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Gedenken an einen Rechtspopulisten

Mit 1,8 Promille im Blut ist vor gut einem Jahr der Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider in den Tod gerast. Heute wird er fast wie ein Heiliger verehrt, ein Kult, der von politischem Kalkül gefördert wird. Denn die politischen Erben des Rechtspopulisten sind nach wie vor an der Macht und wollen es auch bleiben.

Von Tom Schimmeck |
    Vor einem Jahr verabschiedete Kärnten den Rechtspopulisten wie einen großen Staatsmann und geliebten Führer. Tausende erwiesen ihm die letzte Ehre. Im Frühjahr zelebrierte seine Partei, das Bündnis Zukunft Österreich BZÖ, den Haider-Kult bei einer Landtagswahl derart erfolgreich, dass sie ein Rekordergebnis von über 45 Prozent einfuhr.

    "Gnädiger Gott, der Tod ist wie ein Dieb in der Nacht."

    Seither spekulieren Verschwörungstheoretiker im Internet mit Leidenschaft über die Unfallursache gegeben. Auch Witwe Claudia Haider soll sich um eine Wiederaufnahme des Ermittlungsverfahrens bemüht haben. Haiders Schwester Ursula Haubner, ebenfalls BZÖ-Politikerin, weist gerne auf "Ungereimtheiten" hin. Haiders enger Parteifreund Stefan Petzner war der Staatsanwaltschaft im Sommer gar "Schlamperei" vor. Auf Geheiß von Gerhard Dörfler, Haiders Nachfolger im Amt des Landeshauptmanns, erwarb die Partei das völlig zerstörte Fahrzeug. Eine pure Vorsichtsmaßnahme, so Dörfler.

    "Ich habe das Wrack, unsere Partei hat das Wrack auch deshalb angekauft, damit, wenn es konkrete Gerüchte gäbe, die es notwendig machen würden, es zu untersuchen, ist es jedenfalls vorhanden."

    Angeblich wissen nur Dörfler und ein Gehilfe, wo das Wrack versteckt ist. Und manchmal schaut er vorbei.

    "Noch vor dem Begräbnis sind im Internet Bildanimationen aufgetaucht, es gäbe Einschusslöcher am Wrack. Das war einen Tag vor dem Begräbnis. Ich war bestürzt, bin sofort zum Wrack hingefahren und habe gesagt: Bitte, sofort die Planen herunter, musst du schauen, wo die Einschusslöcher sind. Natürlich hat es keine gegeben."

    In der Nacht zum 11. Oktober 2008 raste Haider in seinem schweren Dienstwagen ins heimische Bärental. Er überholte - in einer Tempo-70-Zone - mit über 140 Kilometern pro Stunde, ein Fahrzeug, kam beim Wiedereinscheren rechts von der Fahrbahn ab, überschlug sich mehrmals. Die Obduktion zeigte: Er hatte gut 1,8 Promille Alkohol im Blut. Der klassische Fahrfehler eines Betrunkenen. Die Experten der Gerichtsmedizin in Graz und die Universität Innsbruck haben einen Herzinfarkt und andere Krankheiten ausgeschlossen.

    Österreichweit wird die Haider-Partei BZÖ immer stärker von der noch deftiger auftretenden Konkurrenzpartei FPÖ verdrängt. Umso heftiger scheinen jetzt, zum ersten Jahrestag, die BZÖ-Getreuen um die weihevollste Gedenkveranstaltung zu konkurrieren. Haider bleibt die Identifikationsfigur in ihrer letzten Bastion Kärnten, weiß auch der neue BZÖ-Geschäftsführer Gernot Schick.

    "Der Jörg Haider hat jedem Kärntner nicht nur einmal, sondern schon bald zweimal die Hand gegeben, ja."

    Bereits am vergangenen Wochenende absolvierten Haiderianer, darunter die Witwe und die Schwester, eine "Gedenkwanderung" zum Wallfahrtsort Mariazell. Haiders Kampfschrift "Die Freiheit, die ich meine" ist in einer Neuauflage erschienen. Demnächst will Haiders Mutter Dorothea Erinnerungen nachlegen. Eine selbst ernannte "Gebetsliga" fordert die Heiligsprechung von Jörg Haider.

    Samstag wird im Klagenfurter Bergbaumuseum die Sonderausstellung "Dr. Jörg Haider. 1950 - 2008" eröffnet.

    "Da werden zu sehen sein: Publikationen von ihm, natürlich auch Reden von ihm, Utensilien von ihm und vor allem auch seine Visionen. Für das Land und vor allem auch für ein freies, geeintes Europa."

    Klagenfurts Vizebürgermeister Alfred Gunzer, für Kultur zuständig, hat die Ausstellung im Schacht hinterm botanischen Garten organisiert. Der Stollen diente dem Nazi-Gauleiter Friedrich Rainer in den letzten Kriegstagen als Befehlsbunker. Die Landeshauptstadt, seit diesem Frühjahr ebenfalls in BZÖ-Hand, hat 85.000 Euro lockergemacht. Auch BZÖ-Mann Gunzer ist ein großer Fan. Und grämt sich, dass Haider die globale Krise nicht mehr stoppen konnte.

    "Er ist ja am Anfang nicht immer von allen verstanden worden, wenn er seine Visionen gelebt hat. Und Jahre später ist das dann eingetreten. Er hat zum Beispiel das gespürt. Er hat schon wieder Aktivitäten ins Auge gefasst gehabt bezüglich der Finanzwelt und prompt ist es zu diesem großen Finanzskandal gekommen weltweit. Das hat er schon im Vorfeld gespürt und hat hier schon wieder wollen Akzente setzen."