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"Junger Bildungskongress" in Berlin
Viele Ideen für ein gerechteres Bildungssystem

Von Susanne Arlt |
    Die Mitglieder des Vereins "Was bildet ihr uns ein?" wollen vor allem eins erreichen: mehr Gerechtigkeit für Bildungsbetroffene. Dazu zählen Kindergartenkinder und Schüler, aber auch Eltern und Lehrer. Der Kongress soll ihnen eine Stimme zu geben, sagen die Vereinssprecher Susanne Czaja und Lukas Daubner. Und ihre Kritik und Ideen dürfen realistisch sein, gerne aber auch idealistisch, findet Daubner.
    "Die Hoffnung ist, dass die Bildungsrevolution angeschoben wird durch unseren Kongress. Und viele junge Menschen von selbst, also von sich aus in ihre Schulen und in ihre Unis zurückgehen und dort die Dinge verändern."
    Um das zu erreichen, braucht es aber vor allem eins: Partizipation - eines der Hauptthemen beim Bildungskongress. Welche Mittel haben heutzutage Schülerinnen und Schüler, um an ihrer Schule aktiv zu werden. Und wie wird beziehungsweise sollte Beteiligung schon in den Kindertagesstätten gelehrt und gelernt werden.
    Susanne Czaja: "Wenn wir auch später solche Themen wie Demokratieentwicklung, Wahlbeteiligung, aber auch Partizipation an Schulen anschauen, wie sollen denn Schüler an Schulen erfolgreich partizipieren können, ihren Raum einnehmen, ihre Stimme erheben, wenn sie das nicht schon im frühen Kindesalter gelernt haben?"
    Ein weiteres Thema auf dem Kongress: die Verquickung von Wissenschaft und Wirtschaft. Wie sinnvoll ist es, dass Wirtschaftsunternehmen dort immer mehr Raum bekommen und mitmischen? Daniel Knohr ist Student an der Hochschule für Wirtschaft und Technik in Berlin. Die HTW sei deutlich stärker auf Unternehmen angewiesen als die großen Universitäten, sagt er. Der Grund dafür sei der hohe Praxisbezug, den die Hochschule anstrebt. So kann man schon während seines Studiums gute Kontakte zu potenziellen Arbeitgebern knüpfen, sagt Daniel Knohr. Für die Lehre findet er diesen engen Zusammenschluss aber problematisch.
    "Wir haben zum Beispiel an jedem Studiengang Beiräte gegründet, wo Wirtschaftsunternehmen Mitglieder sind in diesem Beirat, der so ein bisschen bestimmt, wo die Richtung des Studiengangs hingeht. Halte ich für schwierig, weil dadurch die Einflussnahme von Wirtschaftsunternehmen sehr sehr groß wird, auch was den einzelnen Studiengang und die einzelnen Curricula angeht."
    Die Verquickung von Hochschule und Wirtschaft sieht auch Marius Braun kritisch. Er studiert an der Cusanus-Hochschule Ökonomie und Gesellschaftsgestaltung.
    "Wenn sie immer mehr dahin abdriftet, Arbeitskräfte für den Arbeitsmarkt zu liefern, die dann Wirtschaftswachstum generieren sollen, damit es allen besser geht. Dann ist das fragwürdig, weil einfach dieses Ziel, Wirtschaftswachstum, fragwürdig ist in meinen Augen und immer mehr wird."
    Am Ende lautet darum eine Forderung der Teilnehmer: Eine unabhängige Ethikkommission, die jede geplante Kooperation zwischen Hochschule und Wirtschaft prüft und dann entscheidet, ob sie zulässig ist oder nicht. Und künftig sollten 40 Prozent der eingeworbenen Drittmittel ganz allgemein in die Lehre fließen und nicht in bestimmte Veranstaltungen beziehungsweise Lehrstühle. Das alles klingt idealistisch - aber ist es auch realistisch?
    "Es ist klar, dass wir nicht von heute auf morgen das Bildungssystem komplett verändern werden, zumal wir ja eine föderale Struktur haben. Das ist unrealistisch. Aber was wir vielleicht erreichen können ist doch, dass junge Menschen als relevanter Akteur mal wahrgenommen werden. Man könnte ja mal überlegen, ob nicht ein nationaler Bildungsrat etwas sein könnte, wo auch junge Menschen einen festen Sitz haben und immer mit konsultiert werden, bevor große Entscheidungen getroffen werden."
    Ihre Vorschläge und Ideen für ein gerechteres Bildungssystem haben die 240 Kongressteilnehmer auf kleinen Karteikarten formuliert. Sie sollen - symbolisch verpackt in einer Schultüte - der Berliner Bildungssenatorin Sandra Scheeres überreicht werden. Ganz sicher steckt in dieser Tüte mehr Sauers als Süßes.