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Füße vom Tisch!

Muss man auch Dankesbriefe für Geschenke schreiben, die einem gar nicht gefallen? Warum sollte man beim Niesen die Hand vor den Mund halten und wie kann man sich beim Streiten gegenseitig respektieren? - Diesen und vielen anderen Fragen aus dem Themenfeld der zwischenmenschlichen Fettnäpfe widmen sich die neu erschienenen Benimm-Bücher für Kinder und Jugendliche: "Upps, benimm dich!", "Wie sagt man?", "Echt peinlich! Voll daneben!", "Vorsicht Fettnapf!" und "Füße vom Tisch".

Von Sylvia Schwab |
    Dass gutes Benehmen weniger durch Regeln und Vorschriften gelernt wird, als durch ein gutes Vorbild, das können schon die ganz kleinen Betrachter des Bilderbuchs "Upps, benimm dich!" verstehen. Die Kinderbuchautorin Ursel Scheffler und die Illustratorin Jutta Timm haben zusammen ein - wie es im Untertitel heißt - "vergnügtes Benimmbuch für Kinder" gemacht. Vergnügen bereitet dieses Bilderbuch aber nicht nur den kleinen, sondern auch den großen Betrachtern, die es mit ihnen anschauen oder lesen. Denn die Geschichte des kleinen grünen Monsters mit der dicken Knollennase und dem roten Stachelkleid ist nicht nur nett ausgedacht, sondern auch flott-fröhlich illustriert. "Upps vom Planeten Maxnix", wie das Mönsterchen heißt, hat kein Benehmen - woher auch? So muss Lukas, bei dem das Upps sich eingenistet hat, ihm beibringen, wie man isst und telefoniert, sich wäscht und sich entschuldigt, oder: dass man nicht rülpst und im Mund rumpult. Ein Grundschuljunge nicht als Objekt elterlicher Vorschriften, sondern als Erzieher - das macht Spaß und lädt zum Nachspielen und Nachahmen ein. Und genau das ist ja Sinn der Sache!

    Die Geschichte vom mal grinsenden, dann wieder greinenden Upps gibt es auch als Hörbuch. Und die Merksätze am Ende jedes Hörspiel-Kapitels könnten in fast jedem der anderen hier besprochenen Benimm-Bücher stehen. Sind die Themen doch auch immer wieder ähnlich. Zum Beispiel:

    "Man hält beim Gähnen die Hand vor den Mund Man pupst und popelt nicht, wenn andere dabei sind! Man niest und hustet andere nicht an!"

    Dass man sich beim Niesen die Hand vor den Mund hält, dass man nicht mit vollem Mund spricht und höflich fragt, wenn man etwas haben möchte, das können Kinder auch in Sabine Rahns Bilderbuch "Wie sagt man?" erfahren. Jede Doppelseite erzählt eine meist nicht mehr als zehn Zeilen lange Episode, in der wechselnden Figuren - wie Riese, Räuber, Ritter, Prinzessin oder Astronautin - eine kleine Benimm-Lektion erteilt wird. Die wirken zwar gut gemeint und werden auch ausdrücklich noch einmal auf ein Schild geschrieben, sind aber manchmal ein bisschen bemüht. Nicht nur wegen einiger etwas alberner Abenteuer der Protagonisten, sondern auch wegen der in jeden Text eingebauten groß gedruckten Fragen:

    "Wie sagt man, wenn man feststellen muss, dass man von seinem Gastgeber als Nachtisch vorgesehen ist?"

    Oder:

    "Wie sagt man, wenn der Niessturm eines Riesen Bäume entwurzelt, Dächer abdeckt und überraschte Rindviecher in fliegende Kühe verwandelt hat?"

    Das sind allerdings sehr erwachsene Einwände und es ist gut möglich, dass Kinder diese kleinen Geschichten gerade darum lieben werden, weil sie so verspielt und phantastisch sind. Ein Eindruck, den die großflächigen, zugleich detailverliebten und sehr witzigen Illustrationen von Barbara Scholz noch unterstützen! Dummer können Hexen auf dem Blocksberg bei der verschmitzten Begrüßung der kleinen Caroline wirklich nicht aus der Wäsche gucken! Und genüsslicher als über den glitschigen Nasenschleim des niesenden Riesen kann man sich einfach nicht ekeln!

    An Kinder um die zehn Jahre wendet sich Anne Wilkens mit ihrem "Kinder-Knigge für gutes Benehmen, Toleranz und Rücksichtnahme" mit dem Titel "Echt peinlich! Voll daneben!" Anne Wilkens spricht ihre jungen Leser direkt an und bietet ihnen eine sehr abwechslungsreiche Mischung aus Informationen über die historische Entwicklung von Benimm-Regeln und den Sinn guter Umgangsformen. Darauf folgen verschiedene Kapitel über all die möglichen Situationen, in denen Kinder unsicher sein können, wie sie sich verhalten sollen und in denen die Kenntnis bestimmter Regeln einfach weiterhilft. Von den Tischmanieren bis zum passenden Verhalten in fremden Ländern und Kulturen, vom Umgang mit aggressiven Typen bis zur Reaktion auf Vorwürfe oder Kritik. Und das anhand konkreter Beispiele:

    "Wenn du zu deinem Freund sagst: "Ich bin wütend, weil du meine Filzstifte, die ich dir geliehen habe, hast austrocknen lassen", wird er deine Gefühle besser nachvollziehen können, sich wahrscheinlich entschuldigen und den Schaden wieder gutmachen.
    Wenn du sagst: "Du bist unzuverlässig und blöd. Nie wieder leihe ich dir meine Stifte", wird er erst mal nur einen Angriff, eine Beleidigung heraushören, sich verteidigen und ist vielleicht nicht mehr in der Lage, dich zu verstehen. Und es kommt zum Streit."

    Aufgelockert wird das Ganze durch Zitate aus aller Welt, spielerische Tests zur Überprüfung des Gelernten und flotte kleine Illustrationen. Mögen manche der vorgestellten Benimm-Regeln auch leicht antiquiert wirken - zum Beispiel die, dass man an eine verschlossene Tür immer anklopfen sollte - und andere allzu selbstverständlich, so macht dieses Buch doch eines sehr plastisch deutlich: Dass gutes Benehmen nie Selbstzweck ist, sondern immer ein Zeichen von Respekt für und Rücksichtnahme auf andere. Und dass Umgangsformen immer auch mit Fairness und Toleranz zu tun haben.

    Mit "Vorsicht Fettnapf!" hat die australische Kinderbuchautorin Jackie French ein Benimm-Buch der ganz besonderen Art geschrieben. Sie stellt darin 180 Benimm-Pannen vor, erläutert, wie man sie vermeidet und beantwortet so lebensentscheidende Fragen wie

    "Was tue ich, wenn jemand Gemeinheiten über mich erzählt? Muss ich auch Dankesbriefe für Geschenke schreiben, die mir gar nicht gefallen?"

    Oder:

    "Ich kenne einen Typen namens Gregor und der ist mit meiner besten Freundin zusammen. Neulich sah ich ihn im Kino mit einem anderen Mädchen aus unserer Klasse, und die sahen nicht so aus, als hätten sie sich gerade zufällig getroffen…Sollte ich das meiner besten Freundin erzählen?"

    Auf die Antwort darf man echt gespannt sein, es lohnt, sie auf Seite 117 nachzulesen! Weil sie nicht nur pfiffig ist und witzig formuliert, sondern auch nachdenklich und differenziert. Wie die meisten der Antworten, die Jackie French auf unzählige fiktive Fragen gibt. Jedes der großen Kapitel dieses Buches, in denen es um einzelne Lebensbereiche wie Essen, Freunde, Schule, Familie geht oder auch sehr flapsig um "Dinge, die dich zum Kotzen bringen könnten" - jedes Kapitel bietet in Fallbeispielen, frechen kleinen Zeichnungen und Fragen und Antworten weniger einen Überblick über gute Manieren. Was Jackie French ihren Lesern vermittelt, sind vor allem launige Ratschläge für die überraschenden Wechselfälle des Lebens. Ein ebenso unterhaltsamer wie nützlicher Ratgeber für Jugendliche in Sachen Taktgefühl, der alle möglichen und unmöglichen Fragen voller Wärme und Humor beantwortet.

    "Füße vom Tisch" heißt ein Ratgeber für "Stil in allen Lebenslagen", der sich an Jugendliche und junge Erwachsene richtet. Seine Autoren Gerit Kopietz und Jörg Sommer gehen darin ohne Umschweife auf ihre Leser zu und auch heikleren Themen nicht aus dem Weg: Sauberkeit und Mundgeruch oder Zärtlichkeiten zwischen Jungen und Mädchen sind keine Tabus. Jedes Kapitel beginnt mit einem konkreten Fallbeispiel. Zum Beispiel zum Thema nervige Eltern:

    "Rüdiger Stadtmüller reißt die Tür zum Zimmer seines Sohnes Christian auf und brüllt: "Kannst du nicht ein einziges Mal das tun, was man dir sagt?" Keine Antwort. Christian liegt auf dem Bett, Augen geschlossen, Kopfhörer auf den Ohren. Langsam dreht er sich um, sieht seinen Vater und nimmt den Kopfhörer ab. "Hä?""

    Auf das Szenenbild folgen die Analyse des Problems, Tests und - unter "Flop" und "Top" - allgemeine Verhaltensregeln - was man also besser lassen oder auf jeden Fall tun sollte. Wobei diese Regeln immer sehr vernünftig, manchmal aber auch etwas bieder ausfallen. "Top" sind zum Beispiel die Ratschläge für junge Leute, die sich auf eine neue Stelle bewerben. "Flop" sind die für den Umgang mit Respektspersonen. Denn dass man denen nicht die Zunge rausstreckt oder den Stinkefinger zeigt, ist wohl selbstverständlich - zumindest für jeden, der ein Buch wie dieses in die Hand nimmt. Fazit: Der Benimm-Ratgeber "Füße vom Tisch" bemüht sich um einen lockeren Ton und effektvolle Inszenierungen, tut aber cooler, als er ist.

    Zwei Bilderbücher, ein Kinderbuch, zwei Jugendbücher - die Ausbeute an neuen Benimm-Büchern ist erstaunlich vielseitig.

    Hier noch einmal die besprochenen Titel im Überblick:

    - Ursel Scheffler/Jutta Timm: Upps, benimm dich! Ars edition
    - Diesen Titel gibt es auch als Hörbuch im Jumbo-Verlag
    - Sabine Rahn/Barbara Scholz: Wie sagt man? Ellermann Verlag
    - Anne Wilkens/Catharina Westphal: Echt peinlich! Voll daneben! Ars edition
    - Jackie French: Vorsicht Fettnapf! Bertelsmann Omnibus
    - Gerit Kopietz/Jörg Sommer: Füße vom Tisch!, Überreuther Verlag


    Fasst man die Lektüreeindrücke zusammen, so lässt sich abschließend sagen: "Top" sind in fast allen Fällen die Bandbreite der angesprochenen Themen und der flotte Ton. Untergangsstimmung ist, trotz vieler Klagen, noch nicht angesagt. Humor beherrscht die Bildfläche, denn Benehmen kann und soll auch Spaß machen. Ein "Flop" könnte allerdings sein, dass - mal wieder - nur die Kinder und Jugendlichen diese Titel lesen, die sie gar nicht nötig haben. Die anderen, die in sämtliche Fettnäpfe steigen und die Füße auf dem Tisch lassen, werden sie wahrscheinlich nicht zur Kenntnis nehmen.