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Der Prinz von Wales geht auf Uraub

Zuweilen gibt es ein Leben vor dem Mythos. Seltener, leider, hat dieses Leben eine Chance, den Mythos zu überstehen. Wo es ihn übersteht, birgt es mitunter Entdeckungen der besonderen Art.

Armin Huttenlocher |
    Billy Wilder, so dachten wir, kennen wir alle. Billy Wilder ist ein Mythos, seine Drehbücher und Filme sind Legende: "Der Major und das Mädchen", "Sunset Boulevard", "Zeugin der Anklage", "Eins, zwei, drei ... " - Sechs Oscars und 22 Oscar-Nominierungen zieren das filmische Lebenswerk des heute 91jährigen. Doch wer weiß schon Genaueres um das Woher und Zuvor? Billy Wilder, der große Mann des Films war auch ein kleiner Genius des Feuilletons, der sogenannten "kleinen Form", diesem Glücksfall des Journalismus, in dem sich Sozialreportage, Kulturkritik und pointiertes Sinnieren über das scheinbare Nichts zu Juwelchen der Welterkenntnis verschmolzen. - Ja, man muß wohl die Vergangenheitsform wählen; allzu gründlich wurde dem Genre der Garaus gemacht.

    Es war in den zwanziger Jahren. Es war in Berlin. Die poetischste aller prosaischen Gattungen stand in ihrer letzten Blütezeit, sorgsam gehegt von einem illustren Trüpplein flanierender und schreibender Gärtner. Joseph Roth gehörte dazu, Heinrich Mann und Siegfried Kracauer, Franz Hessel und Victor Auburtin, aber auch zu Unrecht vergessene wie Arthur Eloesser, Georg Hermann, Heinrich Hauser, Walther Kiaulehn. Sie schrieben für die Vossische Zeitung, das Berliner Tageblatt, den Börsen-Courier, die BZ am Mittag, die Weltbühne oder die Frankfurter Zeitung. Dazwischen mauserten sich die Jüngeren: Wolfgang Koeppen, zum Beispiel, und ein nicht minder unbekannter Billie Wilder, der sich auch "Richard Wiener" nannte, oder "Julian", oder schlicht mit "-der", "r.-r." oder "-r." zeichnete.

    Bürgerlich hieß er Samuel Wilder, geboren und aufgewachsen in einem galizischen Nest namens Sucha, als Sohn einer jüdischen Hotelbesitzersfamilie. Seinem Vater gehörte eine Kette von Bahnhofsrestaurants. So bekam der Sprößling die Welt von früh an frei Haus. Die Mutter schwärmte seit ihren Mädchentagen von New York und Amerika. Das brachte ihrem Samuel den Namen, den er sich angeeignet hat: Billie, mit "ie"; später in Aussprache und Schreibweise der neuen Heimat angepaßt: Billy, mit "y" - Ausdruck einer kleinen Verbeugung an Hollywood und einer subtilen Distanz zu seinem Herkunftsland, das ihn mit Hitler zum Paria machte und wenig später seine Familie im KZ ermordet hat. Zur Schule ging er in Wien, wohin die Familie im ersten Weltkriegsjahr zog. Das Begräbnis von Kaiser und Monarchie erlebt er vom Trottoir und vom Fensterbrett aus. Kurz folgt er noch der vorgezeichneten Spur, immatrikuliert sich als Jurastudent, um drei Monate später schon, im Winter 1924, die Gesetzbücher gegen ein Notizbuch zu tauschen, als Interviewer, Sport- und Kriminalreporter anzuheuern, gegen Zeilengeld und karges Pauschalhonorar für "Die Stunde" und "Die Bühne" zu schreiben. Zwei Jahre später geht er nach Berlin.

    Billie Wilder war kein "Flaneur" mehr der alten Schule. Kein Bohémien von kultiviertem Understatement. Keiner jener, die mit ihrem dünnen Wirbelstöckchen und einer Aster im Knopfloch zum Gleisdreieck schlenderten, um dann mit leise snobistischer Warmherzigkeit über den Streik der Bahnarbeiter zu schreiben. Billie Wilder war ein Reporter von Gnaden. Ein "City-Editor" im "Spree-Chicago". Ein Chronist des Alltags, ein Bruder des Milieus. Halb Dandy, halb Desperado; halb Philosoph, halb Filou. Und stets ein kleiner Junge und ein Moralist - mal mit, mal ohne Augenzwinkern.

    Schon "Billie Wilder" hatte ein Anliegen, das hieß wohl: Facetten der Wahrheit - und war so unpathetisch gemeint, wie er es frohgemut und unprätentiös eingelöst hat. Er sah das Komödchen in manchem Tragödchen und nahm sich glaubwürdig der Menschen dahinter an. Er konnte sich heute am Glamour der Großstadt berauschen und morgen über das Unvermögen der Straßenreinigung in der Nacht des ersten Schneefalls poltern: "Berlin im Matsch - ein geradezu lächerlicher Zustand". Er war respektlos und vorurteilsfrei, lakonisch bis an den Rand des Zynismus und melancholisch bis an die Grenze zur offenen Trauer. Sein Vermögen war, daß er beides nicht überschritt. Billie Wilder ging zur Bezirksversammlung im Wedding, besuchte die älteste Berlinerin in Moabit. Er verlor sich in Sentimentalitäten bei der Erinnerung an einen Kinderschokoladenautomaten oder den Phosphorduft früherer Streichhölzer. Er heuerte beim Adlon als Eintänzer an, pokerte mit einem Pokerkönig zwischen Waschpulver, Senfgurken und Essig im Hinterzimmer von dessen Gemischtwarenladen, besuchte ein "Frollein", das sich als "Hexe" etablieren wollte, und portraitierte - tief bewegend - den Clown aller Clowns: den alten Grock. Und gleich, wem er sich widmete, worüber er staunte, was ihn erregte - schon damals, als Feuilletonist, blieb er ein Harlekin, ein Jongleur, löste er scheinbar spielerisch das vermeintliche Paradox elegantester Ernsthaftigkeit ein.

    Eine Auswahl dieser wundervollen Petitessen wurden jetzt aus den Archiven geholt und in einem schmalen Buch zusammengefaßt. Der Herausgeber Klaus Siebenhaar hat ein kleines, verhalten dozierendes Nachwort beigefügt, der Verlag einige klobige Hände voll Druckfehler übersehen. Aus Begeisterung, vermutlich, über das wiederentdeckte Leben hinter dem Mythos.