
Thomas Alva Edison ist bekannt als Erfinder von unter anderem der Glühbirne, der Phonographenwalze und des Drehrohrofens. Er gilt als einer der einfallsreichsten Köpfe seiner Zeit. Um auf neue Ideen zu kommen, soll Edison eine ganz besondere Technik genutzt haben. Der Kognitionsforscher Thomas Andrillon erklärt.
“Edison machte einfach in einem bequemen Sessel ein Nickerchen. Dabei hielt er eine metallene Kugel in der Hand. Sobald der Schlaf ihn übermannte, entspannten sich seine Muskeln und die Kugel fiel zu Boden. Das Geräusch weckte ihn auf. So konnte er sich erinnern an das, was in seinem Geist beim Übergang vom Wachsein zum Schlaf vor sich ging.“
Diese Anekdote wird unter Hirnforschern gerne erzählt – genauso wie zum Beispiel die Geschichte des Chemikers Kekulé. Dieser erkannte, dass die Struktur des Benzols ringförmig ist, nachdem er im Traum eine Schlange gesehen hatte, die sich in den Schwanz beißt. Erforscht ist dieses Zusammenspiel von Schlaf und Kreativität bisher aber nur wenig. Das gilt vor allem für die von Edison genutzte, kurze Einschlafphase, in der der halbwache Geist seinen Fokus verliert. Thomas Andrillon und weitere Forschende am Pariser Hirnforschungsinstitut der Sorbonne-Universität fragten sich: Ist da wirklich etwas dran?
Kreativität zwischen Tag und Traum
“Wir wollten Edisons Technik auf die Probe stellen: Also wirklich Personen im Übergang zwischen Wachsein und Schlaf abfangen und testen, ob diese flüchtige Periode tatsächlich die Kreativität steigert.“
Dafür machten sie ein besonderes Experiment: Rund 100 Probandinnen und Probanden bekamen die Aufgabe, Zahlenreihen nach zwei vorgegebenen Regeln schrittweise umzuformen, um auf eine Lösungszahl zu kommen. Immer und immer wieder. Nach einer gewissen Zeit gab es eine Pause. Hier mussten die Teilnehmenden in einem abgedunkelten Raum in einem Sessel sitzen und sich ausruhen; wobei sie, ähnlich wie Edison eine Kugel, eine Plastikflasche in der Hand hielten. Manche blieben wach, andere nickten kurz ein, bis das Geräusch der fallenden Flasche sie gleich wieder aufweckte. Einige wenige schliefen sogar weiter. Nach der Pause setzten alle die gleichen arithmetischen Aufgaben fort.
„Was die Probanden nicht wussten, als sie die Aufgabe bekamen: Es gibt eine Abkürzung, mit der man sehr schnell zur jeweiligen Lösungszahl kommt. Der Trick ist, einfach nur den ersten Rechenschritt zu beachten, anstatt jede Zahlenreihe Schritt für Schritt bis zum Ende zu bearbeiten. Denn schon der erste Schritt liefert die finale Lösung.“
Um das zu erkennen, braucht es Kreativität beziehungsweise einen freien Geist, der über das stupide Abarbeiten einer Aufgabe hinausdenkt. Das Experiment lieferte hierzu ein sehr eindrückliches Ergebnis. Von den ProbandInnen, die während der Pause wach geblieben waren, erkannten 30 Prozent im weiteren Verlauf den schnelleren Lösungsweg. Gleiches galt für jene, die in einen tieferen Schlaf gesunken waren. Aber bei denen, die sich aus der Einschlafphase gleich wieder aufschrecken ließen, lag diese Quote bei 80 Prozent – also fast drei Mal so hoch. Für Thomas Andrillon ist das der Beweis: An Edisons Kreativitäts-Technik ist etwas dran. Allerdings nicht unbedingt in der Form, dass man aufwacht und gleich die Lösung eines Problems vor Augen hat.
Schnellere Problemlösung nach kurzen Schlafphasen
„Das ist tatsächlich ein bisschen rätselhaft an dieser Studie: Anders als in den Anekdoten über all diese Erfinder wachten unsere Probanden nicht mit der Lösung im Kopf auf. Im Gegenteil. Sie mussten die Aufgaben erst eine Weile weiterbearbeiten, bevor sie irgendwann den Trick erkannten.“
Dieser Heureka-Moment zeigte sich stets dadurch, dass die Versuchsteilnehmenden die Aufgaben mit einem Mal deutlich schneller lösten. Thomas Andrillon erklärt die zeitliche Verzögerung nach der Pause mit dem Nickerchen so:
„Es könnten Erkenntnisprozesse unter der Oberfläche ablaufen, denen man sich nicht voll bewusst ist. Man wacht also nicht mit der Antwort für diesen spezifischen Test auf. Aber dieses Abschalten und Reaktivieren des Geistes, das Mischen von Unterbewusstsein und Bewusstsein bringt dich der Lösung näher.“
Eine andere Erklärung für den Zeitversatz wäre, so Andrillon, dass der wache Geist erst einmal prüfen und bestätigen muss, dass diese intuitive, im Schlaf gefundene Lösung tatsächlich funktioniert. In jedem Fall waren die Ergebnisse dieses Experiments für ihn und sein Team so eindrücklich, dass sie die Mechanismen, wie bestimmte Prozesse im Gehirn während der Einschlafphase zur Kreativität beitragen, genauer erforschen wollen.
„Wir sind da auf etwas sehr, sehr interessantes gestoßen: Nur eine Minute leichter Schlaf kann einen großen Gewinn für die Kreativität bringen.“