Teufel mit einem besonders hässlichen Gesicht vor.

    Mehr Moral lernt man daher als Bücherwurm denn als Zeitungsleser. In der Realität - das muss McGinn wohl zugeben - sind Gut und Böse nämlich zumeist nicht so klar verteilt wie im Roman. McGinn konstatiert:

    Der Roman fungiert als moralischer Ansporn und Leitfaden und zieht moralische Umwälzungen unterschiedlicher Größe nach sich.

    Dergleichen erlebte McGinn auch in seinen Seminaren. Wählte er literarische statt philosophische Lektürestoffe aus, so engagierten sich seine Studenten stärker und - für McGinn besonders wichtig - sie neigten weniger zu "den üblichen altklugen Relativismen".

    Mit dergleichen einfachen Strickmustern, mit einem festen Welt- und Menschenbild, ohne Rücksicht auf die Komplexität moderner Gesellschaften möchte McGinn nicht nur die philosophische Debatte beleben, sondern vor allem wirklich zur praktischen Moralisierung beitragen. Man kann höchstens guter Hoffnung sein, dass ein solcher doch etwas naiv anmutender Versuch ohne größere Folgen bleiben wird.