Elke Durak: Wovon also lassen sich Wähler beeindrucken in ihrer Wahlentscheidung? Von einer einzigen Veranstaltung oder doch durch längeres Nachdenken? Der Wähler ist verunsichert heißt es, was seine Entscheidung am Sonntag angeht; fühlt sich verunsichert durch die Parteien und deren Wahlkampf. Wonach richten sich also die Wähler?
Das Kölner Institut für Markt- und Medienanalysen hat sich in tiefenpsychologischen Befragungen von ausgewählten Probanden damit befasst und ist zu verschiedenen Schlussfolgerungen gekommen. Unter anderem zu dieser: Es werde keine Richtungswahl geben, sondern eine Impulswahl. Was bedeutet das? Frage an Stephan Grünewald vom Institut für Markt- und Medienanalysen, Köln, Geschäftsführer dort und Autor der Studie. Guten Morgen.
Stephan Grünewald: Ja, guten Morgen. Also was wir festgestellt haben in unseren Tiefeninterviews ist, dass der Wahlkampf eher die Orientierungskrise der Bürger verstärkt hat. Das heißt, die Bürger haben nicht das Gefühl über Richtungen zu entscheiden, denn sie können die Richtungen gar nicht mehr differenzieren. Sie haben das Gefühl, Originalzitat: "Die ganze Politik erscheint ihnen im Moment wie in Ahornsirup gegossen." Das heißt, die Positionen der Parteien nähern sich immer stärker an.
Alle reklamieren die soziale Gerechtigkeit für sich und der Wähler erkennt nicht mehr die entscheidenden Richtungsunterschiede. Schwerer ins Gewicht wirkt für ihn, dass er eigentlich seit der Jahrtausendwende sehnsüchtig darauf hofft, so etwas wie eine visionäre Bestimmung zu bekommen, wohin die Reise im neuen Jahrtausend geht. So etwas wie ein Leitbild, ein Zukunftsentwurf findet im Wahlkampf überhaupt nicht statt.
Durak: Lassen Sie uns, Herr Grünewald, Moment, beim ersten noch bleiben. Also Impulswahl statt Richtungswahl. Impuls heißt aus einem Augenblick heraus. Also wie eben im Beitrag aus Saarbrücken gehört - eine einzige Veranstaltung, ein einziger Auftritt eines geschickten Redners kann einen Wähler umstimmen ehedem seine Meinung zu geben. Das heißt, es ist die Stunde der Demagogen? Der Bessersprecher?
Grünewald: Ja, das ist halt der Punkt. Wenn die Wähler sich nicht orientieren können an langfristigen Perspektiven, an Zukunftsentwürfen, dann gehorchen sie letztendlich ihrem spontanen Impuls. Das ist dann die Stunde, wo der Wähler sich die ganzen Wahlveranstaltungen anguckt, hinterher ratlos ist, und sich letztendlich daran orientiert, welche Stimmung gefällt mir besser? Welche Aura sagt mit eher zu? Was ist quasi die Wechselatmosphäre, die eine Partei verströmt?
Also das sind ganz subjektive Entscheidungskriterien, die herangezogen werden. Das es so subjektiv ist, liegt aber daran, dass der Wähler sich eigentlich in einem visionären Vakuum wähnt. Er hat nicht mehr das Gefühl, dass die Parteien klare Zukunftsbilder entwerfen. Wer das Fernseh-Duell gesehen hat, hatte zum Teil den Eindruck, da werden die Zukunftsprobleme des Landes versucht, mit dem Rechenschieber zu lösen. Also, man findet keine kraftvolle Umgestaltung, sondern ein ständiges Umrechnen der Probleme.
Durak: Herr Grünewald, die Wähler beklagen fehlende Visionen, sagten Sie als zweiten Punkt. Aber gerade Kirchhof wurde ja als Visionär verkauft, angegeben. Das hat offenbar nichts geholfen. Das war nichts mit den Visionen?
Grünewald: Ja also, das war ein ja - wie so ein Visions-Etikett. Das ist sicherlich ein mutiger Schritt, das Steuersystem zu entrümpeln, das ist aber im Grunde genommen noch kein Leitbild, was eine ganze Bevölkerung dazu ermuntern kann, Opfer zu bringen, anders zu denken. Und das ist im Moment das Dilemma. Es wird partiell was herausgegriffen von der Gegenseite und direkt verunglimpft. Aber für die Wähler ist überhaupt nicht erkennbar: In was für einem Gesamtkontext steht das? Was bringt das für mein Leben? Warum soll ich jetzt quasi Verzicht leisten? Zu welchem Ziel führt mich das? Und da diese Perspektive fehlt, ist letztendlich jeder Wähler daran orientiert, so den eigenen Vorteil zu wahren und die eigenen Besitzstände zu konservieren.
Durak: Wir kennen den berühmten Wechselwähler, der wurde ja bisher vornehmlich im Osten gesehen - mit negativer Begleitung, sozusagen nach dem Motto: Der weiß nicht, was er will, der ist nicht treu, der entscheidet pragmatisch, hat keine festen Standpunkt. Diesen festen Standpunkt jedenfalls ist Ostdeutschen älteren Datums in ihrem Leben - ist man ihnen hinreichend begegnet worden. Also Wechselwähler gleich Wähler der Zukunft?
Grünewald: Ja, was uns überrascht hat in unserer Studie im Rheingold ist, dass mittlerweile wirklich ein Drittel, ein Viertel der Wähler, die beim letzten Mal noch entschieden waren, betonten, sie wüssten nicht, wohin sie wechseln würden. Also wir haben überhaupt kein Wechselfieber, keine Aufbruchstimmung festgestellt. Vor allen Dingen die SPD-Wähler befanden sich in einer tiefen Resignation und wussten nicht mehr, wie sie die Politik ihrer eigenen Partei rechtfertigen sollen.
Überraschenderweise waren aber auch die CDU-Wähler quasi nicht vom magischen Aufbruchsgeist gepackt, sondern sie agierten eher mit so einem vorsichtigen Zweckoptimismus, die SPD ist für sie das kleinere Übel. Aber auch sie sind in letzter Konsequenz nicht begeistert. Quer durch alle Wählergruppen haben wir festgestellt, dass eigentlich zu Beginn des Wahlkampfes so eine diffuse Hoffnung war, man könnte einen Wechsel initiieren, der quasi konsequenzlos bleibt. Getreu dem Motto: "Wasch mich, aber mach mich nicht nass." Das heißt, man hofft, indem man einfach den Mann durch eine Frau austauscht, einen Wechsel vollzieht, weil auf einmal eine Protestantin aus dem Osten Kanzlerin wird. Damit wäre allein schon die Wechselschuldigkeit getan.
Im Verlauf des Wahlkampfs haben aber dann die Wähler gemerkt, dass es diesen Wechsel ohne Konsequenzen nicht gibt. Die Debatte über die Mehrwertsteuer, die Debatte über die Steuerpolitik hat jedem Wähler klar gemacht: Es hat bittere Konsequenzen, egal, wie er reagiert. Und das hat eigentlich so diese Stimmung, diese angstvolle Stimmung der Verzagtheit und Resignation bei den Wählern noch verstärkt.
Durak: Vielleicht muss sich der Wähler ja auch einfach damit abfinden, dass es schwieriger wird. Haben Sie da eine Bereitschaft herausgehört?
Grünewald: Grundsätzlich, sagen wir auf einer rationalen Ebene, sagt jeder: "Ja, wir haben erkannt, wir haben eine Krisensituation, die Sozialsysteme sind kurz vor dem Kollaps, wir müssen was ändern." Aber dieser grundsätzliche Veränderungstenor wird - wie gesagt - nicht durch ein klares Zukunftsbild, durch eine klare Vision zusammengefasst. Das heißt, ich glaube aus psychologischer Sicht ist der Bürger erst in dem Moment bereit, Opfer zu erdulden, wenn er weiß, zu welchem langfristigen Ziel das führt. Solange er diese Zielbestimmung nicht hat, versucht er mit Händen und Klauen seine persönlichen Vorteile und Besitzstände zu wahren.
Durak: Herr Grünewald, ich habe auch ein wenig ein Problem mit dem Begriff Vision. Also einerseits sagen Sie, erwarten die Wähler klare Vorstellungen von dem, was kommt. Ich verstehe unter Vision aber auch etwas Fernes, in der Zukunft Liegendes, nicht so genau Umrissenes. Eher so eine Wunschvorstellung, auf die man hinarbeitet. Sehen Sie den Widerspruch nicht auch?
Grünewald: Ja, die Vision muss schon anpackbar sein. Also die Wähler wollen wissen: Wofür erziehe ich meine Kinder? Was ist im Grunde genommen -
Durak: Damit sie gute Menschen werden, da brauche ich doch keine Parteien!
Grünewald: Bitte?
Durak: Damit sie gut Menschen werden, da brauche ich doch keine Parteien dazu!
Grünewald: Ja, das haben ja früher die Religionen abgedeckt, sagen wir mal, diese eher, diese, diese leidvolle und visionäre Zukunftsbestimmung. Das machen aber die Religionen...
Durak: Oder der normale Menschenverstand, Entschuldigung. Also gut, weiter.
Grünewald: Nein, also was wir beobachten ist wirklich eine große Unsicherheit, was - gerade nach dem 11. September - die Leute kriegen mit: Das Leben ist nicht mehr so, wie es früher war. Es hat sich alles gewandelt. Aber sie haben überhaupt keine Vorstellung mehr, wohin sie dieses Leben führt. Und diese alten Vorstellungen, die damals der Menschenverstand und die Moral gegeben haben, die sind mittlerweile obsolet.
Und das führt dazu, dass so paradoxe Erscheinungen passieren, dass man sich die Wahlkampfsendungen anguckt, und letztendlich sich am Wechselprofil orientiert, das eine Frau Merkel oder das ein Herr Schröder verströmt. Da haben die Wähler auf einmal das Gefühl: Ja, der Schröder, der ist eigentlich gar nicht so der Reformkanzler, der ist eher der Fels in der Brandung. Der verströmt so eine unerschütterliche Stabilität...
Durak: Der hätte dann - Pardon, ich muss Sie langsam zum Ende führen, der hätte dann ja sein Ziel wahrscheinlich erreicht?
Grünewald: Ja, aber in einem anderen Sinne. Er wollte immer Reformkanzler werden. Man hat bei Schröder das Gefühl, damit hat man eine gewisse Stabilität, mit den vertrauten Einbußen. Bei Angela Merkel verspürt man zwar den Aufbruchsgeist, aber man hat das Gefühl: Das ist ein Aufbruch mit ungewissen Nebenwirkungen. Und das verschreckt den ein oder anderen Wähler dann auch wieder.
Durak: Stephan Grünewald war das, vom Institut für Markt- und Medienanalysen Köln. Und weil das Stichwort Rheingold in unserem Gespräch fiel, und viele Hörer vielleicht damit nichts anfangen können: So nennt sich dieses Institut. Besten Dank Herr Grünewald für das Gespräch.
Grünewald: Bitteschön.
Das Kölner Institut für Markt- und Medienanalysen hat sich in tiefenpsychologischen Befragungen von ausgewählten Probanden damit befasst und ist zu verschiedenen Schlussfolgerungen gekommen. Unter anderem zu dieser: Es werde keine Richtungswahl geben, sondern eine Impulswahl. Was bedeutet das? Frage an Stephan Grünewald vom Institut für Markt- und Medienanalysen, Köln, Geschäftsführer dort und Autor der Studie. Guten Morgen.
Stephan Grünewald: Ja, guten Morgen. Also was wir festgestellt haben in unseren Tiefeninterviews ist, dass der Wahlkampf eher die Orientierungskrise der Bürger verstärkt hat. Das heißt, die Bürger haben nicht das Gefühl über Richtungen zu entscheiden, denn sie können die Richtungen gar nicht mehr differenzieren. Sie haben das Gefühl, Originalzitat: "Die ganze Politik erscheint ihnen im Moment wie in Ahornsirup gegossen." Das heißt, die Positionen der Parteien nähern sich immer stärker an.
Alle reklamieren die soziale Gerechtigkeit für sich und der Wähler erkennt nicht mehr die entscheidenden Richtungsunterschiede. Schwerer ins Gewicht wirkt für ihn, dass er eigentlich seit der Jahrtausendwende sehnsüchtig darauf hofft, so etwas wie eine visionäre Bestimmung zu bekommen, wohin die Reise im neuen Jahrtausend geht. So etwas wie ein Leitbild, ein Zukunftsentwurf findet im Wahlkampf überhaupt nicht statt.
Durak: Lassen Sie uns, Herr Grünewald, Moment, beim ersten noch bleiben. Also Impulswahl statt Richtungswahl. Impuls heißt aus einem Augenblick heraus. Also wie eben im Beitrag aus Saarbrücken gehört - eine einzige Veranstaltung, ein einziger Auftritt eines geschickten Redners kann einen Wähler umstimmen ehedem seine Meinung zu geben. Das heißt, es ist die Stunde der Demagogen? Der Bessersprecher?
Grünewald: Ja, das ist halt der Punkt. Wenn die Wähler sich nicht orientieren können an langfristigen Perspektiven, an Zukunftsentwürfen, dann gehorchen sie letztendlich ihrem spontanen Impuls. Das ist dann die Stunde, wo der Wähler sich die ganzen Wahlveranstaltungen anguckt, hinterher ratlos ist, und sich letztendlich daran orientiert, welche Stimmung gefällt mir besser? Welche Aura sagt mit eher zu? Was ist quasi die Wechselatmosphäre, die eine Partei verströmt?
Also das sind ganz subjektive Entscheidungskriterien, die herangezogen werden. Das es so subjektiv ist, liegt aber daran, dass der Wähler sich eigentlich in einem visionären Vakuum wähnt. Er hat nicht mehr das Gefühl, dass die Parteien klare Zukunftsbilder entwerfen. Wer das Fernseh-Duell gesehen hat, hatte zum Teil den Eindruck, da werden die Zukunftsprobleme des Landes versucht, mit dem Rechenschieber zu lösen. Also, man findet keine kraftvolle Umgestaltung, sondern ein ständiges Umrechnen der Probleme.
Durak: Herr Grünewald, die Wähler beklagen fehlende Visionen, sagten Sie als zweiten Punkt. Aber gerade Kirchhof wurde ja als Visionär verkauft, angegeben. Das hat offenbar nichts geholfen. Das war nichts mit den Visionen?
Grünewald: Ja also, das war ein ja - wie so ein Visions-Etikett. Das ist sicherlich ein mutiger Schritt, das Steuersystem zu entrümpeln, das ist aber im Grunde genommen noch kein Leitbild, was eine ganze Bevölkerung dazu ermuntern kann, Opfer zu bringen, anders zu denken. Und das ist im Moment das Dilemma. Es wird partiell was herausgegriffen von der Gegenseite und direkt verunglimpft. Aber für die Wähler ist überhaupt nicht erkennbar: In was für einem Gesamtkontext steht das? Was bringt das für mein Leben? Warum soll ich jetzt quasi Verzicht leisten? Zu welchem Ziel führt mich das? Und da diese Perspektive fehlt, ist letztendlich jeder Wähler daran orientiert, so den eigenen Vorteil zu wahren und die eigenen Besitzstände zu konservieren.
Durak: Wir kennen den berühmten Wechselwähler, der wurde ja bisher vornehmlich im Osten gesehen - mit negativer Begleitung, sozusagen nach dem Motto: Der weiß nicht, was er will, der ist nicht treu, der entscheidet pragmatisch, hat keine festen Standpunkt. Diesen festen Standpunkt jedenfalls ist Ostdeutschen älteren Datums in ihrem Leben - ist man ihnen hinreichend begegnet worden. Also Wechselwähler gleich Wähler der Zukunft?
Grünewald: Ja, was uns überrascht hat in unserer Studie im Rheingold ist, dass mittlerweile wirklich ein Drittel, ein Viertel der Wähler, die beim letzten Mal noch entschieden waren, betonten, sie wüssten nicht, wohin sie wechseln würden. Also wir haben überhaupt kein Wechselfieber, keine Aufbruchstimmung festgestellt. Vor allen Dingen die SPD-Wähler befanden sich in einer tiefen Resignation und wussten nicht mehr, wie sie die Politik ihrer eigenen Partei rechtfertigen sollen.
Überraschenderweise waren aber auch die CDU-Wähler quasi nicht vom magischen Aufbruchsgeist gepackt, sondern sie agierten eher mit so einem vorsichtigen Zweckoptimismus, die SPD ist für sie das kleinere Übel. Aber auch sie sind in letzter Konsequenz nicht begeistert. Quer durch alle Wählergruppen haben wir festgestellt, dass eigentlich zu Beginn des Wahlkampfes so eine diffuse Hoffnung war, man könnte einen Wechsel initiieren, der quasi konsequenzlos bleibt. Getreu dem Motto: "Wasch mich, aber mach mich nicht nass." Das heißt, man hofft, indem man einfach den Mann durch eine Frau austauscht, einen Wechsel vollzieht, weil auf einmal eine Protestantin aus dem Osten Kanzlerin wird. Damit wäre allein schon die Wechselschuldigkeit getan.
Im Verlauf des Wahlkampfs haben aber dann die Wähler gemerkt, dass es diesen Wechsel ohne Konsequenzen nicht gibt. Die Debatte über die Mehrwertsteuer, die Debatte über die Steuerpolitik hat jedem Wähler klar gemacht: Es hat bittere Konsequenzen, egal, wie er reagiert. Und das hat eigentlich so diese Stimmung, diese angstvolle Stimmung der Verzagtheit und Resignation bei den Wählern noch verstärkt.
Durak: Vielleicht muss sich der Wähler ja auch einfach damit abfinden, dass es schwieriger wird. Haben Sie da eine Bereitschaft herausgehört?
Grünewald: Grundsätzlich, sagen wir auf einer rationalen Ebene, sagt jeder: "Ja, wir haben erkannt, wir haben eine Krisensituation, die Sozialsysteme sind kurz vor dem Kollaps, wir müssen was ändern." Aber dieser grundsätzliche Veränderungstenor wird - wie gesagt - nicht durch ein klares Zukunftsbild, durch eine klare Vision zusammengefasst. Das heißt, ich glaube aus psychologischer Sicht ist der Bürger erst in dem Moment bereit, Opfer zu erdulden, wenn er weiß, zu welchem langfristigen Ziel das führt. Solange er diese Zielbestimmung nicht hat, versucht er mit Händen und Klauen seine persönlichen Vorteile und Besitzstände zu wahren.
Durak: Herr Grünewald, ich habe auch ein wenig ein Problem mit dem Begriff Vision. Also einerseits sagen Sie, erwarten die Wähler klare Vorstellungen von dem, was kommt. Ich verstehe unter Vision aber auch etwas Fernes, in der Zukunft Liegendes, nicht so genau Umrissenes. Eher so eine Wunschvorstellung, auf die man hinarbeitet. Sehen Sie den Widerspruch nicht auch?
Grünewald: Ja, die Vision muss schon anpackbar sein. Also die Wähler wollen wissen: Wofür erziehe ich meine Kinder? Was ist im Grunde genommen -
Durak: Damit sie gute Menschen werden, da brauche ich doch keine Parteien!
Grünewald: Bitte?
Durak: Damit sie gut Menschen werden, da brauche ich doch keine Parteien dazu!
Grünewald: Ja, das haben ja früher die Religionen abgedeckt, sagen wir mal, diese eher, diese, diese leidvolle und visionäre Zukunftsbestimmung. Das machen aber die Religionen...
Durak: Oder der normale Menschenverstand, Entschuldigung. Also gut, weiter.
Grünewald: Nein, also was wir beobachten ist wirklich eine große Unsicherheit, was - gerade nach dem 11. September - die Leute kriegen mit: Das Leben ist nicht mehr so, wie es früher war. Es hat sich alles gewandelt. Aber sie haben überhaupt keine Vorstellung mehr, wohin sie dieses Leben führt. Und diese alten Vorstellungen, die damals der Menschenverstand und die Moral gegeben haben, die sind mittlerweile obsolet.
Und das führt dazu, dass so paradoxe Erscheinungen passieren, dass man sich die Wahlkampfsendungen anguckt, und letztendlich sich am Wechselprofil orientiert, das eine Frau Merkel oder das ein Herr Schröder verströmt. Da haben die Wähler auf einmal das Gefühl: Ja, der Schröder, der ist eigentlich gar nicht so der Reformkanzler, der ist eher der Fels in der Brandung. Der verströmt so eine unerschütterliche Stabilität...
Durak: Der hätte dann - Pardon, ich muss Sie langsam zum Ende führen, der hätte dann ja sein Ziel wahrscheinlich erreicht?
Grünewald: Ja, aber in einem anderen Sinne. Er wollte immer Reformkanzler werden. Man hat bei Schröder das Gefühl, damit hat man eine gewisse Stabilität, mit den vertrauten Einbußen. Bei Angela Merkel verspürt man zwar den Aufbruchsgeist, aber man hat das Gefühl: Das ist ein Aufbruch mit ungewissen Nebenwirkungen. Und das verschreckt den ein oder anderen Wähler dann auch wieder.
Durak: Stephan Grünewald war das, vom Institut für Markt- und Medienanalysen Köln. Und weil das Stichwort Rheingold in unserem Gespräch fiel, und viele Hörer vielleicht damit nichts anfangen können: So nennt sich dieses Institut. Besten Dank Herr Grünewald für das Gespräch.
Grünewald: Bitteschön.