17. Mai 2023
Die Presseschau aus deutschen Zeitungen

Im Mittelpunkt der Kommentare steht die neue "IGLU"-Studie, nach der sich die Leseleistungen der deutschen Grundschüler noch einmal verschlechtert haben. Außerdem werden die Probleme des Gesundheitssystems sowie der Besuch von Bundesaußenministerin Baerbock in der Golf-Region kommentiert.

Eine Gruppe Grundschüler ist von hinten zu sehen. Sie sitzen in einer Aula und hören zu.
Jeder vierte Viertklässler in Deutschland kann nicht richtig lesen. Das hat die neue Iglu-Studie ergeben. (Symbolfoto) (picture alliance / SvenSimon / Malte Ossowski / SVEN SIMON)
"Deutschlands Bildung geht kaputt", schreibt die SCHWÄBISCHE ZEITUNG aus Ravensburg. "Das Niederschmetternde an der aktuellen IGLU-Studie sind zum einen die Ergebnisse wie jenes, dass jeder vierte Viertklässler praktisch nicht lesen kann. Noch erschütternder aber ist, dass auch diese Studie keinerlei Überraschung enthält. Die Befunde bestätigen lediglich, worauf etliche andere Studien immer wieder hingewiesen haben - manchmal für die gesamte Republik, manchmal ausdifferenziert nach Bundesländern. Höchste Zeit also, von Vorbildern wie Hamburg zu lernen. Das ehemalige Schlusslicht in Bildungsrankings hat sich dank politischer Entscheidungen nach oben gearbeitet. Unter anderem dadurch, dass für Kinder mit Sprachdefiziten die Schulpflicht ein Jahr früher einsetzt und sie Förderung erfahren", analysiert die SCHWÄBISCHE ZEITUNG.
"In Deutschland gibt es keine Bildungsgerechtigkeit", konstatieren die NÜRNBERGER NACHRICHTEN. "Die Bundesbildungsministerin als Verantwortliche abzukanzeln, würde der Realität übrigens nicht gerecht. Denn in Deutschland leisten wir uns den Luxus 16 verschiedener Bildungssysteme. Welchen Anteil dieser anachronistische Flickenteppich an der Leseschwäche hat, lässt sich schwer ermitteln. Und ändern wird sich daran gewiss nichts, Länderfürsten tragen die Bildungshoheit wie eine Monstranz vor sich her. Wenn sie schon zuständig bleiben wollen, müssten in jedem Bundesland zumindest deutlich seriösere Bemühungen rund um die Integration von leistungsschwachen Kindern unternommen werden", mahnen die NÜRNBERGER NACHRICHTEN.
Die AUGSBURGER ALLGEMEINE erinnert: "Mehr als 20 Jahre ist es her, dass der Schock der Pisa-Studie die Mängel im deutschen Bildungssystem schonungslos offengelegt hat. Doch passiert ist seither entweder zu wenig oder das Falsche. Erfahrungen anderer Länder zeigen jedoch, dass es durchaus möglich ist, den Schulerfolg stärker von der Herkunft zu entkoppeln und Bildung so zu gestalten, dass jedes Kind bestmöglich gefördert werden kann. Dazu aber wäre nichts weniger als eine völlige Zeitenwende in der Bildungspolitik nötig", notiert die AUGSBURGER ALLGEMEINE.
Die FRANKFURTER RUNDSCHAU stellt fest: "Es sind vor allem zwei Faktoren, die ins Kontor schlagen. Zunehmende Heterogenität in den zu großen Klassen. Und eine wachsende Zahl von Schülern, in deren Familien kein Deutsch oder wenig miteinander gesprochen und noch weniger gelesen wird. Nötig ist mehr Sprach- und Leseförderung schon in der Kita. Und mehr Personal in Kita und Schule, um besser mit Heterogenität klarzukommen."
Die ALLGEMEINE ZEITUNG aus Mainz glaubt, dass schlechte Ergebnisse bei Bildungsstudien in aller Regel mit dem Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund zu tun hätten: "Diesen schuldet der Staat Angebote, aber diese wurden lange als Sonderform der Diskriminierung verunglimpft. In Hessen gibt es seit dem vergangenen Schuljahr verpflichtende Vorlaufkurse für angehende Schulkinder ohne ausreichende Sprachkenntnisse. Das sollte Schule machen. Aus der Welt geschafft wird das Problem damit nicht, bildungs- und hochsprachferne Milieus auf das Leben vorzubereiten. Aber so kann das Bildungssystem in diejenigen Familien hineinwirken, in denen noch weniger gelesen wird als in deutschen Grundschulen", kommentiert die ALLGEMEINE ZEITUNG.
Die Zeitung DIE GLOCKE aus Oelde findet, dass auch die Eltern gefordert seien: "Sie tragen Verantwortung für Erziehung und Bildung, müssen entsprechend informiert und befähigt werden. Wenn TV-Konsum und Computerspiele das abendliche Vorlesen ersetzen, dann läuft etwas ganz gewaltig schief."
Nun zu einem anderen Thema. Auf dem Deutschen Ärztetag hat Bundesgesundheitsminister Lauterbach für eine "Entökonomisierung" des Gesundheitssystems geworben. Die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG schreibt dazu: "Lauterbach weiß, dass ihm kaum ein Versprechen schneller Beifall bringt als der verführerische Satz: 'Die Ökonomie darf nicht die Medizin dominieren.' Das ist Musik in den Ohren vieler Patienten, Ärzte oder Pflegekräfte und erwärmt linke Seelen. Suggerieren die Worte doch, das Gesundheitssystem lasse sich von lästigen Knappheiten befreien, wenn der Staat bloß genug Geld in die Hand nehme und privates Gewinnstreben eindämme. Beide Annahmen führen in die Irre. Die für medizinische Versorgung verfügbaren Mittel konkurrieren mit anderen staatlichen Aufgaben, sie werden stets hinter den - wachsenden - Wünschen zurückbleiben. Die Kunst guter Gesundheitspolitik besteht also gerade darin, wirtschaftliche Anreize an den richtigen Stellen zu stärken, um die knappen Mittel besser zu nutzen. Einfach gesagt, schwer getan. Aber die Krankenhausreform wird nur dann ein Erfolg werden, wenn Lauterbach auch auf Ökonomen hört", unterstreicht die F.A.Z.
"Die Lösungsmöglichkeiten bei den Problemen im deutschen Gesundheitssystem sind begrenzt", heißt es in der LEIPZIGER VOLKSZEITUNG. "Höhere Krankenkassenbeiträge sind eine schlechte Variante, weil sie insbesondere die Menschen mit kleinen und mittleren Einkommen treffen. Höhere Steuerzuschüsse werden von Finanzminister Lindner abgelehnt. Leistungskürzungen schließt Gesundheitsminister Lauterbach aus - wobei es tatsächlich keine sinnvollen Vorschläge gibt, was gestrichen werden soll. Übrig bleibt, die Gesundheitsversorgung effizienter zu gestalten. Das ist nicht nur aus Geldnot notwendig, sondern weil der Fachkräftemangel auch das medizinische Personal betrifft", betont die LEIPZIGER VOLKSZEITUNG.
Die MITTELDEUTSCHE ZEITUNG aus Halle empfiehlt neben einer umfassenden Krankenhausreform auch eine Steuerung des Patientenverhaltens: "Sinnvoll sind Modelle, bei denen der Hausarzt immer der erste Ansprechpartner ist und der bei einer Erkrankung einen Behandlungspfad entwickelt. Die in Deutschland so hochgelobte freie Arztwahl ist in Wahrheit für viele Menschen eine Belastung, weil sie sich im Gesundheitswesen nicht zurechtfinden und im Gegensatz zum Hausarzt des Vertrauens nicht wissen, wo sie richtig behandelt werden. Wer dagegen die uneingeschränkte Wahlfreiheit behalten möchte, kann weiter eigenständig jeden Arzt aufsuchen, muss dann aber zuzahlen oder einen höheren Krankenkassenbeitrag tragen", fordert die MITTELDEUTSCHE ZEITUNG.
Bundesaußenministerin Baerbock hat bei ihrem Besuch in Saudi-Arabien den Wunsch nach vertieften Wirtschaftsbeziehungen mit der Forderung nach der Einhaltung von Menschenrechten verknüpft. Die NEUE OSNABRÜCKER ZEITUNG kommentiert: "Diplomatie oder Konfrontation? Das ist immer die grundlegende Frage bei Gesprächen mit Politikern aus diesen Ländern. Baerbock versucht wieder mal den Spagat zwischen Werten und strategischen Erfordernissen. Sie tritt daher am Golf pragmatisch auf - und benennt das Thema Menschenrechte dennoch. Es ist der richtige und der einzig mögliche Weg. Was bleibt ihr auch anderes übrig? Die Wahrheit ist: Deutschland braucht Saudi-Arabien. Das Königreich, das über enorme Ölmengen verfügt, setzt zunehmend auf grüne Energie wie Wasserstoff und ist deshalb ein bedeutender Akteur in der Klimapolitik, für die sich Baerbock auch zuständig fühlt", hebt die NEUE OSNABRÜCKER ZEITUNG hervor.
Der NORDBAYERISCHE KURIER aus Bayreuth fragt: "Geht das - sich für Menschenrechte einsetzen, während man gleichzeitig die Hände schüttelt, die diese verletzen? Die unvermeidbare Antwort lautet: Es muss - aber es darf nicht beim Händeschütteln bleiben. Baerbock nutzt ihre Reisen für deutliche Kritik und betont immer wieder, dass sich die Beziehungen nur vertiefen, wenn diese sich an gemeinsame Regeln hielten. Trotzdem bleibt diese Form der Diplomatie ein Wagnis." Mit diesem Kommentar aus dem NORDBAYERISCHEN KURIER endet die Presseschau.