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Gerechte Zukunft durch gerechte Verteilung?

Ein Viertel der Weltbevölkerung reißt sich drei Viertel der Ressourcen an Wasser, Öl, Lebensmitteln unter den Nagel. Böden erodieren und werden ausgelaugt, Öl wird knapp, weil China, Indien und andere Schwellenländer die wirtschaftliche Entwicklung des Westens nachholen und überbieten wollen. Man muss kein in der Wolle gefärbter Grüner sein, um das unterschreiben zu können: Unsere natürlichen Ressourcen sind begrenzt, der Kuchen wird immer kleiner, aber immer mehr Mitesser drängen sich um den Tisch. In einer Zeit, in der wir Deutschen in Sorge sind um den Erhalt unseres Wohlstandes, wirkt das folgende Buch unbequem: Die neueste Studie des Wuppertal Instituts. Seine Autoren fordern die gerechte Verteilung von Ressourcen. Was bringt nun die neue ökologische Studie aus Wuppertal? André Drewelowsky weiß es.

Von André Drewelowsky |
    Wussten Sie, dass für die Produktion eines T-Shirts 20.000 Liter Wasser benötigt werden und dass circa 16.000 Liter auf Ihr Konto gehen, wenn Sie ein Kilogramm Rindfleisch verzehren? Mit derart frappierenden Daten illustrieren Wolfgang Sachs, Tilman Santarius und zehn weitere Wissenschaftler des Wuppertal Instituts ihren Report Fair Future, der der "allesfressenden" Verbraucherklasse dieser Welt vorrechnet, wie viele Ressourcen sie durch ihren Lebensstil verschwendet und wie sie auf diese Weise nicht nur die schleichende Umweltzerstörung, sondern auch die Spaltung der Welt in reiche Industrie- und arme Entwicklungsländer vorantreibt. Gegenwärtig eigneten sich rund 25 Prozent der Weltbevölkerung 75 Prozent der Weltressourcen an – Erdöl und andere Bodenschätze, Ackerböden, Wasser und saubere Luft -, und schon heute werde der Naturraum im Weltdurchschnitt zu 20 Prozent übernutzt. Einprägsame Begrifflichkeiten – vom "ökologischen Fußabdruck" zum "virtuellen Wasser" – und zahlreiche Tabellen komplettieren die Analyse.
    Die These der Autoren ist unmissverständlich:

    "Es ist hohe Zeit, das Wohlstandsmodell der Industriemoderne auf den Prüfstand zu stellen. Eine Wirtschaftsentwicklung konventionellen Stils, die einer wachsenden Weltbevölkerung insgesamt einen westlichen Lebensstandard bescheren möchte, wird ökologisch nicht durchzuhalten sein. Die dafür benötigten Ressourcenmengen sind zu groß, zu teuer und zu zerstörerisch."
    An anderer Stelle heißt es konkreter:

    "Es ist nicht erkennbar, wie etwa der automobile Verkehr, der klimatisierte Bungalow oder ein auf einem hohen Fleischanteil gründendes Nahrungssystem allen Weltbewohnern zugänglich werden können. "
    Das System der freien Marktwirtschaft, das auf ständiges Wachstum setze und weit davon entfernt sei, die Erde als endliches System zu betrachten, werde eben nicht dazu führen, dass die Entwicklungsländer früher oder später das Wohlstandsniveau der Industriestaaten erreichen. Im Gegenteil: es werde die weltweiten Entwicklungsgegensätze noch verstärken, da der freie Markt in ungebremster Form all jene, die auf der untersten Produktionsstufe stehen – also in erster Linie die Rohstoff liefernden Entwicklungsländer –, stets benachteiligen werde. Außerdem bestehe die Gefahr, dass der steigende Ressourcenbedarf aufstrebender Schwellenländer, wie China und Indien, künftig zu immer härteren Konflikten führen werde. Tilman Santarius, Hauptautor der Studie und Leiter der Berliner Filiale des Wuppertal Instituts, erläutert:

    "Es ist absehbar, dass bei einigen Ressourcen, wie bei Wasser, aber auch bei Öl, Kriege zunehmen können, wenn sich an der Nutzung dieser Ressourcen nichts ändert und wenn die Entscheidung über die Nutzung, also: wer darf wie viel nutzen, nicht demokratischer geregelt wird. Kurz gesagt: Ressourcenhunger macht die Welt friedlos, und insofern ist es auch in unser aller Interesse, für mehr Ressourcengerechtigkeit zu optieren. "
    Und so stehe die Menschheit heute an einem Scheideweg:

    "Entweder bleibt die Mehrheit der Welt vom Wohlstand ausgeschlossen, oder das Wohlstandsmodell wird so umgestaltet, dass alle daran teilnehmen können, ohne den Planeten ungastlich zu machen. Es geht um die Wahl zwischen globaler Apartheid und globaler Demokratie. "
    Wie aber soll diese "globale Demokratie" aussehen? Wie organisiert man eine Weltgesellschaft, die eine gerechtere Verteilung der Ressourcen garantiert? Sollte etwa die heute vor großen Reformen stehende UNO irgendwann – am Ende der Epoche der Nationalstaaten – zu einer Weltregierung aufgewertet werden? Die Fair Future-Autoren backen zunächst kleinere Brötchen. Sie präsentieren dem Leser vier "Leitbilder der Ressourcengerechtigkeit":

    Erstens: Menschenrechte sollten zur Grundlage internationaler Handelsabkommen werden, sprich: zur Grundlage der Welthandelsorganisation.

    Zweitens: Der globale Ressourcenverbrauch muss gedrosselt werden – durch die Entwicklung energiesparender Produkte, durch den Einsatz naturverträglicher Produktionsweisen und durch vernünftigen, maßvollen Konsum.

    Drittens: Die Prinzipien des FairTrade sollten auf den gesamten Welthandel ausgeweitet werden.

    Und viertens: Kleine Entwicklungsländer dürfen nicht genauso behandelt werden wie große Industriestaaten – ihnen sollten Sonderkonditionen eingeräumt werden, zum Beispiel beim Klimaschutz.

    Natürlich ist den Autoren bewusst, dass es schwierig sein wird, diese Forderungen durchzusetzen. So urteilt die Studie mit Blick auf die WTO nahezu resigniert:

    "Gegenwärtig ist nicht zu sehen, wie ein Durchbruch zu einem fairen und umweltverträglichen Welthandelsregime ins Werk gesetzt werden kann. "
    Und dennoch erkennen die Autoren einen leuchtenden Hoffnungsschimmer am Horizont: Die Europäische Union. Die Wuppertaler Wissenschaftler betrachten die EU als Vorbild für künftige weltpolitische Organisationsformen.

    "In der Unfähigkeit der USA zur kosmopolitischen Führerschaft mag eine historische Chance für Europa liegen: Nach Kolonialismus, Kriegskatastrophen und Wirtschaftswunder könnte die Zeit reif sein, dass Europa als eine Zivilisation des geglückten Zusammenlebens das Interesse der Welt auf sich zieht. Europa könnte zu einer kristallisierenden Kraft für eine demokratische und ökologische Weltgesellschaft werden. "

    "Europa ist stark in Aspekten des Umweltbewusstseins und auch stark in Bezug auf das, was soziale Marktwirtschaft genannt wird, also dass nicht die Priorität nur der Ökonomie gegeben wird, sondern eben auch der sozialen Gerechtigkeit, dem Ausgleich zwischen Arm und Reich und zwischen sozial Starken und Schwachen. Ich glaube, dass es diese Ideen sind, die Europa in den Diskurs um die Frage, wie soll denn eine zukunftsfähige Weltgesellschaft aussehen, einbringen soll. "

    Das sind gewagte Thesen in einer Zeit, in der Europa von einer Krise in die andere schlittert und weit entfernt scheint von einer mustergültigen transnationalen Existenzgemeinschaft.

    Möglicherweise sind die Autoren aber auch sonst zu optimistisch. Es fragt sich, ob die Vision einer aufgeklärten, vernünftigen Weltgesellschaft überhaupt zu realisieren ist. Der Durchschnitts-Bürger der USA, Europas und Japans wird kaum auf seinen heutigen Lebensstandard verzichten wollen. Und das Lebensprinzip "weniger ist mehr" scheint der großen Masse der Bevölkerung unbekannt. Bislang gibt es keine größere Gesellschaft, die mehrheitlich in FairTrade-Läden einkauft, aus Überzeugung Wasser und Strom spart, ihr Geld in Öko-Fonds anlegt und sich mit fünf Nachbarn ein Wasserstoffauto teilt. Das wird auch in absehbarer Zukunft nur eine idealistische, finanziell gut ausgestattete Minderheit tun.

    Doch gerade im Hinblick auf die weit verbreitete Kurzsichtigkeit und Unvernunft der Menschen ist ein Buch wie Fair Future von größter Bedeutung, da es mustergültig zur Aufklärung beiträgt. Jedem, der sich für die großen umwelt- und wirtschaftspolitischen Zusammenhänge interessiert, sei die Lektüre dieses Buches dringend empfohlen.

    Die Studie "Fair Future" des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt und Energie trägt den Untertitel "Begrenzte Ressourcen und Globale Gerechtigkeit". Erschienen ist sie bei C. H. Beck in München, umfasst 278 Seiten, das Buch kostet 19 Euro 90.