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Die umstrittene Vergangenheit einer ostdeutschen Schriftsteller-Ikone

Der ostdeutsche Schriftsteller Erwin Strittmatter schwankte zwischen Parteiräson und Frustration über die SED-Kulturpolitik. Das wird in zwei Büchern deutlich, die anlässlich des 100. Geburtstags Strittmatters erschienen sind und die Vergangenheit des Autors kritisch beleuchten.

Von Silke Nauschütz |
    Wann ist ein Tagebuch interessant? Wenn es Geheimnisse preisgibt? Schonungslos Buch führt über die Rechnungen des Lebens? In jedem Fall ist ein Tagebuch interessant, wenn es von einem interessanten Menschen stammt, von bewegtem Leben erzählt. Erwin Strittmatter hatte so eins. Anlässlich seines 100. Geburtstages ist nun zum einen eine Biografie von Historikerin Annette Leo erschienen. Zum anderen hat der Aufbauverlag Strittmatters Tagebuchaufzeichnungen herausgebracht. Darin notierte der Schriftsteller 1954 im brandenburgischen Schulzenhof:

    Beim Holzeinfahren sah ich von einer Höhe auf den großen Thörnsee. Mit seinem gilbenden Schilf und den widerspiegelnden gilbenen Laubbäumen sah er aus wie ein alterndes Auge. Das alternde Auge der Erde.

    Das bildhafte Sehen, die Charaktere seiner träumerischen Figuren zeichnen das Bild vom sensiblen Beobachter - seine Tagebuchaufzeichnungen das Bild von einem, dem das Schreiben über allem stand, wie die Historikerin Annette Leo nachlas. Leo, mit den Büchern des Autors in der DDR aufgewachsen, nahm seine Aufzeichnungen als Grundlage für ihre aktuelle Strittmatter-Biografie.

    "Ich habe ihn da auch wirklich als sehr ambivalenten Menschen kennengelernt. Und als wirklich jemanden, der also seine Pferde mehr liebte als seine Kinder und der vereinnahmend über die Zeit seiner Frau verfügte und doch deutlich davon ausging, dass sein Werk im Mittelpunkt steht und alles andere sich dem unterzuordnen hatte."

    Erwin Strittmatter war über 40 Jahre alt, als er mit seinem Tagebuch aus Schulzenhof begann, der Naturliebhaber wollte auf dem Gehöft seine Ruhe haben vor den Funktionären in Berlin, denen er als Autor und auch als Funktionär des DDR- Schriftstellerverbandes diente. Und - er wollte Abstand bekommen von den Kriegsjahren 1941–45, wie man heute weiß.

    Annette Leo hat diese Jahre, seine Militärvergangenheit zum Kernstück der Biografie gemacht. Es sind heikle Punkte im Leben des Dichters, die er auch vor den engsten Familienangehörigen und Freunden verschwieg und die nun in Dokumenten belegt sind. Annette Leo hat sie in ihrem Buch verarbeitet. Auch die Söhne, die die Dokumente nach dem Tod der Mutter Eva Strittmatter lasen, traf vieles mit ungeahnter Wucht, Sohn Erwin Berner beschreibt sein Gefühl so:

    "Ich bin durch viele Täler gegangen in den letzten anderthalb Jahren, und es ist ein Prozess, es ist wirklich ein Prozess, aber ich denke, ich war bereit, diesen Weg zu gehen, ich wollte wissen."

    Strittmatters Söhne Erwin Berner und Jakob Strittmatter, die den Nachlass ihrer Eltern verwalten, entschieden sich, Historikerin Annette Leo, die Dokumente zur Verfügung zu stellen.

    "Da hab ich das gemacht, was ich machen konnte, das so vorsichtig und behutsam und vielschichtig auszubreiten, aber auch schonungslos. Alles andere muss ich jetzt den Lesern überlassen und der Öffentlichkeit."

    Und die Öffentlichkeit bekommt nun zu lesen, dass Erwin Strittmatter mit 28 Jahren 1940 einen Antrag auf Aufnahme in die kurz zuvor gegründete Waffen-SS gestellt hatte, angenommen wurde, den Dienst aber nicht antrat, weil das kriegswichtige Zellwoll-Werk in Saalfeld, in dem er damals arbeitete, ihn nicht gehen ließ. In den Krieg ging Strittmatter letztlich doch.

    Leo beschreibt, wie Strittmatter im Polizeibataillon 325 diente, später beim Polizei-Gebirgsregiment 18, dass der SS angegliedert wurde. SS-Mitglied wurde er nie. Sein Bataillon, das hat die Historikerin recherchiert, war unter anderem in der Oberkrain in Slowenien zur Partisanenbekämpfung eingesetzt, Terror und Mord an - der Zivilbevölkerung mit eingeschlossen. Davon deutete Erwin Strittmatter 1941 etwas an, wie Annette Leos Biografie zeigt.

    Gefangene lassen sich eher erschießen, als das sie etwas aussagen. Dorfbewohner unterstützten diese sogenannten Freiheitskämpfer. Als Sühne sind von der Polizei ganze Bauerndörfer angesteckt worden.

    Strittmatters Einheit wurde für knapp zwei Monate auch nach Krakau verlegt. Dort existierte zu diesem Zeitpunkt schon das jüdische Ghetto in Podgorze. Was Strittmatter und seine Einheit dort genau für Aufgaben übernahmen, darüber findet sich in der Biografie leider nichts. Dokumentiert sind nur zwei Heimreisen und eine Quarantänezeit Strittmatters. Autorin Annette Leo ist für die Recherchen leider nicht nach Krakau gereist. Das hätte sie tun müssen, um ihrem hohen Anspruch von vorsichtiger, aber lückenloser Recherche noch gerechter zu werden.

    Mit dem Ende des Krieges verschoben sich auch die Wahrheiten. Zum Beispiel die, dass Strittmatter im April 1945 desertierte, als die Dokumentationsstelle seiner Einheit nach Böhmen verlegt wurde. Strittmatter setzte sich mit zwei anderen Begleitern ab und verbarg sich im böhmischen Ort Wallern. Dort endete auch ein Todesmarsch von jüdischen KZ Insassinnen. Strittmatter schrieb später darüber und versuchte das Manuskript mit dem Titel "Sargträger" bei Zeitungen unterzubringen, ohne Erfolg.

    Seine Parteinahme für den Kommunismus fiel nach 1945 um so entschiedener aus. Das ging bis hin zur Bereitschaft, sich eine Zeit lang als Informant des Ministeriums für Staatssicherheit einspannen zu lassen. Schon bald aber ist Strittmatter zunehmend desillusioniert über die DDR-Führung, wie Sohn Erwin Berner nachliest.

    "Ich sehe aus den Tagebüchern ganz, ganz deutlich, dass er ehrlichen Herzens geglaubt hat, jetzt passiert ein Wandel, es hat aber nicht lange gedauert, dass die wirklich bittere Erkenntnis war: Nein, Ulbricht denkt gar nicht daran, er existiert nur über den Personenkult und andere eben auch."

    Strittmatter schrieb in der Schulzenhofer Idylle den dritten Band seiner Romantrilogie "Der Wundertäter". Dass das Buch überhaupt erscheinen konnte, ist erstaunlich. Denn er beschreibt darin einen Helden, der am politischen System erstickt. Seine eigene biografische Last packte er zwischen Legenden ein, mit Natur und Abgeschiedenheit, wie seine Aufzeichnungen belegen und polarisierte bis zu seinem Tod 1994. Die Historikerin Annette Leo geht es in ihrer Biografie genau darum:

    "Es war wegen der Kontroverse. Weil es genau um dieses geht, um diese Traurigkeiten, von Leuten, die ihr Bild jetzt korrigieren müssen, die ihn geliebt haben, ihn mögen und jetzt zum Teil hilflos sind und nicht wussten, wie sie damit umgehen sollten, und auf der anderen Seite so Leute, die gesagt haben: Hach, das hab’ ich schon immer gewusst."

    Dem wollte die Autorin etwas entgegensetzen, was ihr gelungen ist. Als Historikerin war sie an Fakten interessiert, die sie eingeordnet hat, um eine biografische Wahrheit zu finden. Literatur aber hat ein Eigenleben.

    Erwin Strittmatter: Nachrichten aus meinem Leben: Aus den Tagebüchern 1954-1973
    Aufbau Verlag
    601 Seiten, 24,99 Euro
    ISBN: 978-3-351-03392-7

    Annette Leo: Erwin Strittmatter: Die Biografie
    Aufbau Verlag, 2. Aufl. (Juli 2012)
    448 Seiten, 24,99 Euro
    ISBN: 978-3-351-03395-8