Archiv


Es gibt bessere Zeugnisse von Gracqs Werk

"Mittagessen am Ufer der Loire", ein kleines Heft von 112 Seiten enthält die Aufzeichnungen Le Guillous über zwei Besuche bei Julien Gracq in Saint Florent le Vieil an der Loire, dem Geburtsort des Autors. Dorthin hatte Julien Gracq sich nach seiner Pensionierung als Gymnasiallehrer für Geografie und Geschichte in Paris zunächst von Zeit zu Zeit, später endgültig zurückgezogen.

Von Agnes Hüfner |
    Die Legende vom einsamen, weltabgewandten, weisen Mann entstand.

    Philippe Le Guillou war Schüler von Gracq gewesen, genauer von Louis Poirier, so der bürgerliche Name, unter dem der Autor seinen Beruf ausübte. Le Guillou promovierte über die Romane Gracqs, verfasste Abhandlungen über ihn. Er ist Landesschulinspektor, schreibt Romane. Die zwei Besuche in Saint Florent fanden 1998 – Gracq war 88 – und 2006, ein Jahr vor Gracqs Tod statt. Seine Reminiszenzen nennt Le Guillou Erzählungen.

    Er beginnt:
    "Seine Legende, was über ihn gesagt wurde, die grenzenlose Bewunderung, die ich für seine Bücher empfand, all das siedelte ihn außerhalb des Feldes der gewöhnlichen Beziehungen an, nicht unbedingt darüber, sondern bloß in größerer Entfernung, jenseits einer gleichsam heiligen Schwelle."

    Auch nachdem er Gracq kennengelernt hat, bleibt Le Guillou der überschwänglichen Begeisterung für den Autor treu. Jede Einzelheit seines Besuchs wird ihm zum Ereignis. Er notiert Formulierungen des Verehrten, die "diskontinuierliche" Gesprächsführung, die Menüfolge im Restaurant. Er beschreibt Haus und Innenreinrichtung und geht am Flüsschen Èvre spazieren, um Gracqs träumerische Erinnerung an das Kindheitserlebnis einer Kahnfahrt, den Text "Die engen Wasser", zu paraphrasieren und nachzuempfinden. Immerhin ist er an dieser Stelle konkret. Er gibt wieder, was Gracq dem Bericht des Spaziergängers hinzufügt.

    "Er sagt, man könne auf der Èvre noch mit dem Boot fahren, und die Veröffentlichung seines Buches habe diese Art Spazierfahrt wieder in Mode gebracht. Eine Schulklasse, die im Unterricht 'Die engen Wasser' gelesen hatte, sei sogar aus Paris angereist."

    Der Droschl Verlag hat Julien Gracq im Programm, einen Band mit Gesprächen, vier Bände mit der späten Kurzprosa, Gracqs Notate über Reisen, Lektüre, Träume, Erinnerungen an Kindheit und Jugend, an Zeitgenossen, Marginalien zu Politik und Zeitgeschehen, eine Sammlung, zusammengehalten durch die präzise, den Moment ausleuchtende Schreibkunst des Autors. Mit der Veröffentlichung des "Mittagessens am Ufer der Loire" hat der Verlag sich vertan. Le Guillous Berichte über seine Besuche bei Julien Gracq sind für das französische Publikum geschrieben. Abgesehen vom schwärmerischen Ton und der Manie Le Guillous, sich vor das Objekt seiner Begeisterung zu drängen, kann der deutsche Leser den Text nur schwer verstehen. Viele unbekannte Namen fallen, Andeutungen entschlüsseln sich nur dem, der Gracqs Werk bereits kennt.

    Im Vorgriff auf den 1oo. Geburtstag erschienen in Frankreich andere, bessere Zeugnisse. Was Le Guillou den "diskontinuierlichen" Gesprächsstil Gracqs nennt, erklärt Régis Debray, ein Freund Gracqs, zum Beispiel so:

    "Man sprach über dies und das, und Gracq, der sich keiner Schule zugehörig fühlt, zwang den Gesprächspartner, den Gedanken freien Lauf zu lassen. Mit ihm entkam man allen Stereotypen, allen Ableitungen, Festlegungen, jeder Doktrin. Er sprach und dachte ohne roten Faden, und man wusste nie, wo er landen würde."

    Als im April im Gymnasium Henri IV in Paris, das der Schüler Louis Poirier, alias Gracq besucht hatte, ein Saal dem Autor gewidmet wurde, widersprach die Herausgeberin der Pléiade-Ausgabe, Bernhild Boie, der Legende vom weltfernen alten Mann am Ufer der Loire vehement:

    "Ich möchte, dass wir heute nicht des 'zeitlosen Klassikers' gedenken, wie Gracq gern genannt wird, sondern eines Schriftstellers, der nie aufgehört hat sein Zeitalter kritisch und hellsichtig zu begleiten. Seine großen Romane sind geprägt vom Erlebnis des Krieges und dem Einbruch der Geschichte ins Alltägliche. Und ein aufmerksamer Leser wird in den Essays und Prosaaufzeichnungen alles finden, was er braucht, um sich ein recht genaues und vollständiges Bild von den Realitäten des Jahrhunderts zu machen."

    Ein Gutes hat die Veröffentlichung doch. Dieses "Mittagessen am Ufer der Loire" könnte den Leser neugierig machen, sich den Büchern des Gastgebers, Gracq selbst, zuzuwenden. Im Buchhandel sind die bei Droschl erschienenen Prosaaufzeichnungen "Witterungen II" erhältlich und der Band "Gespräche" mit Interviews aus den Jahren 1970 bis 2001. Antiquarisch liegen Gracqs Werke fast vollständig vor. Darunter die schöne Übersetzung der Kurzprosasammlung "Der große Weg" und sein wichtigster Roman "Ein Balkon im Wald", der die Situation der "drole de guerre", des komischen Kriegs, aufgreift, den Stillstand an der französisch-deutschen Grenze vor Beginn des Westfeldzuges der Wehrmacht im Mai 1940. Der Autor war selbst dabei. Julien Gracq über "Ein Balkon im Wald":

    "Im Grunde war diese Zeit des großen Kriegs ein äußerst heikler Balanceakt zwischen Frieden und Krieg. Bald neigte sich die Waage der einen, bald der anderen Seite zu. Für mich ist diese widerstreitende Spannung das eigentliche Thema des Buches. Natürlich treten Figuren auf, Soldaten, Unteroffiziere, ein Hauptmann, eine Frau mit Kind, eine Hexe. Aber das ist nicht das Wesentliche. Das Wesentliche ist dieses prekäre Gleichgewicht zwischen Frieden und Krieg."


    Philippe Le Guillou: Das Mittagessen am Ufer der Loire. Zu Besuch bei Julien Gracq.
    Aus dem Französischen von Dieter Hornig.
    Literaturverlag Droschl, Graz 2010.
    112 Seiten, 15,00 Euro.