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Die Achillesferse der Atompolitik

In Frankreich erzeugen 58 Atomreaktoren rund vier Fünftel des Stromes, der im Lande verbraucht wird. Wo der Atommüll endgültig gelagert werden soll, ist auch in unserem Nachbarland noch nicht geklärt. Ein Gesetz aus dem Jahr 1991 verpflichtet die Regierung, bis 2006 eine Entscheidung zu fällen - also in diesem Jahr.

Von Siegfried Forster |
    In Frankreich erzeugen 58 Atommeiler über 80 Prozent der Stromenergie. Die Achillesferse der Atompolitik ist jedoch die Frage: "Wohin mit den jährlich 1200 Tonnen Atommüll?" Lange Zeit war das Schicksal des französischen Atommülls so gut wie sicher : die Endlagerung galt als unstreitig. Bis 1991 der Abgeordnete Bataille ein Gesetz hat verabschieden lassen, in dem festgelegt wird, dass vor einer endgültigen Entscheidung zuerst einmal weitere Forschungen notwendig seien. Den Termin für die endgültige Abstimmung legte er auf das Jahr 2006. Voraussichtlich im März sollen die Abgeordneten über die Atommüll-Entsorgung abstimmen. Im Vorfeld hatten die Bürger das Wort. Eine eigene staatliche Sonderkommission veranstaltete Diskussionsrunden in ganz Frankreich, zu denen erstmals auch atomkritische Experten eingeladen waren: es handelte sich um die europaweit bislang umfassendste Aktion in diesem hochsensiblen Bereich der Atommüll-Entsorgung. Nun wurde der Abschlussbericht der Debatten veröffentlicht. Wird das Jahr 2006 also das Jahr der Entscheidung für die Atommüll-Entsorgung in Frankreich?

    13 Diskussionsrunden wurden in Frankreich landauf, landab abgehalten - insgesamt 3.000 Teilnehmer wurden gezählt, nicht mehr als bei einer mäßig besuchten Anti-Atom-Versammlung. Doch bei diesen öffentlichen Debatten handelte es sich immerhin um die europaweit bislang umfassendste Aktion in diesem hochsensiblen Bereich der Atommüll-Entsorgung, so Yannick Barthe, Atom-Spezialist am französischen Forschungs- Zentrum CNRS:

    " Was mich am meisten überrascht hat, war die Qualität der Vorträge, vor allem das hohe Niveau in technischer Hinsicht. Es stand nicht - wie sonst oft - die Rede vom Schutz der künftigen Generationen im Vordergrund. Die zweite Überraschung - und auch dabei handelte es sich um eine Premiere - zum ersten Mal wurden in Frankreich bei einer öffentlichen Debatte zu diesem Thema tatsächlich Atom-Gegner oder atomkritische Experten angehört. Auch das war eine Premiere und für mich eine Überraschung."

    Welche strahlende Zukunft die französische Öffentlichkeit dem Atommüll konkret wünscht, ist allerdings auch nach dieser offiziellen Debattenrunde überaus unklar. Prinzipiell standen drei Optionen zur Auswahl: Endlagerung, eine wieder umkehrbare Zwischenlagerung oder die Hoffnung auf die Transmutation: eine Technologie, mit der die Strahlungszeit der radioaktiven Abfälle radikal verkürzt werden soll, die aber frühestens in einigen Jahrzehnten als möglich erscheint. Der staatlich geprüfte Abschlussbericht liefert dabei eine für das Atomland Frankreich bislang durchaus seltene und unangenehme Feststellung, nämlich, dass alle drei Optionen - wissenschaftlich gesehen - ein nicht genau bestimmbares Risiko beinhalten, so Frédéric Marillet von der Umweltschutz-Vereinigung Greenpeace:

    " Anders als die Atomindustrie uns glauben machen möchte, selbst die Berichte der französischen Agentur für radioaktiven Abfall (ANDRA) und des Institutes für Strahlenschutz und nukleare Sicherheit (IRSN) zeigen, dass es viele wissenschaftliche Fragen ohne Antworten gibt. Während der öffentlichen Debatte haben Experten der Andra und des IRSN eindeutig erklärt, dass man heute im Jahr 2006 nicht in der Lage ist zu sagen, ob ein bestimmter Standort oder eine bestimmte Lagerung von Atommüll wirklich sicher und realisierbar ist."

    Mit anderen Worten: auch das kürzlich im lothringischen Bure in Betrieb genommene erste französische Versuchslabor für die Endlagerung von hochradioaktivem Atommüll sieht weiterhin einer ungewissen Zukunft entgegen. Für CNRS-Wissenschaftler Yannick Barthe hat die öffentliche Debatte keine klaren Aussagen geliefert, aber wichtige Alternativen aufgezeigt. Während lange Zeit die Endlagerung als einzig mögliche Lösung propagiert wurde, sei inzwischen die reversible, überirdische Zwischenlagerung ein für viele denkbarer Kompromiss. Den Graben zwischen Atombefürwortern und Atomgegnern konnte die Debatte aber nicht verkleinern:

    " Nein, ich glaube wirklich nicht, dass der Graben kleiner geworden ist. Aber wir sehen, dass sich Kompromiss-Lösungen abzeichnen, bei denen es um wiederumkehrbare Lösungen geht. Also überirdische oder unterirdische Atomlager, die prinzipiell wieder rückgängig gemacht werden können."

    Unterdessen hat Frankreichs Präsident Chirac Anfang des Jahres - ohne große Debatte - nach dem Europäischen Druckwasser-Reaktor EPR die Entwicklung einer vierten Atomreaktor-Generation angekündigt. Damit hat er keinen Zweifel daran gelassen, dass sein Frankreich auch in Zukunft auf Atomkraft setzen und Atommüll produzieren wird. Wie die radioaktiven Hinterlassenschaften entsorgt werden sollen, darüber müssen nach der öffentlichen Debatte nun die Parlamentarier entscheiden. Dank der 2007 bevorstehenden Präsidentschaftswahlen dürfte die gesetzlich in diesem Jahr zwingend vorgeschriebene Entscheidung jedoch vermutlich erstmal für unbestimmte Zeit zwischengelagert werden.