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Dreimal Orpheus

Topographie der Erinnerung und Zeichen von Neubeginn aus alten Wurzeln: Orpheus-Musik rückte da in Bielefeld in ganz wörtlichem Sinn in die Unterwelt, Orpheus-Assoziationen an einer extra fest betonierten Höllenplatz; jedoch erschien Eurydike, die so wenig beredte Frau, auf die sich männliche Trauer, Begehren und grenzüberschreitende Kunstanstrengung beziehen, zuvor noch einmal auf der konventionellen Theaterbühne. Mit der Wahl der Spielorte - es sollte dieses mal ganz explizit nicht das Opernhaus sein - wurde das Theater demonstrativ an den Alltag der Ostwestfalen herangerückt und eine neue Publikums-Offensive gestartet: durch den Event-Charakter der Darbietungen soll Neugier geweckt, durch die Wahl der Schauplätze die Schwellenangst abgesenkt, überhaupt ein frischer Anlauf für neue Präsentationsformen von Musiktheater gewagt und eine pluralistische Wahrnehmungsweise befördert werden.

Ein Beitrag von Ein Beitrag von Ein Beitrag von Ein Beitrag von Frieder Reininghaus |
    Die in Berlin lebende Komponistin Iris ter Schiphorst beleuchtete die sattsam bekannte Legende von den Bemühungen des Orpheus um die Rückholung seiner früh verstorbenen Frau vom Totenreich aus ihrer Frauenperspektive. Ganz offensichtlich hält sie und ihre Librettistin Karin Spielhofer nichts von männlicher Hilfe und Kunst: "Die Liebe war gespalten in die Leier und die Lust". ter Schiphorst interessiert sich offenkundig nur für das, was in Eurydike, die ja zweimal sterben muss in dieser Geschichte, vorgegangen sein und was sie an jenem Unort erfahren haben könnte. Behilflich sind bei dieser Erkundung drei zunächst an Arbeitstischchen (vorn an den Rampe) angesiedelte Frage-, Sage- und Klageweiber, denen die von acht Lemuren umgebene und in ruhigen Gesten sowie stark stilisierten Bewegungen sich selbst darstellende Eurydike als ein irgendwie ewig weibliches Prinzip gegenübersteht. Das geschieht vor einer ehernen Wand, einer gelegentlich einen Spalt breit sich öffnenden Metalltür, und neben dem Podest, von dem aus das Oldenburger Ensemble oh-Ton neue Kammermusik zelebriert.

    Der Niederösterreicher Georg Nussbaumer verbindet seine Arbeiten für ein erweitertes musikalisches Instrumentarium mit Installationen und Aktionskunst. Für das Ganzheitliche, das da aus Fetzen der Erinnerung an den Mythos und Restmengen der Abfallwirtschaft sich fügt, erscheint ein aufgelassener Bunker kein schlechter Ort. Nussbaumer entwickelte ein Orpheus-Alphabet von A wie Kammerton a und amor bis Z wie Zungenflügel, Zinkwanne, Rinderzunge und Höllenhund Zerberus. Alte Konzertflügel wurden mit Pimmeln aufgerüstet, neben der auf Schotter gelegten Violine prangen Schweinsohr und Ochsenmaulwerkzeuge; ein Schneckenrennen erinnert an Orpheus und ein voll Brackwasser gelaufener Keller an die Flüsse der Unterwelt. Stimmgabel und Eierschneider treten ebenso als Hilfskräfte der akustischen Rauminstallation in Aktion wie die herkömmlichen Streichinstrumente. - Kunstausklänge dieser Art setzen ein höchst diszipliniertes und gutwilliges Publikum voraus.

    Nicht minder die Beschallungsaktion von Manos Tsangaris in einem U-Bahn-Schacht. Großformatig geblähte, zunächst aber noch ganz dem Punktualismus der 70er Jahre verpflichtete Kammermusik setzte sich da auf dem Bahnsteig in Aktion. Dann wurde, als ginge es über den Fluss Lethe, zu einer kleinen Ausfahrt mit zwei strikt parallel geführten Stadtbahnzügen eingeladen, um wieder zu den von Tsangaris komponierten Gesängen der Orpheus-Erinnerung zurückzukehren.

    Noch einmal also hat Orpheus theatralische Musik, musikalisiertes Theater animiert. Das Theater Bielefeld rückt mit seinem Projekt von Erinnerung und Vorstoß in Neuland wieder auf zu den Häusern, denen verstärkt auch überregionale Beachtung geschenkt wird.

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