Der Winter ist da – und erwischt den Radsport schwer. Die komprimierte Straßensaison ist längst zu Ende. Die klassischen Winteraktivitäten wie Sechstagerennen auf der Bahn sind wegen Corona komplett abgesagt. Cyclocross-Events fallen ebenfalls weitgehend Corona zu Opfer. Da bleibt nur noch der Aufbau des Rollentrainers im eigenen Haus.
So klingt es derzeit in vielen Wohnzimmern und Garagen. Ganz zur Freude von Tim Böhme. "Naturgemäß sehe ich das Potenzial als riesig an, das im E-Cycling steckt."
Das Arbeitszimmer wird zur "Höhle der Leiden"
Böhme ist Digital Head Coach des Bundes Deutscher Radfahrer. In dieser Funktion hat er die German Cycling Academy aufgebaut. Sie organisiert auf der Plattform Zwift einen regen Trainings- und Wettkampfbetrieb. Auch die Rad-Bundesliga wurde dank der German Cycling Academy in diesem Pandemiesommer virtuell ausgetragen.
Man zog sich zu Hause in seinen sogenannten "Pain Cave", seine "Höhle der Leiden", zurück. Das heißt in den Raum, in dem sich ein Rollentrainer befand, der mit dem Internet verbunden war. Auf einem Monitor konnte man seinen eigenen Avatar sehen, der gegen andere Avatare auf virtuellen Strecken kämpfte. Und weil man dabei ganz real mächtig schwitzte, stellten viele Teilnehmer einen Ventilator zur Kühlung vor sich auf.
Eine neue Radsportdisziplin entsteht
"Die Indoor-Rolle wurde zum Smart Trainer, die weiße Wand wurde zum Screen", beschreibt Böhme die Wandlung vom klassischen Rollentraining zum virtuellen Trainings- und Wettkampfbetrieb. Böhme sieht eine ganz neue Radsportdisziplin entstehen, mit Vereinen und Communities, mit Rennen und Trainingsplattformen sowie einer förmlich explodierenden Soft- und Hardwareszene.
"Man sieht eine rasante Entwicklung, was die Software angeht. Es gibt immer mehr Wettbewerber neben Zwift, der primären Plattform, auf der sich momentan alles tummelt, wo auch die WM ausgetragen wird, bis hin zu den ganzen Hardwaregeräten, den sogenannen Smart Trainern, die sich mit dem Internet verbinden und damit ein Fahren draußen nachsimulieren."
Gegenwärtig bereitet Böhme die deutschen Nationalmannschaftskader-Athleten auf die virtuelle Rad-WM vor. Die wird von der UCI, dem Weltverband des Radsports, organisiert.
Ein Ruderer als E-Cycler
Mit dabei ist Jason Osborne. Den 26jährigen Mainzer kannte man bisher vor allem als Ruderer. Im Leichtgewichtszweier wurde er kürzlich Vize-Europameister in Polen. Analog auf dem Wasser unterwegs, trainiert er zusätzlich viel auf der Rad-Rolle und hat sogar schon digital die sogenannte "Alpe du Zwift" gewonnen, ein virtuelles Rennen hoch nach l'Alpe d'Huez, dem legendären Radsportgipfel in den französischen Alpen.
Er loggt sich vom Trainingslager der Ruderer in Portugal in die E-Cycling-WM ein.
"Ich denke, dass ich durchaus gute Chancen habe. Ich habe mich körperlich gut darauf vorbereitet. Wie es jetzt an dem bestimmten Tag laufen wird, kann man immer schwer vorhersagen. Es ist kein megakomplexer Kurs. Und es ist für jeden möglich, da zu gewinnen, vom reinen Sprinter bis zum Bergfahrer. Ich lasse es einfach auf mich zukommen."
Der Kurs ist etwa 50 km lang: Ein virtueller Wüstenkurs mit kleineren Bergen. Osborne weiß als erfahrener E-Cycler, dass es nicht nur auf die reine Beinkraft, sondern auch auf Kenntnis der Algorithmen der virtuellen Plattform ankommt.
"Der Algorithmus von Zwift ist eine Sache für sich. Die ganzen Zwifter, die auch schon Rennen fahren, die kennen sich damit aus. Die wissen, an welcher Stelle man antreten muss und an welchen nicht. Die sind mit dem Kurs total vertraut und kennen jede Stelle, die wichtig ist."
Erfahrene Straßenprofis gehören nicht zu den Favoriten
Das verleiht erfahrenen virtuellen Rennfahrern auch Vorteile gegenüber Straßenprofis wie Rigoberto Uran. Der frühere Tour de France-Zweite und Vize-Olympiasieger des Straßenrennens von 2012 ist auch bei der virtuellen WM gemeldet. Böhme sieht im virtuellen Radsport nicht nur einen Zusatz, sondern eine ganz neue Disziplin:
"Es ist von den physischen Anforderungen her ein neues Profil. Bergab wird getreten, was in allen anderen Radsportdisziplinen nicht der Fall ist. Insgesamt werden hohe Anforderungsprofile an den hohen Poweroutput über 20 bis 30 Sekunden gestellt."
Das heißt, bei aller Ausdauer müssen E-Racer im Radsport äußerst explosiv sein. Am 8. und 9. Dezember wird man wissen, welche Männer und Frauen dies am besten beherrschen und ob Straßenradprofis eine Chance haben werden.