In den 1930er-Jahren ächzten die Volkswirtschaften der Welt unter den Folgen der Weltwirtschaftskrise von 1929, Millionen von Menschen hatten ihre Arbeit und damit ihr Einkommen verloren. Und der Zweite Weltkrieg machte alles noch schlimmer. So sah sich die Weltgemeinschaft zum Handeln gezwungen, sagt Hartwig de Haen, ehemaliger Beigeordneter Generaldirektor der Welternährungs- und Landwirtschaftsorganisation, der FAO.
"In dieser Zeit hatte man große Angst, berechtigte Angst, dass mit der Zunahme der Armut auch der Hunger stark ansteigen wird. Und interessanterweise gab es drei Persönlichkeiten, die bei der Gründung der FAO eine wesentliche Rolle spielten."
Hoffnung auf dauerhaften Frieden durch Ende des Hungerns
Der erste Initiator war der australische Ernährungswissenschaftler Frank McDougall. Er hatte schon früh erkannt, dass der Landwirtschaft armer Länder eine zentrale Rolle bei der Bekämpfung von Hunger und Armut zukommt. Seine Thesen überzeugten wiederum den amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt, der sich daraufhin für eine Weltorganisation für Landwirtschaft und Ernährung stark machte.
Gegründet wurde diese Food and Agricultural Organization of the United Nations, kurz FAO, dann am 16. Oktober 1945 in Québec. Die dritte wichtige Persönlichkeit war der schottische Arzt John Boyd Orr, der erster Generaldirektor der FAO wurde. Er war davon überzeugt, dass dauerhafter Frieden auf der Welt nur durch die Überwindung des Hungers möglich sei. In den folgenden Jahrzehnten gab es zwar immer wieder Kritik am zunehmend aufgeblähten Bürokratieapparat und dem Management der FAO, aber sie verzeichnete auch große Erfolge, so Hartwig de Haen:
"In dieser Zeit, 1945 bis heute, das ist die erste positive Nachricht, hat sich die Weltbevölkerung mehr als verdreifacht. Und trotzdem ist die Weltagrarproduktion noch stärker als die Bevölkerung gestiegen, sodass die Nahrungsmittelverfügbarkeit pro Kopf ständig gestiegen ist."
Anfang der 1940er-Jahre standen jedem Menschen pro Tag etwas weniger als 2.000 Kilokalorien zur Verfügung, heute sind es im Durchschnitt fast 3.000. In reichen Ländern allerdings immer noch wesentlich mehr als in armen Ländern. Außerdem hat die FAO zahlreiche internationale Abkommen zwischen den Mitgliedsstaaten erwirkt – etwa Standards der Vereinten Nationen für sichere Lebensmittel oder einen Verhaltenscodex für verantwortliche Fischerei. Die Agrarökonomin Jutta Roosen ist Professorin für Marketing und Konsumforschung an der Technischen Universität München und beschäftigt sich mit der Arbeit der Welternährungs- und Landwirtschaftsorganisation:
Fast neun Prozent der Weltbevölkerung hungern
"Wichtige Herausforderungen sind immer noch der Hunger in der Welt. Im Moment wird geschätzt, dass 690 Millionen Menschen an Hunger leiden und unterernährt sind. Das entspricht etwa 8,9% der Weltbevölkerung. Und während man in den vergangenen Jahrzehnten durchaus Fortschritte gemacht hat, die Zahl der Hungernden zu reduzieren, sehen wir seit 2014 wieder steigende Zahlen. Insgesamt sind seit 2014 noch einmal 60 Millionen Menschen dazugekommen in der Welt, die an Hunger leiden."
Hier wirkt immer noch die Finanzkrise von 2008 nach. Viele gerade arme Staaten sind seitdem hoch verschuldet. Außerdem sind in den vergangenen Jahren zahlreiche Kriege und Konflikte aufgeflammt. Dabei sei Hunger kein unvermeidbares Phänomen, wie es viele Staaten behaupteten, sagt Hartwig de Haen. Hunger könne besonders durch Investitionen in ländliche Gebiete sehr wirkungsvoll bekämpft werden.
"Drei von vier chronisch Unterernährten leben auf dem Lande und ihre Lebensbedingungen hängen vor allem von Landwirtschaft ab. Also, wenn in diesen Bereichen nicht investiert wird, in Infrastruktur, Bildung, Forschung und Märkte, dann hat man keine Chance, den Hunger abzubauen in diesen betroffenen Ländern."
Eine zweite große Herausforderung sieht Hartwig de Haen im Klimawandel. Denn Dürren, Überschwemmungen und Schädlingsplagen gefährden immer öfter die Ernten:
"Die dritte Herausforderung, die ich nennen würde, ist sehr aktuell. Nämlich beizutragen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie in den betroffenen Ländern. Bisher ist es schon so, dass fast 700 Millionen Menschen dauernd zu wenig zu essen haben. Aber nach Schätzung der FAO könnte diese Zahl sich [...] um weitere 130 Millionen erhöhen."
So ist die Demokratische Republik Kongo beispielsweise durch die Pandemie zur größten Hungerkrisenregion der Welt geworden. Auch in anderen Ländern wird die Situation zunehmend dramatisch. In Burkina Faso etwa verzeichnet die FAO seit Anfang 2020 einen Anstieg der Zahl der akut Hungernden um 300 Prozent. Die Aufgabe, den Hunger in der Welt zu bekämpfen, ist also so aktuell, wie selten zuvor.