A Falsch... Ganz falsch!
B Ach so?
A Nämlich
A Er hat sich aus den Gewitterwolken, den ewigen, wandelbaren, wandelnden ge-löst.... als eine elektrische Ballung von 55 Jahren Energie...
B Sie haben recht. Nicht grundlos läßt Wolfgang Schlüter sein wunderbar leichtfü-ßiges Buch "John Field und die Himmels-Electricität” mit einer eigenen Schöp-fungsgeschichte anheben.
A denn siehe, im anfange war alles ohne laut. (...) dann aber, weil immer eine rei-bung zwischen ens und non ens, in einem infenistesimalen komma, breitete sich eine sinusschwingung aus. (...) das ergab eine schwebung, einen linearen pfeif-ton.und dieser jagte (...) durch das (...) universum mit unablässigem schrillen.
B also schuf der schall die materie
A weil aber, im anfange, laßt mich erzählen, auf den kristallinen schiefern des prä-kambriums (...) kein ton noch klang, höchstens ein holes sausen (...) und allen-falls ein allerleises augen...
B ...dekliniert der Dichter eine Evolution der Geräusche in Töne und Klang...
A ...die flüsternden nadelgehölze, pflückt mit käendem rufen (...) auch das brum-men der riesenwespe...
B ...während er Zuhause den Plattenspieler aufstellen muß, um John Fields Musik überhaupt lauschen zu können...
A ... zum glucksen und gurgeln der schmelzwasser im frühling (...) auch quietschen schon kleine säuger...
B ... die alpen gefaltet, im tertiär vor dreiunddreißig (...) mal tausend mal tausend jahren, bis, zu enden die gesegneten, die menschenlosen äonen, jetzt schließlich, zwischen nashorn und mammut...
A SCHNITT!
B (als Rolle) Komm rein, John, üben!
A (als Rolle) Ich kann nicht, Frau Mutter.
B (als Rolle) Warum nicht? Komm rauf jetzt!
A (als Rolle) So seh sie doch, Frau Mutter!
B (als Rolle) ei was denn?
A (als Rolle) so seh sie doch: die wolken!
A duftig schweifender cirrus, wolken graublau blaßviolett elfenbein über klassizistischem sandstein, die georgianische stadt goldbacken in der abendsonne. dann wieder wild hinfahrende bänder flecken kränze ballen und klumpen aus weiß und grau
B Darinnen warten Blitze... Ein jedes Gewitter ist Übertragung von Musik in Materie.
A musik tarnt sich als materia in jeder möglichen gestalt
B So daß die Person John Fields gleichzeitig Person und Metapher ist für jeden an-deren, durch den Musik in die Welt strömt: "ein elektromagnetisches f(i)eld”
A und wie aus einer dicken unbeweglichen wolke blitze schießen, so rast aus ihm der inventionistische furor
B Ironisch und elegant verknüpft Schlüter die biografischen Daten seines Helden mit Berichten seinerzeitiger Blitz-Vorkommnisse... wohin immer John Field auch reist, ob als 9jähriger von Irland nach Bristol, ob nach London, ob später nach Rußland, immer treten in seiner unmittelbaren Nähe die bizarrsten Gewitter-Schläge auf.
A sein weiches, verträumtes gesicht hatte den sanften elfenbeinton alter klaviertasten
B Das ist die zweite Erstaunlichkeit an diesem poetischen Text: So metaphorisch er auch dahinspielt, so konkret wirkt die Gestaltung der Einzelperson... Wir können John Field sehen, ja riechen... gerade das macht ihn zu einem Träger der musik-philosophischen Ideen Schlüters. Die übrigens nicht nur in den nachgestellten Re-flexifpronomen Adornos Mahler-Bild ähneln.
A ...field, im pelzbesetzten morgenmantel, wie oblomow auf dem kanapee: lässig, indolent, vom alkohol aufgeschwemmt...
B ...verquollen wie ein cumulus...
A ...apotheose des müßiggangs, dann schwerfällig sich erhebend, seufzend, uff dann wolln wir mal wieder, den tasten futter geben.
B Collage als Poesie: In britischem Understatement nennt Schlüter sein kleines Werk "Skizzen”. In dieses Wort kleidet sich ein poetisches Amalgam aus Doku-menten Imaginationen experimentellen Prosagedichten... Wie etwa Field be-schrieben wird über das Interieur seiner Wohnung, in die unvermittelt, als wäre es Mobiliar, das Draußen mit hereingenommen wird:
A fields räumlichkeit: ein großes zimmer, weiße tapeten mit blattranken und grünen palmetten, schlichter holzdielenboden aus finnischer birke, kein teppich. draußen schneetreiben. mehrere flache diwane, auf denen kissen zuhauf ...
B Und welch eine traurige anmaßende Geschichte... mit welchem leid sie anhebt, die schikanösen - in leise anatomischem Sadismus beschriebenen - Klavierübun-gen des Jungen, der mit 8 bereits in die Lehre kommt, mit 9 sein erstes Konzert gibt...
A ein deprimierter, verschüchterter, einsamer junge mann: schlaksig, armselig ge-kleidet, allein des englischen fähig
B So kommt er mit 20 nach Petersburg, wo er 30 Jahre lang leben und fortan also als russischer Pianist gelten wird. Ach ja, Petersburg:
A russisches venedig aus den karelischen sümpfen gestampft, architektonischer sumpffiebertraum von bröckelnden palazzi und blätterndem ikonengold. gondel und knute, kanäle im schneegestöber, popen und schlittenwölfe...
B Auch dies lernen wir sehen bei Schlüter.
A es käme darauf an, nicht musik als natursprache sondern natur als musiksprache zu lesen.
B Field wird berühmt und beginnt ein exzessives ausschweifendes Leben. Er verfettet, ist faul. Aber doch!: ...sieht er Wolken, dann spürt er die Himmels-Elektri-zität...
A ...zum sitzen braucht er ein gummigefülltes spezialkissen aus leder, wie ein schwimmring geformt...
B ... und komponiert gegen die Schmerzen an...
A ...echo des donners in rollenden grollenden sextolen als bild der flatulenz im ge-folge von fields darmkrankheit...
B Zeit seines Lebens ist Field von Kugelblitzen und Elmsfeuern umgeben, von Kindheit an leuchten Gegenstände um ihn her elektrostatisch auf. Ist es mehr als pure Analogie, daß das Krankenhaus Neapels, in dem Field schwer darniederliegt und der Tod sich bereits ankündigt, San Elmo heißt?!
A Siehe, er kommet mit den Wolken.
B Vor dem Schluß des Buches nimmt Schlüter seinen Helden in das strömende Kontinuum der Musikschöpfung zurück... Der Tonabnehmer hat sich dem Ende der Platte genähert, ein Knistern noch... Knistern wie von sich ankündigenden Blitzen, Aufladungen, - wie? Ja?
A Am 23. Januar 1837 schließt John Field für immer die Augen.
B die einmalig aufleuchtende evidenz einer musikalischen gestalt als epiphanie, wo gibt es heute noch elmsfeuer oder kugelblitze?
B "John Field oder die Himmels-Electricität”des Dichters Wolfgang Schlüter ist, Polyhymnia sei Dank, bei Eichborn-ohne-Fliege, nämlich in Berlin, erschienen und kostet 32 DM.
A und gott sprach, es werde hörbar, das pneuma, wenn die stehende Luftsäule in der er beim auszug aus ägypten voranging in einem gestreckten hohlkörper (...) hoch-rot die backen geplustert (...) der große bums big bang der urkrach (...) denn die seraphim und mahanaim (...) brüllen gegen einen lärm an, einen komischen radau (...) man knipst den sub-woofer an, (...) mit’m dicken schlegel ins becken ram-meln (...) da kommt die sau raus, hau druff auf die 1, und’n keyboard (...) affen-geil, ‘türlich immer uff’n grundton (...) i wonna get your love (...) lucifer luceat in tenebris
B an die reeling gelehnt das stille wesen der wolken mit gelassen schwermütigem blick.... (verklingt, den "schwermütigen blick” elektronisch verhallen lassen)
B Ach so?
A Nämlich
A Er hat sich aus den Gewitterwolken, den ewigen, wandelbaren, wandelnden ge-löst.... als eine elektrische Ballung von 55 Jahren Energie...
B Sie haben recht. Nicht grundlos läßt Wolfgang Schlüter sein wunderbar leichtfü-ßiges Buch "John Field und die Himmels-Electricität” mit einer eigenen Schöp-fungsgeschichte anheben.
A denn siehe, im anfange war alles ohne laut. (...) dann aber, weil immer eine rei-bung zwischen ens und non ens, in einem infenistesimalen komma, breitete sich eine sinusschwingung aus. (...) das ergab eine schwebung, einen linearen pfeif-ton.und dieser jagte (...) durch das (...) universum mit unablässigem schrillen.
B also schuf der schall die materie
A weil aber, im anfange, laßt mich erzählen, auf den kristallinen schiefern des prä-kambriums (...) kein ton noch klang, höchstens ein holes sausen (...) und allen-falls ein allerleises augen...
B ...dekliniert der Dichter eine Evolution der Geräusche in Töne und Klang...
A ...die flüsternden nadelgehölze, pflückt mit käendem rufen (...) auch das brum-men der riesenwespe...
B ...während er Zuhause den Plattenspieler aufstellen muß, um John Fields Musik überhaupt lauschen zu können...
A ... zum glucksen und gurgeln der schmelzwasser im frühling (...) auch quietschen schon kleine säuger...
B ... die alpen gefaltet, im tertiär vor dreiunddreißig (...) mal tausend mal tausend jahren, bis, zu enden die gesegneten, die menschenlosen äonen, jetzt schließlich, zwischen nashorn und mammut...
A SCHNITT!
B (als Rolle) Komm rein, John, üben!
A (als Rolle) Ich kann nicht, Frau Mutter.
B (als Rolle) Warum nicht? Komm rauf jetzt!
A (als Rolle) So seh sie doch, Frau Mutter!
B (als Rolle) ei was denn?
A (als Rolle) so seh sie doch: die wolken!
A duftig schweifender cirrus, wolken graublau blaßviolett elfenbein über klassizistischem sandstein, die georgianische stadt goldbacken in der abendsonne. dann wieder wild hinfahrende bänder flecken kränze ballen und klumpen aus weiß und grau
B Darinnen warten Blitze... Ein jedes Gewitter ist Übertragung von Musik in Materie.
A musik tarnt sich als materia in jeder möglichen gestalt
B So daß die Person John Fields gleichzeitig Person und Metapher ist für jeden an-deren, durch den Musik in die Welt strömt: "ein elektromagnetisches f(i)eld”
A und wie aus einer dicken unbeweglichen wolke blitze schießen, so rast aus ihm der inventionistische furor
B Ironisch und elegant verknüpft Schlüter die biografischen Daten seines Helden mit Berichten seinerzeitiger Blitz-Vorkommnisse... wohin immer John Field auch reist, ob als 9jähriger von Irland nach Bristol, ob nach London, ob später nach Rußland, immer treten in seiner unmittelbaren Nähe die bizarrsten Gewitter-Schläge auf.
A sein weiches, verträumtes gesicht hatte den sanften elfenbeinton alter klaviertasten
B Das ist die zweite Erstaunlichkeit an diesem poetischen Text: So metaphorisch er auch dahinspielt, so konkret wirkt die Gestaltung der Einzelperson... Wir können John Field sehen, ja riechen... gerade das macht ihn zu einem Träger der musik-philosophischen Ideen Schlüters. Die übrigens nicht nur in den nachgestellten Re-flexifpronomen Adornos Mahler-Bild ähneln.
A ...field, im pelzbesetzten morgenmantel, wie oblomow auf dem kanapee: lässig, indolent, vom alkohol aufgeschwemmt...
B ...verquollen wie ein cumulus...
A ...apotheose des müßiggangs, dann schwerfällig sich erhebend, seufzend, uff dann wolln wir mal wieder, den tasten futter geben.
B Collage als Poesie: In britischem Understatement nennt Schlüter sein kleines Werk "Skizzen”. In dieses Wort kleidet sich ein poetisches Amalgam aus Doku-menten Imaginationen experimentellen Prosagedichten... Wie etwa Field be-schrieben wird über das Interieur seiner Wohnung, in die unvermittelt, als wäre es Mobiliar, das Draußen mit hereingenommen wird:
A fields räumlichkeit: ein großes zimmer, weiße tapeten mit blattranken und grünen palmetten, schlichter holzdielenboden aus finnischer birke, kein teppich. draußen schneetreiben. mehrere flache diwane, auf denen kissen zuhauf ...
B Und welch eine traurige anmaßende Geschichte... mit welchem leid sie anhebt, die schikanösen - in leise anatomischem Sadismus beschriebenen - Klavierübun-gen des Jungen, der mit 8 bereits in die Lehre kommt, mit 9 sein erstes Konzert gibt...
A ein deprimierter, verschüchterter, einsamer junge mann: schlaksig, armselig ge-kleidet, allein des englischen fähig
B So kommt er mit 20 nach Petersburg, wo er 30 Jahre lang leben und fortan also als russischer Pianist gelten wird. Ach ja, Petersburg:
A russisches venedig aus den karelischen sümpfen gestampft, architektonischer sumpffiebertraum von bröckelnden palazzi und blätterndem ikonengold. gondel und knute, kanäle im schneegestöber, popen und schlittenwölfe...
B Auch dies lernen wir sehen bei Schlüter.
A es käme darauf an, nicht musik als natursprache sondern natur als musiksprache zu lesen.
B Field wird berühmt und beginnt ein exzessives ausschweifendes Leben. Er verfettet, ist faul. Aber doch!: ...sieht er Wolken, dann spürt er die Himmels-Elektri-zität...
A ...zum sitzen braucht er ein gummigefülltes spezialkissen aus leder, wie ein schwimmring geformt...
B ... und komponiert gegen die Schmerzen an...
A ...echo des donners in rollenden grollenden sextolen als bild der flatulenz im ge-folge von fields darmkrankheit...
B Zeit seines Lebens ist Field von Kugelblitzen und Elmsfeuern umgeben, von Kindheit an leuchten Gegenstände um ihn her elektrostatisch auf. Ist es mehr als pure Analogie, daß das Krankenhaus Neapels, in dem Field schwer darniederliegt und der Tod sich bereits ankündigt, San Elmo heißt?!
A Siehe, er kommet mit den Wolken.
B Vor dem Schluß des Buches nimmt Schlüter seinen Helden in das strömende Kontinuum der Musikschöpfung zurück... Der Tonabnehmer hat sich dem Ende der Platte genähert, ein Knistern noch... Knistern wie von sich ankündigenden Blitzen, Aufladungen, - wie? Ja?
A Am 23. Januar 1837 schließt John Field für immer die Augen.
B die einmalig aufleuchtende evidenz einer musikalischen gestalt als epiphanie, wo gibt es heute noch elmsfeuer oder kugelblitze?
B "John Field oder die Himmels-Electricität”des Dichters Wolfgang Schlüter ist, Polyhymnia sei Dank, bei Eichborn-ohne-Fliege, nämlich in Berlin, erschienen und kostet 32 DM.
A und gott sprach, es werde hörbar, das pneuma, wenn die stehende Luftsäule in der er beim auszug aus ägypten voranging in einem gestreckten hohlkörper (...) hoch-rot die backen geplustert (...) der große bums big bang der urkrach (...) denn die seraphim und mahanaim (...) brüllen gegen einen lärm an, einen komischen radau (...) man knipst den sub-woofer an, (...) mit’m dicken schlegel ins becken ram-meln (...) da kommt die sau raus, hau druff auf die 1, und’n keyboard (...) affen-geil, ‘türlich immer uff’n grundton (...) i wonna get your love (...) lucifer luceat in tenebris
B an die reeling gelehnt das stille wesen der wolken mit gelassen schwermütigem blick.... (verklingt, den "schwermütigen blick” elektronisch verhallen lassen)