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Flughafenterminal mit Lebensgeschichten

Simon Stephens ist der Meister des entweder abgründigen oder auch gerne sozialkritischen "well made play", das erklärt auch seinen Erfolg. Mit "Wastwater" werden drei Lebensgeschichten unter der Regie von Stephan Kimmig mit großartiger Besetzung in Wien aufgeführt.

Von Michael Laages | 30.04.2012
    Richtig freuen kann sich dieser Autor über den Zuspruch, den die Stücke aus der eigenen Werkstatt speziell in Deutschland finden; Stephens wird selten nur einmal inszeniert, sondern regelmäßig auch nachgespielt. Und er kommt gerne zu den Premieren, wie gestern auch nach Wien.

    Vorzügliche Regiekräfte an ersten Häusern nehmen sich dieser Texte an, unabhängig davon, ob eher viel oder eher wenig zu entdecken ist an Rätsel und Erkenntnis in Stephens-Stücken. Die entstehen sehr regelmäßig seit Mitte der 90er-Jahre. Vor gut zehn Jahren brachte "Port" den Durchbruchserfolg auch in Deutschland.

    Viel ist bei diesem Autor vom Leben und Überleben am Rand der Gesellschaft die Rede, vom Alltag in den dunklen Zonen, über die niemand gerne sprechen will; Stephens schreibt dabei zuweilen sehr schlicht, zuweilen aber auch mit viel Sinn für Unter- und Abgründe – "Wastwater" ist - das hatte schon Dieter Giesing deutschsprachige Erstaufführung vor drei Wochen in Köln bewiesen - eines der besseren, eines der Abgrund-Stücke.

    Drei Szenen formen ein Stück – die erste erzählt vom Abschiednehmen. Doch nicht nur Mutter und Sohn trennen sich da – obwohl es so aussieht. Er, der Junge, war wohl ehedem schwersterziehbar, und sie, die Alte, ist offenbar Pflegemutter für viele solch schwieriger Kinder gewesen. Die "Familie" dieser verlorenen Kinder nutzt Stephens geschickt als Beziehungsgeflecht, als Wurzelwerk unter und zwischen den eigentlich nicht wirklich miteinander zusammenhängenden Szenen.

    Der Abschied von Mutter und Sohn eröffnet eine Menge von Gegenwartsproblemen. Die "Familie" lebt in der Einflugschneise des Londoner Flughafens Heathrow, dort, wo demnächst eine neue Start- und Landebahn entstehen wird. Davor flüchtet der Sohn, aber auch vor dem eigenen Ich und generell vor den Fehlern der Weltgeschichte. Schon der Übergang der Jäger-und-Sammler-Gesellschaft zu Ackerbau und Viehzucht war der Anfang vom Ende, meint er. Dem wirren Jungen (Daniel Sträßer) ist Elisabeth Orth eine hinreißende Mutter, zart und tough in einem – ein Ereignis für 20 Minuten.

    Ähnlich filigran lässt Stephan Kimmigs Inszenierung Andrea Clausen und Peter Knaack ein sehr sonderbares Liebespaar lebendig werden.

    Er ist Kunst-Dozent an der Hochschule, sie Polizistin. Und sie begegnen einander für einen Seitensprung – kein Drama an sich, wenn nicht sie plötzlich zur großen Enthüllung ansetzte: heroinabhängig war sie. Und weil das Gehalt nicht reichte für die Sucht, wirkte sie an Pornofilmen mit. Ob das die Beziehung sprengen wird, bleibt ein Rätsel: Um die Geschichten unterhalb der Oberfläche geht's in "Wastwater". Das ist übrigens der Name des tiefsten Sees in England, der darüber hinaus in einem Talkessel und darum ständig im Schatten liegt.
    Die dritte Szene erzählt - auch kein gemütliches Thema - vom Kinderkauf. Jahre und Jahre habe es Jonathan und seine Frau es erfolglos versucht; nun haben sie Unsummen gespart für ein Kind aus irgendeiner fernen dritten oder vierten Welt. Sian ist die punkige Zwischenhändlerin, übrigens eine Tochter aus der Familie der Verlorenen vom Beginn. Sie hasst, was sie tut, und setzt dem verzweifelten Käufer sogar eine Waffe an die Stirn. Mit dieser - trotz Mavie Hörbiger und Tilo Nest - sicher schwächsten Szene schließt das Tryptichon der Abgründe, für das Anne Ehrlich die Bühne des Akademietheaters in Wien bis auf die Brand- und Grundmauern leer geräumt und nur eine kleine Pfütze in die Mitte gesetzt hat: als Spiegel des Wastwater-Sees.
    Stück und Autor dürfen wohl sehr sicher sein, dass es noch eine Menge mehr solcher Szenarien geben wird für noch einen Simon-Stephens-Erfolg.

    Wieder reißt der Text niemandem vom Sessel. Und wieder bekommt das Theater Futter, wie es sich im vielstimmigen Chor neuer deutscher Texte eben nicht findet.

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