Klavierduo EnsariSchuch spielt Bach und Balcı
„Ahnung von Unendlichkeit“

Beim Raderberkonzert in Köln trafen Barock und Gegenwart in der Musik von Johann Sebastian Bach und des türkischen Komponisten Oğuzhan Balcı aufeinander. Warum Bachs Klangwelt stellenweise wenig Emotion in ihr auslöse, erzählt die Pianistin Gülru Ensari im Dlf.

Am Mikrofon: Sylvia Systermans |
Ein Klavierduo, ein Streichquartett und ein Kontrabassist musizieren auf einer blau erleuchteten Bühne vor einer holzvertäfelten Wand. Hinter ihnen hängt ein Banner mit der Aufschrift "Raderberg Konzerte".
Das Duo EnsariSchuch musizierte gemeinsam mit dem Minguet Quartet und dem Kontrabassisten Johannes Seidl im Deutschlandfunk Kammermusiksaal. (Thomas Kujawinski)
Nach dem beschwingten Auftakt seines c-Moll-Doppelkonzerts in der Version für zwei Klaviere und Streicher folgten beim 6. Raderberkonzert Choralvorspiele aus dem Orgelbüchlein von Johann Sebastian Bach.

Kurtág-Transkriptionen zu Choralvorspielen von Bach

Laut dem Komponisten ist das Büchlein eine Anleitung für angehende Organisten „auff allerhand Arth einen Choral durchzuführen“. In Wahrheit versammelt es Meisterwerke, bei denen der Bach-Forscher Christian Wolff die „dichte motivische Struktur und kontrapunktisches Raffinement“ hervorhebt, „in Verbindung mit einer kühnen und ausdrucksstarken musikalischen Sprache sowie subtiler musikalisch-theologischer Textausdeutung“.
Der 1926 geborene ungarische Komponist György Kurtág hat einige der Choralvorspiele für Klavier zu vier Händen transkribiert. Beim Raderberkonzert am 18. März breitete sich eine fast meditative Stille aus, als Gülru Ensari und Herbert Schuch vier dieser Kurtág-Arrangements an zwei Klavieren spielten.
Ein Klavierduo musiziert auf einer blau erleuchteten Bühne vor einer holzvertäfelten Wand. Von der Decke hängt ein Banner mit der Aufschrift "Raderberg Konzerte".
Entdeckten erst als Ehepaar das gemeinsame Klavierspielen für sich: Gülru Ensari und Herbert Schuch. (Thomas Kujawinski)
Herbert Schuch: „Bei Bach ist es ja auf der einen Seite so, dass das unglaublich durchdachte Musik ist. Aber auf der anderen Seite strahlen gerade die geistlichen Werke oft auch eine Ahnung von einer Unendlichkeit oder von einer Unfassbarkeit aus, die Bach eben so toll in Musik fassen konnte.“
Der christliche Glaube war für Johann Sebastian Bach unverrückbarer Kern seines Schaffens. Gerade darum sucht Gülru Ensari, aufgewachsen in der Türkei in einer westlich, aber nicht christlich orientierten Familie, einen anderen Zugang zu Bachs Choralvariationen:
„Zum Beispiel bei dem Stück ‚Christum wir sollen loben schon‘: Mit dem Namen kann ich natürlich gar nichts anfangen. Ich würde das gerne wirklich löschen, bevor ich anfange zu spielen. Und dann haben wir entschieden, dass wir ‚Christum‘ mit ‚Bach‘ tauschen und dann geht es schon viel besser. Hier wird etwas gesagt, wird gesprochen, da kommt so eine Sprache mit einer sehr tiefen Aussage dahinter. Aber eben das breitet in meinem Körper keine Emotionen [aus]. Und muss auch nicht. Nicht alles hat mit Emotionen zu tun.“

Uraufführung mit persönlichem Bezug

Neben Bachs Passacaglia und Fuge c-Moll in einem Arrangement für zwei Klaviere aus dem 19. Jahrhundert von Isidore Philipp und Bachs Konzert für 2 Klaviere und Streicher c-Moll, BWV 1062 präsentierte das Duo EnsariSchuch auch eine Uraufführung:
„Bilinmez“ – Das Unbekannte –, ein neues Werk für zwei Klaviere, Streichquartett, Kontrabass, Kanun und Oud von Oğuzhan Balcı. Gülru Ensari und ihre Familie kennen den türkischen Komponisten seit vielen Jahren. Er war Geigenschüler am staatlichen Konservatorium für Türkische Musik der Technischen Universität in Istanbul, in einer Klasse, in der Gülru Ensaris Mutter als Korrepetitorin arbeitete.
Dass das Auftragswerk „Bilinmez“ ein persönliches Stück für die Pianistin wurde, darauf deutet der Untertitel des ersten Satzes hin „Lamento für Efruz“. Günru Ensari:
„Bei der ersten Probe sind mir gleich Tränen runtergelaufen. Dieser erste Satz ist ein Lament für meine Oma. (...) Es war ein sehr abrupter Tod tatsächlich von ihr. Und es war schon ein Schock für meine Familie. Das ist mir deswegen noch extra nahe.“
Ein Kanun-Spieler, ein Oud-Musiker, ein Klavierduo, ein Streichquartett und ein Kontrabassist musizieren auf einer blau erleuchteten Bühne vor Publikum
Die Uraufführung des Werkes „Bilinmez“ von Oğuzhan Balcı am 18. März 2025: Gülru Ensari und Herbert Schuch, gemeinsam mit Serkan Mesut Halili (Kanun), Enver Mete Aslan (Oud), dem Minguet Quartett und dem Kontrabassisten Johannes Seidl. (Thomas Kujawinski)
Für Herbert Schuch war das Werk mit seiner Mikrotonalität, seinen ungeraden Rhythmen und der ungewöhnlichen Form dagegen nicht so leicht zugänglich. Aber für den in Rumänien in eine deutschsprachige Familie geborenen Pianisten und seine Kollegin Gülru Ensari gehört es zum künstlerischen Selbstverständnis, sich immer wieder dem Fremden, Unvertrauten aus dem jeweils anderen Kulturkreis zu stellen. Gülru Ensari:
„Das ist auch eine Arbeit an uns selbst. Und dadurch kommen wir in Kontakt mit uns und dann mit dem Quartett und mit den türkischen Musikern und dann auch mit dem Publikum. Es fängt alles bei sich an.“
6. Raderbergkonzert Saison 2024/25
Aufnahme vom 18. März 2025 aus dem Deutschlandfunk Kammermusiksaal, Köln
Johann Sebastian Bach
Konzert für 2 Klaviere und Streicher c-Moll, BWV 1060

Johann Sebastian Bach/arr. György Kurtág
Choralvorspiele, bearbeitet für Klavier vierhändig
„Christum wir sollen loben schon“, BWV 611
„O Lamm Gottes, unschuldig“, BWV 618
„Christe, du Lamm Gottes“, BWV 619
„Ach wie nichtig, ach wie flüchtig“, BWV 644

Johann Sebastian Bach/arr. Isidore Philipp
Passacaglia und Fuge für Orgel c-Moll, BWV 582
bearbeitet für zwei Klaviere

Johann Sebastian Bach
Konzert für 2 Klaviere und Streicher c-Moll, BWV 1062

Oğuzhan Balcı
Bilinmez (Das Unbekannte) für zwei Klaviere, Streichquartett, Kontrabass, Kanun und Ud
Uraufführung

Klavierduo EnsariSchuch:
Gülru Ensari, Klavier
Herbert Schuch, Klavier

Minguet Quartett:
Ulrich Isfort, Violine
Annette Reisinger, Violine
Aida-Carmen Soanea, Viola
Matthias Diener, Violoncello

Serkan Mesut Halili, Kanun
Enver Mete Aslan, Ud
Johannes Seidl, Kontrabass