Kommentar
Neue IOC-Präsidentin Coventry: Bach geht, sein Erbe bleibt

Die Wahl von Kirsty Coventry zur IOC-Präsidentin ist historisch. Aber sie ist vor allem ein Triumph für Thomas Bach, der seine Nachfolge geschickt gelenkt hat. Statt eines echten Neuanfangs droht dem IOC eine Fortsetzung seiner Ära unter neuem Namen.

Ein Kommentar von Matthias Friebe |
IOC-Präsident Thomas Bach gratuliert seiner Nachfolgerin Kirsty Coventry
Kirsty Coventry wird die erste Präsidentin des IOC, eine junge Frau aus Afrika. Für Thomas Bach ist das ein großer Sieg und eine Demonstration seiner Macht (picture alliance / ASSOCIATED PRESS / Thanassis Stavrakis)
Von Gottheiten war oft die Rede in diesen Tagen. Im antiken Olympia, dem Ort der olympischen Wurzeln vor 2800 Jahren, am Ort der Huldigung von Gottvater Zeus, versammelte sich das Internationale Olympische Komitee (IOC) zum ersten Mal zum Auftakt seiner Versammlung –, auf „heiligem Grund“, wie das Komitee selbst gerne sagt.
Was folgte war ein neuer Weltrekord an olympischem Pathos, mit dem man bei den Ringen sowieso niemals spart. Dieses Mal brauchte es die Versicherung durch die olympischen Götter aber besonders, denn in Griechenland ging es um eine historische Wahl zum höchsten Amt des Weltsports. Kirsty Coventry wird die erste Präsidentin, eine junge Frau aus Afrika.

Coventry war Bachs Wunschkandidatin

Die Wahl selbst fand nicht auf antikem Grund statt. Die handverlesenen gut 100 IOC-Mitglieder – gekrönte Häupter, Top-Funktionäre, Olympiasieger – versammelten sich standesgemäß in einem Fünf-Sterne-Resort am Meer, zwei Autostunden entfernt. Es ist ein elitärer und so exklusiver Kreis, der vielen der Mitglieder allein dadurch vermittelt, etwas Besseres zu sein.
Über allen thront seit zwölf Jahren der Deutsche Thomas Bach, von manchen sogar „IOC-Gottheit“ genannt, der sich im Sommer nach kurzer Übergangszeit verabschieden wird und an Coventry übergibt. Zwölf Jahre lang konnte Bach mehr oder weniger machen, was er wollte, ohne großen Widerspruch der Mitglieder und das gilt bis zuletzt. Auch einen letzten großen Gefallen haben sie ihm nicht verweigert. Bachs Wunschkandidatin wird seine Nachfolgerin.

Von Simbabwe an die IOC-Spitze

Für Thomas Bach ist das ein großer Sieg und eine Demonstration seiner Macht: Er hat das IOC so sehr modernisiert, dass zum ersten Mal eine Frau, noch dazu aus Afrika an der Spitze möglich ist. Sie, die Schwimm-Olympiasiegerin von 2004 und 2008, wird seine Ära fortführen. Das macht Bachs Triumph, den er als Sieg der olympischen Werte verkauft, noch größer.
In einem harten Wahlkampf hat sie sich durchgesetzt trotz aller Vorbehalte gegen sie als umstrittene Sportministerin ihres Heimatlands Simbabwe, trotz aller organisatorischen und rhetorischen Schwächen, die sie nun im Eiltempo überwinden muss. Präsident Nummer 10 ist Präsidentin Nummer 1, eine neue Ära beginnt, ob es die Ära nach Bach ist oder eher Bach 2.0, wird sich zeigen müssen.

Ein Präsident inszeniert sein Erbe

Der Deutsche schuf sein Denkmal schon vor ein paar Jahren: Auf seinen Vorschlag hin wurde das über 100 Jahre alte olympische Motto „höher-schneller-weiter“ um das Wort „communiter“ – „gemeinsam“ erweitert. Nichts zeigt so gut, wie Bach sich selbst in der olympischen Historie einordnet. Er versteht sich als Verteidiger der olympischen Einheit, des Friedens und Zusammenhalts.
Das ihm treu ergebene IOC verbindet sein Erbe zudem mit der sogenannten Olympischen Agenda. Durch sie versuchte Thomas Bach die Bewegung in die neue Zeit zu bringen. Mehr Einsatz für Nachhaltigkeit, weniger Gigantismus, Geschlechtergerechtigkeit, Offenheit für Digitales und künstliche Intelligenz, wo ihm durchaus Erfolge zuzuschreiben sind.
Vom deutschen Fecht-Olympiasieger von 1976 bleibt aber auch, dass er das hochpolitische Spiel mit den Mächtigen der Welt einging wie kein IOC-Präsident zuvor. Ab Sommer wird er dann Ehrenpräsident sein. Das wurde ihm vor Coventrys Wahl, begleitet von einer ganzen Stunde lang Lobesreden, verliehen. Es war eine Huldigung im wörtlichen Sinne. So wie man mit vermeintlichen Gottheiten eben umgeht.
Matthias Friebe (Deutschlandfunk – Aktuelles, freier Mitarbeiter)
Matthias Friebe, Jahrgang 1987, Journalist, studierte Neuere und Neueste Geschichte, Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Münster und Duisburg-Essen. Volontariat bei domradio.de und Ausbildung an der Journalistenschule ifp in München. Danach arbeitete er als Moderator und Redakteur für WDR, Deutschlandfunk und domradio.de. Heute ist er Redakteur in der Sportredaktion des Deutschlandfunks.