Quer durch Deutschland, vom Rhein bis an die Elbe, reist Lorenz Schröter mit seinem Esel dem zottigen Tier ein stets warmherziger, manchmal auch kopfschüttelnder, selten aufgebrachter Freund. Seite an Seite erwandern Bella und der Autor die Welt zwischen Horbruch, einem Kaff im Hunsrück, und Friedensweiler, irgendwo an der Elbe hinter Magdeburg. Dazwischen liegen Hunsrück, Westerwald, Taunus und Harz, liegen Buchholz, Boppard, Neuhäusel, Holzappel, Arfurt, Tiefenbach, Gisselberg, Neustadt in Hessen, Hauptschwenda und andere Orte, deren Namen, wie wir sofort zugeben, in den allermeisten Fällen noch nie gehört haben. Wir kennen Deutschland aus einem anderen, schnelleren, abstrakteren Blickwinkel aus, von Autobahnen wie der A7 oder A8, von Schnell- und Umgehungsstraßen oder vom trägen Blick aus dem Fenster eines ICE. Der Autor schreibt:
„Es geht um das Erlebnis einer Reise. Wenn jemand Rio de Janeiro sehen will, steigt er in ein Flugzeug und ist zwanzig Stunden später da. Dann fliegt man ieder zurück und hat Rio gesehen. ... Wer mit dem Auto oder der Bahn fährt, sieht die Landschaft so ermüdend vorbeiziehen, als ob er träumend in einen tiefen Schacht fällt, und um einen flirrt die Umgebung, Geschwindigkeit verwandelt die Landschaft in eine Tapete.“
Diese Haltung erinnert an die des legendären Spaziergängers von Syrakus, der zu Fuß nach London marschierte. Er verteidigte den Schritt als das humane Maß der Fortbewegung. Schon im Morgenlicht beginnender Industrialisierung, also lange vor Concorde und Consorten, war das aufziehende Unheil spürbar, war erahnbar, daß der Transport durch Maschinen einen Angriff auf das Biotop menschlicher Existenz darstellt. Heute bewegen wir uns gewissermaßen berührungslos durch Raum und Zeit, erreichen bequem fast jeden erdenklichen Ort der Erde; aber der Preis dafür ist die Einebnung und die zunehmende Gleichförmigkeit der Welt. Der Raum ist eben nicht bloß lästig und darum etwas, das überwunden gehört, er trägt vielmehr seine Bedeutung in sich. Wer den Raum vernichtet, vernichtet den Sinn von Bewegung.
Vor diesen Hintergrund, der weniger einen antizivilisatorischen Affekt bbezeugt, denn eine charmante, in den Gehwerkzeugen und nicht der Theorie verankerte Lebensklugheit, hat sich Schröter dafür entschieden, Deutschland langsam zu erwandern und tatsächlich schafft man mit Langsamkeit den größtmöglichen Abstand zu einer Welt, die von Dynamik, Hochgeschwindigkeit, Flexibilität und Abstraktion geprägt ist. Mal absolvieren der Autor und sein lichtbrauner Begleiter das erstrebte Tagespensum mit bohèmistischer Leichtigkeit, mal verirren sie sich im Wald oder laufen im Kreis; mal trottet der Autor neben seinem Esel gedankenversunken dahin, mal reitet er auf dem Tier; und dann wieder marschiert er seinem Gefährten tapfer voran, wenn dieser sich lustllos zurückfallen läßt oder sich sogar trotzig weigert, überhaupt noch einen Schritt zu tun.
Pons asini die Eselsbrücke. Die Herkunft dieses Begriffs aus einer Lebenswirklichkeit, die längst vergangen ist, muß der Autor mehrfach leidvoll erfahren: daß ein Esel tatsächlich niemals eine Brücke überquert. Natürlich geht es bei der Reise mit dem Esel durch Deutschland auch um „Selbstfindung“, doch das, was der Autor da in sich findet, hält er dem Publikum schlau verborgen, drängt es ihm jedenfalls nicht auf um stattdessen und buchstäblich en passent ein Bild des gegenwärtigen Deutschland zu liefern bizarr, traurig, zum Weinen komisch. Es geht um ein Deutschland, das mit Sporttaschen schlenkert, das mit GTIs und BMWs über Parkplätze kurvt, das ordnungssüchtig seine Buchsbaumhecken stutzt, das in jedem Gasthaus unvermeidlich mit Schnitzel und mürrischen Rauchergrüppchen aufwartet, das seine Tiere an Verfettung sterben läßt, das raucht um ein Land, in dem die Spießer-Idyllen gedeihen und in dem man sich mit dem Bügeln der Tischdecke mehr Mühe macht als mit dem Kraut- und Rübensalat. Fazit: Nichts für Brillenfreunde, notorische Avangardisten, Schlaumeier und Freunde des Raunens: für alle anderen sehr empfehlenswert.