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Klar und einfach

Mobilität.- Auf dem Feld der Betriebssysteme für Smartphones spielt Microsoft allenfalls eine Nebenrolle. Hier dominieren Apples iPhone und Googles Android-System den Markt. Doch nun will Microsoft angreifen: mit Windows Phone 7.

Von Po Keung Cheung |
    Einfach, schnell, schick, so sieht Microsoft sein neues Betriebssystem "Windows Phone 7". Und in der Tat: Anders als beim altbackenen Vorgänger mit seinen viel zu kleinen und verschachtelten Menüpunkten wirkt die neue Oberfläche nicht nur aufgeräumt, sondern auch modern. Hübsch animierte Menüs, die der Fingerbewegung folgen, ein Startbildschirm mit großen Touch-Feldern, die nicht nur nach Belieben angeordnet werden können, sondern auch auf einen Blick wichtige Informationen liefern. Der Leiter der Microsoft-Handysparte Achim Berg:

    "Sie können, wenn Sie das Telefon einschalten, sofort sehen: Wie viele Mails haben ich bekommen? Wo sind meine Termine? Wer hat mich angerufen? Habe ich eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter? Sie müssen keine Taste drücken, gar nichts, sondern sie haben sogenannte Kacheln, wir nennen sie Live Tiles, die sich automatisch updaten und diese Funktionen zeigt ihnen das Telefon auf einen Blick, das ist die Neuigkeit."

    Auf solche Neuigkeiten hat wohl niemand mehr gewartet als Achim Berg selbst. Schließlich wurde er erst Anfang Mai von Microsoft-Chef Steve Ballmer höchstpersönlich aus seinem Stuhl des Leiters der Deutschlandzentrale in die USA geholt, um der kränkelnden Abteilung auf die Sprünge zu helfen. Zu diesem Zeitpunkt wurde bereits gut ein Jahr an "Windows Phone 7" gearbeitet. Keine Weiterentwicklung der veralteten Plattform, sondern ein völlig neues System. Unterdessen konnten die Konkurrenten iPhone und vor allem Android davon ziehen. Dennoch sieht sich Achim Berg nicht auf verlorenem Posten.

    "Bei den ganzen Prognosen sage ich mal: Schaun mer mal. Der Markt ist so fragil und noch nicht so gesetzt, dass Player mit guten Produkten eine Riesenchance haben werden, also dieser Markt ist noch längst nicht gesetzt. Wer das glaubt, der könnte sich unter Umständen massiv irren."

    Geirrt hatte sich aber zunächst Microsoft. Lange Zeit verschlief das Unternehmen den rasanten Trend hin zu mobilen Alleskönnern mit großen Touchdisplays, den Smartphones, mit denen man nicht nur telefonieren, sondern auch E-Mails abrufen, im Internet surfen und nützliche Zusatzfunktionen durch sogenannte "Apps" nutzen kann. Stattdessen hielt es lange am antiquierten Vorgängersystem fest, das auf einer Plattform aus 2002 basiert. Auch die Anfang vergangenen Jahres veröffentlichte Version 6.5 entpuppte sich als Notlösung. Zwar wurden einige Menübuttons vergrößert, aber am grundsätzlichen alten Bedienkonzept nichts verändert. Auch der neu eingeführte App-Store, Marketplace genannt, brachte ein eher mageres Angebot. Der Zug schien also abgefahren, doch nun holt Microsoft zum Gegenschlag aus. Und die Vorschusslorbeeren lassen nicht lange auf sich warten. Die meisten Experten sind positiv überrascht, so auch der Europa-Chef des Geräteherstellers HTC, Florian Seiche.

    "Hier sehen wir wirklich Innovation "hand in hand", wir können unsere Innovationskraft mit auf der Hardwareseite einbringen. Und gerade den Ansatz, dass ich mein Handy personalisieren kann, das ist ja einer unserer Grundpfeiler, die eingeführt haben, und wir sehen das genauso hier, und deshalb bin ich begeistert."

    Allerdings gibt es bei genauerer Betrachtung doch noch Anlass zur Kritik: Bei "Windows Phone 7" ist Multitasking nur eingeschränkt und "Copy and Paste" gar nicht möglich, jedenfalls in der aktuellen Fassung nicht. Zumindest letztgenanntes will Microsoft per Update nachliefern. Ohnehin wird sich auch beim Thema Systempflege zeigen, ob das Unternehmen aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt hat. Davon hängt das Überleben auf diesem Markt ab.

    Dirk Ellenbeck, Sprecher des Netzbetreibers Vodafone, ist optimistisch und sieht einen entscheidenden Vorteil von Windows: Die Kompatibilität mit den meisten PCs. Schließlich ist der Datenaustausch mit Büro- und Heimrechnern eine wichtige Funktion.

    "Mit Windows arbeiten nun mal viele auch in ganz anderen Bereichen, nämlich mit ihrem Desktop- oder mit ihrem Notebook-PC und wenn sich ein Gerät wie das Windows Phone 7 wunderbar damit verträgt und sehr, sehr gut synchronisieren lässt und sich Services und Dienste wie beispielsweise XBOX oder auch Microsoft Office hervorragend mit einem Windows Phone 7 synchronisieren und verbinden lassen, dann kann sich so ein Trend ganz schnell auch wieder umkehren, zugunsten von Microsoft in diesem Fall."

    Ob "Windows Phone 7" tatsächlich der große Wurf ist, wird aber letztlich der Nutzer entscheiden. Wer erst einmal zu einer anderen Plattform gewechselt und zufrieden ist, bleibt dort auch erst einmal. Nicht umsonst lautet eine Verkaufsregel: Es ist einfacher, zehn Kunden zu verlieren, als einen zu gewinnen. Die Aufholjagd beginnt, Verkaufsstart ist am kommenden Donnerstag.