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In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus

Es gibt einen Vorwurf, den man gegen Peter Handkes neuen Roman - "In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus" ist sein dichterisch-langwieriger Titel - gewiß nicht erheben kann: Niemand wird behaupten können, daß er seine Leser im Unklaren läßt über seine Spielregeln, den besonderen Charakter seines Erzählens. Handke hat zahlreiche Selbsterklärungen über sein Buch verstreut, und eine der bündigsten, schon fast am Ende des Romans und ihn im Rückblick zusammenfassend, hat er in die Form einer Frage gekleidet:

Gustav Seibt |
    Aber wer sonst noch soll die Geschichte zu lesen bekommen? Denn was ist das für ein Erzählen heute, nicht am Markt, nicht am Königshof, nicht für ein Bürgertum - nicht einmal an jemand einzelnen gerichtet, einzig für den, dem die Geschichte zugestoßen ist, selber? Vielleicht ist gerade so eines das ursprüngliche Erzählen? So hat es überhaupt erst einmal angefangen?

    Ein Erzählen ohne äußeren Adressaten entwirft Peter Handke also, eines, das sich nur an das Subjekt der erzählten Geschichte selbst richtet. Was aber soll daran ursprünglich sein? Die kulturgeschichtlich frühen Formen des Erzählens sind nach landläufiger Anschauung eher die, von denen Handke sich absetzt, nämlich das Erzählen für ein Publikum, für eine Gemeinschaft, also das übrigens meistens mündlich gedachte Erzählen auf dem Marktplatz, in einem Königshof und später das für ein bürgerliches Lesepublikum. Ursprünglich ist das nur noch an sich selbst gerichtete Erzählen aber vielleicht in dem Sinn, daß es dem Zeitvertreib einsam für sich spielender, Selbstgespräche führender Kinder gleicht, die sich eigene Welten erfinden und den Dingen geheime neue Namen geben und unbekannte Bedeutungen erfinden.

    Als ein solches selbstherrliches Kind erweist sich Peter Handke in seinem neuen Buch, das mit einer rücksichtlos anmutenden Folgerichtigkeit eine eigene Welt mit eigenen Gesetzen entwirft.

    Nun kennt gewiß noch jeder erwachsene Mensch Augenblicke, in denen das Zufällige von beiläufigen Sinneseindrücken sich zu Bestandteilen einer anderen Welt anordnet. Dann wird die Maserung auf einer hölzernen Tischplatte zu einem verzerrten Gesicht oder ein Tapetenmuster zu einer noch unentzifferten Hieroglyphenschrift. Die moderne Literatur ist voll von solchen privaten Verformungen von alltäglichen, oft mikroskopischen und daher denn auch meist verschwiegenen, unausgeprochenen Wahrnehmungen. Das tausend Mal Wahrgenommene, Schon-nicht-mehr-Wahrgenommene wird dann mit einem Mal fremd und vielsagend. Es gibt solche Momente in Handkes neuem Buch. Dort heißt es einmal:

    "Vor einer letzten Kammlinie, die Stadt dahinter und wohl auch tief darunter noch ganz unsichtbar, hörte er aus der Ferne einen vieltausendstimmigen Gesang, einen Choral, der aus einem monumentalen Kloster zu dringen schien: es waren das dann die Autos, zügig, eins dabei dicht hinter dem andern fahrend, auf der feierabendlichen Autobahn."

    Autogebrause in einen monumentalen Choral zu verwandeln, das ist ohne Frage groß, und es ist eins von den Dingen, die nur die Poesie leisten kann, indem sie mittels der Sprache weit voneinander entfernte Erscheinungen zusammenbringt. Solche Poesie setzt eben den kindlich entfremdeten Blick auf die Welt voraus, den Handkes Konzept eines ursprünglichen, nur mit sich selbst beschäftigten Erzählens meint. Die ursprüngliche Situation des Erzählens, von der Handke spricht, wäre dann diese: Die Welt ist noch unbenannt und der Dichter gibt ihr die Namen wie Gott bei der Schöpfung.

    Es geht also, und hier beginnen sich die Probleme aufzutürmen wie die von Handke so geliebten unbewohnten Bergmassive, nicht nur um Wahrnehmung, sondern auch um Religion. Der Roman "In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus" ist ein Buch, das mit allerlei Formen des Religiösen spielt und einen sehr selbstherrlichen Dichtergott zeigt.

    Wie bringt Handke seine Geschichte in dieses religiöse Fahrwasser? Sie handelt von einem ältlichen Apotheker, der an einem der verlorenen Orte der modernen Welt lebt, einem gesichtslosen Ortsflecken, der zwischen einem Flughafen und einer Autobahnausfahrt gelegen ist. In diesem Zwickel zwischen den Verkehrsnetzen ist er von allem Weltverkehr übrigens paradox abgeschnitten. Handke hat seinen Ausgangspunkt als den Ortsteil Taxham bei Salzburg präzise und realistisch gekennzeichnet. Die Geschichte beschreibt nun, wie ihr Held, der Apotheker sich aus diesem realistischen Umfeld weit entfernt, in nie gesehene Traumlande, um am Ende als ein Verwandelter in das reale Taxham zurückzukehren. Die Entfernung beginnt mit einem Schlag auf den Kopf, den der Apotheker aus heiterem Himmel in einem Taxhamer Wäldchen erhält - man erfährt nicht genau von wem und warum. Dieser Schlag auf die Stirn, der ihm eine Art Kainsmal zufügt - eins der vielen religiösen Zitate des Buches - läßt den Apotheker sie Sprache verlieren; er wird stumm. Er geht dann in ein nahegelegenes, seltsamerweise unterirdisches Flughafenrestaurant, trifft dort auf einen Dichter und einen ehemaligen Skirennläufer und macht sich in deren Begleitung mit dem Auto auf in die Ferne. Mit ihnen fährt er in ein geographisch nicht mehr festzumachendes Phantasieland, das Städte mit Namen aus vielen europäischen Ländern trägt, jedoch weithin Spanien ähnelt. Die drei treffen in diesem Raum, in dem die Kausalgesetze und die Zeitenfolge sacht verrückt erscheinen, auf Figuren ihrer Lebensgeschichte, Geliebte und Kinder. Irgendwann läßt der Apotheker seine Begleiter hinter sich und wandert ziellos durch eine Steppe, nun allein mit Pflanzen, Resten menschlicher Behausungen, allein mit dem Wind, mit dem Nadelsausen in Kiefernwäldchen, mit Getier und Gewächs. Am Ende fährt er mit einer Frau, in die er sich verliebt hat - sie könnte die Schlagausteilerin gewesen sein - in einem Autobus zurück in sein Taxham, zu seiner Frau, mit der er getrennt im selben Haus wohnt. Nun gewinnt er seine Sprache wieder und teilt seine Geschichte dem Erzähler mit, damit der sie aufschreibe.

    Das ist in gröbsten Zügen die äußere Handlung von Handkes neuem Roman. Der Apotheker wird als besinnlicher Leser eines mittelalterlichen Artusromans vorgestellt. Dieser literarische Verweis ist zentral für das Verständnis des Handkeschen Romans, denn das allen Artusromanen zugrundeliegende Handlungsschema zeigt einen Ritter, der sich in die Fremde aufmacht, um sich in vielerlei Gefahren und Abenteuern - Liebeswirren, Drachenkämpfen, im Gespräch mit Einsiedlern, Wald- und Wüstenheiligen - zu läutern und die Welt zu erfahren. Dieses Schema, das dem Erzähler viel Freiheit läßt, weil es ihm erlaubt, Episode an Episode zu reihen, ist hinter der Traumfahrt des Taxhamer Apothekers unschwer zu erkennen. Handkes Roman wimmelt von Anspielungen und Motiven aus der mittelalterlichen Artuswelt, die er dann allerdings mit modernen Requisiten möbliert, eben mit sonst stummen Sinneseindrücken, Abfällen der technischen Zivilisation, mit Karikaturen der Jetztzeit, wie zum Beispiel dieser:

    "Eins der ersten Anzeichen der Stadt waren ein paar Quersteppeinradfahrer, die mit von Horizont zu Horizont quietschenden Bremsen hügelab schossen. 'Ich habe sie mit dem Stock, den ich dabei hatte, im Vorbeilaufen erschlagen', sagte mein Erzähler, 'und seitdem ist die Steppe wieder halbwegs ohne Landplage.'"

    So komisch die Quersteppeinradfahrer wirken, so beunruhigend berührt doch die Strafphantasie, mit der der Erzähler diese Biker verfolgt.

    Das arturische Handlungsschema und die traumartige Konstruktion der Fernfahrt des Apothekers erlaubt dem Autor die Setzung jeglicher, noch der willkürlichsten Bedeutung. Hier findet jenes weltsetzende Selbstgespräch des einsamen, nur mit sich selbst befaßten Erzählens, das Handke postuliert, ihr freies Feld. Der Leser verirrt sich in ein Märchenland, in dem die Dinge alles bedeuten können oder auch nichts und jede Einzelheit nach Dechiffrierung schreit. Man kann das überaus spannend finden, wie ein Kreuzworträtsel mit abwegigen Hinweisen oder langweilig, weil vollkommen willkürlich. Wer in diesem Buch Erleuchtung sucht und findet, ist so wenig zu widerlegen, wie der, der es ablehnt, sich mit solchem weltanschaulichen Privatkram abzugeben. Und kann man im Ernst Selbstgespräche rezensieren?

    Eine der schönsten Stellen des Buches beschreibt die Fahrt durch einen Bergtunnel, an dessen Ende das Licht und die Dinge wie ein gestochen scharfes Dia stehen:

    "So starr erschien das Bild des Ausgangs, auch so künstlich, mitsamt dem gar nicht dämmrigen, vielmehr sonnenhellen Licht, daß es in ihren Augen, und das bis kurz vor dem Durchsein, ein Teil des Stollens war. Ein Miniatur-Dia, grellfarben, überbelichtet, stand da vor ihnen auf eine sonst vollständig finstere Fläche projiziert, etwas wie ein Blattgrünflimmern und Felsflankenrotgelb.

    Und für einen sehr langen Augenblick gab das dann den Eindruck, sie führen überhaupt nicht, kämen nicht mehr von der Stelle, ja, seien sogar aus dem Raum geraten, würden höchstens noch zum Schein ein bißchen gerüttelt und gleich käme das Aus - welches Aus? - das Aus."

    Das ist wunderbar wahrgenommen und so präzise in Worte gefaßt wie allerdings nur weniges in Handkes neuem Buch. Worte wie "Blattgrünflimmern" und "Felsflankenrotgelb" läßt man sich als preziöse Substantivierungen von Sinneseindrücken gefallen. Doch was verstimmt, ist die abbrechende Geste, mit der "das Aus", als eben "das Aus" bestimmt wird, so als sei hier eine große, nicht weiter zu entfaltende Bedeutung enthalten, im Blick auf das scheinbar stehenbleibende Bild eines Tunnelausgangs.

    Es könnte allerdings sein, daß Handke nur mit den Hohlformen religiöser Empfindungen spielt, also die verschwiegenen Wahrnehmungsmomente aufsucht, in denen Menschen zu allen Zeiten auf das Unerklärliche und Fremde der Welt gestoßen sind. Es ginge dann nicht um eine bestimmte Lehre, sondern darum, wie die Wahrnehmung überhaupt dazu kommt, den Dingen transzendente Botschaften abzulesen, gleichgültig welche Inhalte diese jeweils hätten. Um so die Ursituationen religiösen Empfindens vorzuführen, müßte Handkes Text allerdings weniger behaupten und mehr beschreiben. Stellen wie die soeben zitierte über die Fahrt durch den Tunnel sind in ihrer anschaulichen Präzision Ausnahmen in seinem Roman. Er setzt, benennt, behauptet, doch er beschreibt wenig. Dieser Überhang des Bedeutungswillens über das Angeschaute, wird Leser, die wenig Lust haben, den Verästelungen einer Privatmythologie nachzugehen, zweifellos verstimmen.

    Handkes Apotheker ist Pilzkundler, Kräutersachverständiger, eine Art Medizinmann, der auf seiner Steppenwanderung allerlei bitterschmeckendes Gewächs und heilkräftige Essenzen aufnimmt. Es kommt ein sektenhafter Ton in Handkes Geschichte, wenn er seinen Helden sagen läßt:

    "Andererseits will ich noch rasch anmerken, daß ich überzeugt bin, das letzte gemeinsame Gesprächsthema der Menschheit, außerhalb der aktuellen Zeitungs- und Fernsehthemen, das werden die verschiedenen Pilzsorten sein, das letzte, wo jeder miteinstimmen wird, selbst unter Grundfremden, aufhorchend, freundschaftlich. Vielleicht unser letztes gemeinsames Abenteuer, auch weil es so schwer erzählbar ist. Dafür unerschöpflich. Wie die Steppe, die ebenso schwer zu erzählende, weil gegen die Bilder sich sträubende. Und mein Pilzbuch wird eines sein, bei dem die Leute ausrufen werden: Ja, genau so ist es, das habe ich immer gesagt! - selbst wenn sie es nie gesagt haben."

    Viel spricht dafür, daß das nicht absichtsvoll komisch gemeint ist, sondern bestenfalls als Spott auf die Leser, in dem Sinne nämlich, daß Handke in solchen Passagen vielleicht erproben wollte, wie weit er dabei gehen könne, um den Lesern eine willkürliche Privatlehre aufzuzwingen. Doch viel wahrscheinlicher ist, daß es ihm mit dieser Pilztheorie ganz ernst ist: Das Pilzbuch soll die Wirkung von Dichtung haben, in der man zum ersten Mal etwas vernimmt, was man immer gewußt zu haben meint. Handke verwandelt sich und seine Leser in ergriffene Zuschauer stummer Naturvorgänge:

    "Schon seit jeher war er am stärksten ins Zuschauen geraten als Zeuge von einfachsten, undramatischen Vorgängen und Abläufen, etwa, wenn ein Regen stärker oder schwächer wurde, oder einfach vor sich ging; wenn der Schnee schmolz; wenn eine Lache langsam wegtrocknete."

    Diese, buddhistisch anmutende, Zuwendung zum Einfachen, Langsamen, Kleinen und Übersehenen ist der seelische Zielpunkt der arturischen Traumreise des weisen Apothekers. Am Ende fragt der Aufschreiber den Apotheker, ob er sich durch seine Geschichte verändert habe:

    "Er antwortete: 'Zwischendrin habe ich mir einmal geschworen, wenn ich je hierher zurückkäme, dann als ein anderer! Aber das einzige, was sich an mir scheint's geändert hat: ich habe größere Füße bekommen; mußte mir neues Schuhwerk kaufen.'"

    Das darf der Leser nun ernst nehmen oder auch nicht. Er kann es wörtlich verstehen und glauben, daß die Ruhe der Betrachtung selbst über den Anspruch gesiegt habe, sich zu läutern und zu verändern. Oder er mag es als Ironie verstehen und aus der Mitteilung des Apothekers, er habe sich nicht verändert, die Aufforderung entnehmen, die Veränderung selbst zu entdecken und auszusprechen. Auf jeden Fall aber wird der Leser am Ende ein weiteres Mal auf die Sinnsuche geschickt - wenn ihm dieses müßige Spiel mit den Hohlformen des Religiösen nicht einfach zu dumm wird.

    Peter Handke hatte in seinem Reisebericht aus Serbien die Würde der serbischen Sache in den jugoslawischen Sezessionskriegen der Schönheit der Dinge und Früchte des Landes entnommen: Alte Belgrader Messingtürklinken, serbischer Waldhonig und serbischer Wein schienen ihm dafür zu bürgen, daß die Kritik an der großserbischen Aggression gegen Bosnien einseitig und ungerecht sei. Es beunruhigt daher, solche Wahrnehmungsmuster nun in der Form eines Roman wiederzuentdecken. Ein Roman ist nur Spiel - sollte Handke mit seinen politischen Stellungnahmen also nur ein romanhaftes Spiel getrieben haben und die Welt in einem gigantischen literarischen Scherz vor den Kopf gestoßen haben? Oder nimmt er auch wörtlich, was er im Roman schreibt? Flüstert ihm vielleicht jedes Windgelispel im Gras eine geheime Botschaft zu?

    Wenn man sich diese Frage vorlegt, dann vernimmt man den Ton von Weisheit, Läuterung und Eingeweihtsein in diesem Buch nicht ohne leises Grauen. Einmal ist von den "aktuellen Kriegen" die Rede, und darunter hat man zweifellos auch die bosnische Schlächterei zu verstehen. Der Haupteinwand gegen diese Kriege, den Handkes Formulierung nahelegt, ist, daß sie Teil der Aktualität, Gegenstand der von Handke so verachteten Fernsehnachrichten sind. So als seien sie als "aktuelle" Kriege eben weniger wesentlich, wirklich und blutig als Kriege es normalerweise sind.

    Handkes privatsprachliches Erzählen setzt eine Absonderung von der Welt voraus, die der Poesie nur guttun kann und auch als moralische Haltung viel für sich hat. Die andere Seite dieser Absonderung aber ist ein Königtum Reich der Phantasie, das Züge der Grausamkeit nicht verleugnet. Das ist so kindlich wie das Selbstgespräch dessen, der sich alles selbst erzählt und die Leser nur wie zufällig mithören läßt. Es gibt derzeit keine Literatur, die - jenseits von allem politischen Meinungskampf - so viele moralische Fragen aufwirft wie die Handkes. Es ist, als sei ein Sensorium, welches das Sausen in Kiefernnadeln wahrnimmt, zu fein geworden für das grobe Leid der Welt.