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Der große Kater

Der 1950 in der Schweiz geborene und heute in einem Chalet über dem Sihlsee lebende Schriftsteller Thomas Hürlimann hat seinen ersten Roman "Der große Kater" mit einer Vielzahl genauer Zeitangaben versehen. Sie protokollieren gleichsam chronologisch den Verlauf eines dreitägigen Staatsbesuches, zu dem sich im Roman der spanische König Juan Carlos und dessen Frau Sofia in der Schweiz eingefunden haben. Am zweiten Tag des Staatsbesuches läßt Thomas Hürlimann seinen Roman beginnen, am 19. Juli 1979:

Stephan Reinhardt |
    "Der Bundespräsident saß hinter dem Pult im Ledersessel. Er war am Ende. Er hatte keine Kraft mehr. Er liebte sein Land, seine Frau, und die Dämmerung liebte er auch. Es war der 19. Juli 1979, kurz nach 17.oo Uhr. Regenwolken hatten den Himmel über der Hauptstadt verdunkelt, so daß die Männer, die sein Chef der Sicherheitspolizei auf den umliegenden Dächern postiert hatte, von den Statuen kaum noch zu unterscheiden waren. Reglos standen sie auf den Zinnen: uralte Mythen und eine hochmoderne Polizei. Die Telephone summten, im Vorzimmer wachte die Sekretärin, in den anschließenden Büros sein Stab. Sie wußten: Um 17 Uhr taucht der Chef für sieben Minuten ab: Tiefschlaf. Dann würde er, frisch und erholt, seine Geschäfte wieder aufnehmen, gleichzeitig telephonierend, Akten studierend, Briefe unterzeichnend, aber seltsam - heute, da es vorzeitig zu nachten begann, wollte der Schlaf nicht kommen. An den hohen Fenstern klebte ein fahler Glanz, die Formen schwanden, die Farben ergrauten, und mit den ersten Regentropfen, die gegen die Scheiben fielen, sank der saalgroße Raum in eine blaue Vergänglichkeit. Was eben noch ein wuchtiger Krieger gewesen war, von Ferdinand Hodler gemalt - schon huschte es hinüber in die Nacht, auf den Bücherrücken erloschen die Reflexe, und die Ledersessel, die im vorderen Raumteil standen, lagerten wie eine Herde um den Rauchtisch. Der Bundespräsident spürte, wie eine leise Betäubung in den Kiefer kroch, der Schlafraum jedoch, den er sonst zu jeder Tages- und Nachtzeit unter sich aufklappen konnte, wollte ihn heute nicht aufnehmen. An der Oberfläche blieb er hängen, trieb er dahin.

    In dieser Regierung, die aus sieben Bundesräten bestand, wurde man für ein Jahr zum Präsidenten gewählt, und er war nicht der erste, der der Doppelbelastung von Ministerium und Präsidentenamt zum Opfer fiele. Bis zum heutigen Tag jedoch war er mit seiner Aufgabe gut zurechtgekommen, und der Besuch des spanischen Königspaars, das er als Gastgeber empfangen hatte, würde seine Popularität, davon war er überzeugt, zu neuen Höhen führen."

    Der Empfang im Parlament, begleitende Reden und Cocktails, Gespräche mit Vertretern der Schweizer Banken und Chemieunternehmen, der obligate Besuch einer Uhren- und einer Schokoladenfabrik - sie hatten den Beifall der Beteiligten und Zuschauer gefunden. Überdies erweckte das spanische Königspaar Sympathien. Für den Abend dieses 19. Juli stand noch ein großer Empfang bevor und am nächsten und letzten Besuchstag war gegen elf Uhr vormittags auf Wunsch des spanischen Königs, eines ausgebildeten Jetpiloten, eine Demonstration der Schweizer Luftwaffe vorgesehen - und als Damenprogramm zeitgleich dazu der Besuch einer Spinnerei durch die spanische Königin und Marie, die elegante Frau des Bundespräsidenten. Der Bundespräsident, genannt mit Spitznamen "der große Kater", genießt also den Triumph und doch, spürt er, liegt irgendetwas in der Luft, ballt sich irgend etwas zusammen; ist etwas "faul". Obendrein, als wolle das Wetter diese Vorahnung symbolträchtig bestätigen, entladen sich plötzlich über dem Platz vor dem Bundeshaus in Bern die Gewitterwolken, so daß die auf das spanische Königspaar Juan Carlos und Sofia wartende Menschenmenge auseinanderstürmt.

    Aus der Vorahnung wird Gewißheit: Während der Schweizer Bundespräsident seine Rede für das Abenddiner überarbeitet, teilt ihm der zur Berichterstattung eintreffende Sicherheitschef Pfiff mit, daß er das Damenprogramm für den nächsten Tag geändert habe: an die Stelle des Besuchs einer Spinnerei habe er den Besuch der Kinderklinik Bossi gesetzt, denn die spanische Königin werde, als gelernte Kinderkrankenschwester, mehr Gefallen daran finden als am Besuch einer Fabrik.

    Eben das ist die Katastrophe, denn in der Berner Kinderklinik liegt der jüngste Sohn des Präsidentenehepaars im Sterben, und muß Marie, seine Frau, denkt der Bundespräsident, nun nicht annehmen, daß er diesen Besuch veranlaßt habe? Und damit ohne jede Scham das Sterben des eigenen Kindes den Medien zum Fraß vorwirft? Daß er selbst das Privateste, seine Familie, für seinen politischen Erfolg instrumentalisiert? Marie, wußte der Bundespräsident, war jetzt durchaus zuzutrauen, daß sie aus Verärgerung über die Programmänderung nun einen Eklat heraufbeschwor und ihn beim bevorstehenden Empfang nicht mehr begleitete. Das bedeutete sein politisches Ende, sein Rücktritt war fällig. Er war das Opfer einer Intrige geworden.

    Thomas Hürlimann hat mit dieser Exposition Leitthema und Leitfragen des Romans "Der große Kater" angeschlagen: Was sind die Beweggründe politischen Handelns? Politik und Moral, kann man sie voneinander trennen oder sind sie nicht doch aufeinander verwiesen? Kann der Kampf um Macht und Machterhalt die Ausschlachtung des Privaten rechtfertigen? Wird Politik, statt zu informieren und aufzuklären, nicht mehr und mehr zur medialen Inszenierung? Ist Präsentation in den Medien mittlerweile nicht wichtiger als der politische Inhalt?

    Kompositorisch verbindet Thomas Hürlimann in "Der große Kater" zwei Zeitebenen und Handlungsstränge miteinander. Auf der Gegenwartsebene stellt er den Verlauf des Staatsbesuches dar, dann wieder berichtet er in Rückblenden von der alten Freundschaft und Rivalität des Bundespräsidenten und seines Polizeiministers Pfiff: Gemeinsam besuchten sie die Klosterschule von Maria Einsiedeln, gemeinsam umwarben sie Marie, die sich schließlich gegen Pfiff entschied. Begleitet wird die abwechslungsreiche Handlung von Tempowechseln, von zum Teil Spannung erzeugenden Retardierungen. Getragen wird Thomas Hürlimanns Roman - ebenso wie seine Theaterstücke und die Prosabände "Die Tessinerin", "Das Gartenhaus" und "Die Satellitenstadt" - von biographischen Erlebnissen. Wie bereits in den Novellen "Die Tessinerin" und "Das Gartenhaus" wird der frühe Krebstod des jüngeren Bruders - der auf Thomas Hürlimann wie ein Schock wirkte und ihn zum Schriftsteller machte - als menschliche Katastrophe dargestellt, eine Katastrophe, der die Verwandten hilflos ausgesetzt sind. Die Frage nach dem Sinn dieses Todes läßt sie an ihrem Gott zweifeln.

    In der Figur des Bundespräsidenten porträtiert Thomas Hürlimann seinen Vater, den Schweizer Juristen Hans Hürlimann, der es vom Sohn eines verarmten Pferdeschmieds bis ganz nach oben brachte: zunächst zum Chef der Regierung des Kantons Zug, dann zum Mitglied des Parteivorstands der konservativen Christlichsozialen Volkspartei, danach zum verdienstvollen und erfolgreichen Leiter des Schweizer Innendepartements. Turnusgemäß übernahm er schließlich 1979 das Amt des Schweizerischen Bundespräsidenten - das Jahr, in dem das spanische Königspaar zu einem Staatsbesuch in der Schweiz weilte.

    Hürlimann schildert den Bundespräsidenten seines Romans nicht ohne Sympathie, aber durchaus kritisch. Er zeigt, wie der junge Parteipolitiker - dessen Ziel allein Karriere heißt - geschickt und gerissen auf der ideologischen Klaviatur des patriarchalisch-konservativen, katholischen Weltbildes seiner Wahlklientel spielt. So klettert man, läßt Hürlimann zwischen den Zeilen anklingen, auf der politischen Erfolgsleiter nach oben. Und gemeinsam mit Pfiff, dem Schul- und Studienfreund, beschließt Kater auf einer Bergtour im Wallis, die politische Führung im Kanton zu übernehmen. Beide lassen sich vom Präsidenten der Konservativen Partei, dem mächtigen Metzger und Feuerwehrkommandanten Habernoll, protegieren. Auf einer Parteiversammlung schickt er sie als konkurrierende Redner ins Wettrennen:

    "Durch sämtliche Köpfe liefen Fäden, natürlich unsichtbar, doch endeten alle in Habernolls Metzgerpranke, jetzt ein Ruck, und helahopp, blickte der Saal nach vorn, zum Podium, auf den großmächtigen Präsidenten. Er wartete, bis es vollkommen still war. Dann läutete er seine Glocke und verkündete das zweite Traktandum: `Bau einer Autobahn im nordwestlichen Kantonsgebiet. Ich erteile das Wort dem Contrareferenten. Bitte, Herr Doktor!` Da der Hauptharst der Delegierten aus der Bauernschaft kam, fielen Pfiffs Argumente auf fruchtbaren Boden, eben auf Agrarland, `das noch lange`, rief Pfiff, `unser Brot tragen möge, den Segen für uns und unsere Kinder!` Die Delegierten nickten zustimmend, der Mann sprach ihnen aus dem Herzen, die Sache schien entschieden - hätte Pfiff an dieser Stelle aufgehört, wäre er vermutlich nominiert worden. Aber offensichtlich wollte er der Pflicht die Kür folgen lassen, hob nun ab, drehte Loopings und Volten, bluffte und brillierte, und dann in einer waghalsigen Schlußkurve Anlauf holend, schoß der freche Raubvogel herab, direkt auf Kater zu, und den, das merkten alle, attackierte er heftiger als zuvor die Betonlobby und den Fortschritt. `Mein lieber Freund`, wurde der Redner persönlich, `weißt du noch, wie wir den Ausbruch des Weltkriegs erlebt haben, jenes großen Völkerringens, das Europa an den Rand des Abgrunds brachte? Du warst damals der Meinung, eine grundsätzliche Erneuerung würde auch unserem Volk an Leib und Seele bekommen. Du hast, lieber Kater, begeistert vom titanischen Willen gesprochen und vom großen Stahlbad, aus dem der Germane verjüngt und erstarkt hervorgehe. Nun, inzwischen sind wir klüger. Die Geschichte hat dich widerlegt. Denn Hitler, meine werten Parteifreunde, hochgeschätzte Bauern und Bürger, Hitler war nur ein kleiner, gemeiner Autonarr, der sich zum Schluß mit Benzin überschütten und anzünden ließ. Jawohl, diese Figur hat uns exemplarisch vorgeführt, wohin Motorwesen, Volkswagentum und Autobahnen führen, nämlich in die Apokalypse einer rauchenden Trümmerwelt, in die Götterdämmerung eines totalen Untergangs, weshalb ich Ihnen und unserer Partei empfehle, die Erstellung einer Autobahn im nordwestlichen Kantonsgebiet schon im Planungsstadium abzulehnen; dixi, ich danke.` Der Applaus donnerte, die Gläser tanzten, die Teller klirrten, die Brigade flog den nächsten Einsatz, Schnaps kam auf die Tische, man sprach und fraß und soff, grölte da nach Humpen, dort nach Stumpen, kein Zweifel, die Kandidatenfrage war geklärt, Pfiff gekürt, aber seltsam, allzusehr schien das den Proreferenten, der inzwischen das Wort ergriffen hatte, nicht zu stören. Monoton wie Habernoll nahm Kater die von Pfiff angeführten Zahlen vor, ließ sie teilweise gelten, teilweise nicht, sprach über die Natur, die Schöpfung und das Auftragsvolumen, das der Wirtschaft, sollte die Autobahn abgelehnt werden, zum Nachteil aller, also auch der Bauern entgehen würde. Dann stützte er sich mit beiden Händen auf, schlitzte die Augen, spähte in den Saal - und hielt inne. Hatte er den Faden verloren? Nein. Mit einem Ruck, einem einzigen Wort, zog er die Augen aller wieder nach vorn, zur Bühne, auf seine Person. `Hitler!` sagte Kater. Und wieder: Stille. Hitler? Was kann er damit meinen? `Ich meine, werte Parteifreunde, daß die Vergangenheit vergangen ist. Ich meine, daß es keinen Sinn hat, heute über alte Geschichten zu reden. Vergessen wir das! Seien wir nicht nachtragend! Ja, wir Soldaten und Offiziere haben damals draußen gelegen, im Dreck und im Schlamm, im Schnee und im Frost, denn für uns war es eine Selbstverständlichkeit, unsere Äcker und Familien Tag und Nach zu beschützen. Ersparen sie uns also, werter Herr Doktor, Ihren Rückgriff auf jene Zeiten! Kommen sie uns nicht mit Untergangszauber und Götterdämmerung, denn der große Krieg, den sie und ihresgleichen als studentische Parketthelden durchtanzt haben, ist vorbei. Vorbei!` schrie Kater, `und wir, wir Bauern und Bürger, wir Soldaten, Patrioten und Christen sind unserem Herrgott von Herzen dankbar, daß er uns vor Ihrem Hitler, Herr Doktor bewahrt hat!` `Bravo!` setzte Habernoll in die Stille, und das schmale Männchen, das links von der Vorstandsriege ein eigenes, etwas tieferes Tischlein hatte, fragte rasch, ob auch das Bravo ins Protokoll gehöre. `Jawohl!` fuhr Kater fort, die Hand zum Schwur erhoben, `wir stehen zu unseren Wurzeln. Wir bekennen uns zur Heimat. Aber wer von uns verlangt, im Bauern einen Buhmann des Fortschritts zu sehen, einen Verweigerer des Künftigen, dem halten wir kraftvoll entgegen, daß auch der Bauer, gerade er, ausdauernd und aufopfernd im Advent steht, auf dem Acker und im Advent, das Auge glühend nach vorn gerichtet, auf das wir dem Anbruch der Zukunft approximativ entgegenschreiten. Das aber heißt: Wir sagen Ja, ein großes Ja zur Autobahn im nordwestlichen Kantonsgebiet, das walte Gott, dixi, ich danke.` Die Ernennung des Kandidaten ging dann rasch und problemlos über die Bühne. Der Saal entschied sich mit Handmehr für Kater, den städtischen Adjunkten, und nur drei Wochen später, am letzten Sonntag im November, wählte ihn das Volk in die Regierung des Kantons."

    Einläßlich beschreibt der Gesellschaftskritiker Thomas Hürlimann in seinem Roman Prozeduren des Politischen, Alltagsrituale des Redens und Repräsentierens und als Voraussetzung und Ziel von alldem einen Prozeß der Domestizierung, der Annäherung an die Welt der "Ober -, Mittel- und Unterstreber", der Angepaßten. Denn eigentlich hatte der Bundespräsident in jungen Jahren die Begabung zum Schriftsteller - ein Schulaufsatz, erkannte der Präfekt der strengen Klosterschule von Maria Einsiedeln, verriet das Talent eines Dichters. Weil das aber nicht sein konnte, da keiner der Zöglinge etwas Besonderes - das heißt nicht anders sein durfte als die anderen, eben nur "einer von vielen, einer unter anderen", unterdrückte der Bundespräsident sein Talent. Danach wurde ihm das Schreiben sogar zur Qual. Im theologisch-ideologischen Drill der Klosterschule galt als wahrer Mensch allein der, der auf seine eigenen Wünsche verzichtete und sich als "Gefäß" Gottes verstehen lernte. Es zählte nur, wer sich ans Mittelmaß anpaßte, wer zum "Mittelwesen", zur "Massenware" wurde oder zum, Hürlimann gebraucht dafür wiederholt und etwas zu sinnfällig das Signalwort: "Vasenmensch". Für die Charakterisierung des Gegenteils, des individuell Einmaligen, des Ungezähmten, Wilden, Fremden - auch Menschlicheren - benutzt Hürlimann den etwas überanstrengten Vergleich mit Katze und Kater. Indem also der Bundespräsident das "Katerwesen" in sich "abtötete", wurde aus dem jungen Zögling ein Politiker, ein karrieresüchtiger "Vasenmann", der, so Hürlimann, "die verschiedensten Ideen, Meinungen und Tendenzen zu demokratiegefälligen Kompromiß-Cocktails zusammenschütteln konnte". Und der dann eben auch, um den Konkurrenten Pfiff aus dem Feld zu schlagen, selbst das Privateste für diesen Zweck be- und ausnutzte: Ehefrau, Kinder - und da drei Kinder den Beifall des Wahlvolks fanden, mußten es dann auch drei sein.

    Gegen diese medienwirksam inszenierte Vereinnahmung, gegen die öffentliche Ausstellung der Familie als Altarbild des politischen Erfolgs läßt Hürlimann Marie opponieren. Nachdem sie sich zunächst tatsächlich ihren protokollarischen Pflichten entzogen hat, erscheint sie dann im letzten Augenblick doch noch zum Staatsdiner, allerdings nur, um bei Tisch - nach einem theologischen Gespräch mit dem Nuntius über Gut und Böse als Handlungsmotiv des Politikers - ihren Mann mit der Frage bloßzustellen:

    "...wie gut, frage ich mich, wie gut ist ein Politiker, der mit seinen Handlungen und Entscheidungen die eigene Familie zerstört? Am Tisch wurde es schlagartig still. Die auf den Schultern hockenden Vögel glotzten erstaunt. Die Löffel hingen starr in der Luft. Die Majestäten thronten wie Statuen, und sogar die Primadonna schien in ihren Schweiß- und Parfümgeruch wie in eine Glocke eingegossen zu sein, absolut reglos, ohne zu atmen. Endlich gelang es dem Nuntius, wem sonst, den Bissen zu schlucken. `Wie müssen wir das verstehen, Frau Bundespräsident?` Fahrig griff sie nach dem Glas, schwenkte es vor dem Kinn hin und her, und während die Tränen, die sonst nach innen geweint wurden, aus ihren Augen hervorschossen, sagte sie leise und traurig: `Konkret, Exzellenz. Das dürfen Sie konkret verstehen. In Bossis Klinik liegt mein Kind. Und morgen vormittag, wie Ihnen gewiß bekannt ist, steht der Besuch dieses Kindes auf dem Damenprogramm. Tut mir schrecklich leid, Majestät`, wandte sie sich an die Königin, `aber ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, inwiefern die Planung eines solchen Programmverlaufs im Urgrund des Guten wurzeln soll! Wurzelt sie nicht eher im Ehrgeiz? Aber nun muß ich Sie bitten, mich zu entschuldigen. Ich fühle mich leider nicht gut.` Marie lächelte in die Runde. Dann stand sie auf und ging. `Das wußten wir nicht`, hauchte die Königin. `Senor Presidente, das hat man uns mit keinem Wort gesagt. Ist es wahr? In dieser Klinik liegt Ihr Kind?`"

    Thomas Hürlimann, der nach dem Besuch des Gymnasiums an der Stiftsschule in Maria Einsiedeln in Zürich und Berlin Philosophie studiert hat, scheut sich nicht, fast schweizerisch-altmodisch und mit leichtem Pathos in handfesten Dialogen existentiellen Themen wie Gott und Mensch, Gut und Böse nachzusinnen. Dabei beschreibt er, beklagt er zum Beispiel den Zerfall humaner Gewißheiten, die Bedrohung der Intimität durch ihre öffentliche Bloßstellung, ein Zentrum heutigen Lebensgefühls. Politik und Medien stellt Hürlimann in "Der große Kater" dar als theatralische Inszenierung: Der Bundespräsident und seine Berater benutzen die `Medien` wie umgekehrt die `Medien` die Politik. Was über die `Medien` zum Zwecke der Machtsicherung als Täuschung oder Intrige in den Kreislauf der öffentlichen Meinung eingespeist wird, ist in der Regel nur noch schwer zu korrigieren, die künstlich produzierte Wirklichkeit kaum noch rückrufbar. Und niemand mehr trägt Verantwortung dafür.

    Thomas Hürlimanns biographisch unterlegter Debütroman wirkt gelegentlich überkonstruiert und hat leichte Anklänge ans Melodramatische. Diese Klippen überwindet Hürlimann durch eine sprachmächtige, kräftige, mit Helvetismen angereicherte Prosa. Sein Roman "Der große Kater", auch das macht ihn lesenswert, verteidigt das Menschliche gegen die Macht und die `Medien`.

    "Nach gut zwanzig Minuten Flug zeigte der Bundespräsident auf eine Alpweide hinab und rief: `Sehen Sie das Vieh, Majestät?` Die Helme waren mit Bügelmikro und Kopfhörern ausgestattet; so konnten sie sich trotz des Rotorenlärms in Französisch verständigen...`Das Vieh da unten`, fuhr Kater fort, `scheint genüßlich zu weiden, fernab von uns Menschen, aber schon im August werden die Alpen entladen und die armen Tiere am Fließband geschlachtet. Ja, Majestät, alles, was ist, muß leiden. Auch was uns schön erscheint, es muß leiden. Majestät, bitte entschuldigen sie die gestern abend geäußerten Ansichten meiner Frau. Marie hätte besser geschwiegen, das Diner war gewiß nicht der Anlaß, um über dergleichen zu reden. Aber ich möchte mich nicht von Ihnen verabschieden, lieber Juan Carlos, ohne Ihnen gesagt zu haben, daß meine Frau vollkommen recht hat. Unsere Welt ist nicht mitnichten im Guten verwurzelt...Ich habe Gott im Guten vermutet. Ich habe ihn immer wieder in die Zukunft verlegt, in eine bessere, schönere Welt, die ich gemeinsam mit meinen Freunden zu gestalten versuchte. Wie gesagt: Es war ein Irrtum. Nun bin ich klüger. Ärmer, kleiner und klüger. Ich weiß jetzt, daß es das Gute hinieden nicht gibt. Nirgendwo. Ich habe es ja gut gemeint, o ja. Aber mit meinem Autobahnen habe ich das Land verschandelt, und von den Maßnahmen, die mein bester Freund getroffen hat, der Chef unserer Sicherheitspolizei, will ich lieber schweigen. Er wird mein Nachfolger. Er wird den leisen Terror weiter perfektionieren. Unser System, das will ich gern zugeben, kann sich sehen lassen. die Landesinsassen fühlen sich wohl, die Volksgesundheit erreicht internationale Spitzenwerte, und als Innenminister darf ich mit Stolz bekennen, daß unsere Alters-, Hinterbliebenen- und Invalidenversicherung bis ins nächste Jahrtausend gesichert ist. Alles unter Kontrolle, alles i. O. aber ich weiß auch, Majestät, daß ich Gott in diesem Staatswesen nicht finden kann. Ich finde ihn nicht im Guten, nein - im Sterben meines Sohnes offenbart mir Gott seine Abwesenheit.` Wieder näherten sie sich einem Gebirgszug." - "Mit Schallgeschwindigkeit preschten zwei Mirages auf die Krete zu, jaulten in 3o Meter Höhe drüber weg, legten sich an die Wand, kippten in die Kurve und verloren sich innert Sekunden im zerdonnerten Himmel. Major Bernardo Hofmann, einer der Übungsleiter, kommentierte die Anflüge über Lautsprecher. Er wies auf eine tiefer gelegene Hütte hin, dann nach Westen, wo die Maschinen, donnernd noch immer, eine silberglitzernde Schleife flogen, so daß alle, die auf dem Hügel versammelt waren, ihre Hand flach an die Stirn hielten, sich nach links drehten, und - krawumm! - schon schoß weiter unten ein Feuerball aus dem Boden, die Hütte spritzte auseinander, und die beiden Stahlvögel, steilrecht im Unendlichen verschwindend, sogen das Gedonner so vollständig in sich ein, daß Kater und der König, die zuoberst auf der Krete standen, in einer absoluten Stille zurückblieben."