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Neuwerk
Wirtschaften auf naturgeschütztem Eiland

Seit 25 Jahren besteht der Nationalpark Hamburgisches Wattenmeer - dazu gehört auch die Insel Neuwerk. Aufgrund der Unberührtheit des Eilands kommen viele Touristen, aber auch Tausende geschützte Gänse. Sie fressen viel Gras und hinterlassen tonnenweise Kot. Die Landwirte von Neuwerk sehen die Wirtschaftlichkeit eingeschränkt.

Von Axel Schröder |
    Luftbild der Insel Neuwerk in der Nordsee
    Auf der Insel Neuwerk rasten geschützte Ringel- und Nonnengänse. (imago)
    Auf vier Pferdewagen waren die Geburtstagsgäste auf der Nordseeinsel Neuwerk unterwegs. Gefeiert wurde das 25-jährige Bestehen des Nationalparks Hamburgisches Wattenmeer. Mit dabei: der Erste Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg Olaf Scholz, sein Umweltsenator Jens Kerstan und zwei Dutzend Journalisten.
    "Und ich bin auch sehr froh, dass die Naturschützer mir alle versichert haben, dass sie sich sehr verantwortlich dafür fühlen, dass diejenigen, die hier leben, auch gut zurechtkommen. Und dass die Landwirtschaft auch wirtschaftlich funktioniert zum Beispiel. Das ist ja das, worum es geht!"
    Neuwerk gehört seit 1969 zu Hamburg
    Tatsächlich geht es Bewohnern der Insel, die seit 1969 zu Hamburg gehört, darum, dass ihnen das Wirtschaften auf dem Eiland erleichtert wird. Einerseits ist Neuwerks Unberührtheit ein Grund dafür, dass jedes Jahr rund 18.000 Menschen zu Besuch kommen und Geld auf die Insel bringen. Andererseits rasten hier auch die geschützten Ringel- und Nonnengänse - in diesem Frühjahr über 17.000 - und fressen die Wiesen kahl, erzählt Inselwart Volker Griebel vor dem Nationalparkhaus, in dem der Bürgermeister und sein Umweltsenator gerade die neu konzipierte Ausstellung über den Schutzraum für die Flora und Fauna eröffnet haben.
    "Die erste Mahd ist ja vollkommen weggefressen. Wir haben unsere Pferde zwei Monate länger im Stall. Und wir können ein Klientel gar nicht ansprechen: zum Beispiel Gäste mit Pferden. Wenn die hierherkommen, die lachen uns ja aus. Das hat schon einen Status abgenommen, da müsste was dran getan werden!"
    Gänse hinterlassen tonnenweise Kot
    Jeder einzelnen Hofstelle entstünden deshalb zwischen 20.000 bis 30.000 Euro Zusatzkosten, schätzt Inselwart Griebel. Dazu kommt: Die Gänse fressen Pferden und Kühen nicht nur das Gras weg. Sie hinterlassen während der Zugzeiten, also zwischen Februar bis Ende Mai, auch tonnenweise Gänsekot auf Neuwerk.
    "Ich sag mal: Das ist natürlich bei dieser Masse und wenn das denn so ein bisschen warm ist, dann ist Gänsekot nicht der große Renner!"
    Vergrämen, also verscheuchen, darf man die geschützten Gänse nicht. Das ist nicht nur auf Neuwerk, sondern in der gesamten EU verboten. Dass aber zum Beispiel auch der Pferdemist stets an Land entsorgt werden muss, ärgert viele der 36 Inselbewohner.
    "Die Insel Neuwerk hat ja das Phänomen, dass die gesamte Insel Nationalpark ist. Auf allen anderen Inseln ist es so, dass die bewohnten Teile aus dem Nationalpark rausgenommen sind."
    Und genau das, erklärt Inselwart Griebel, könne doch auch für Neuwerk eine Lösung sein. Hamburgs Umweltsenator Jens Kerstan hält davon aber nicht viel.
    "Jetzt sind es aber gar nicht die Nationalparkregeln, die so streng sind. Zum Beispiel die Deponierung von Pferdemist: Das ist einfach bundesdeutsches Wasserrecht, das überall in Deutschland gilt, auch in Nicht-Naturschutzgebieten: Das kann man gar nicht ändern! Aber man kann natürlich auch vernünftige Regelungen finden, um den Menschen hier bei ihren Problemen zu helfen."
    Kostenfreies Gras von den Deichen und Senkung des Pachtzins
    Und deshalb gibt die Hamburger Hafenbehörde, zuständig für die Deiche auf der Insel, das dort abgemähte Gras kostenfrei an die Landwirte ab. Und schon vor Jahren hat die Stadt Hamburg den Pachtzins für Neuwerks Bewohner gesenkt, so Kerstan. Die Beschwerden über zu viele Vögel und zu viele Hinterlassenschaften kann der Umweltsenator nicht verstehen.
    "Das ist nun mal so, wenn man auf dem Dorf lebt. Dann kräht da manchmal ein Hahn, und da ist auch Pferdemist, Kuhmist. Und in einem Naturschutzgebiet, wo hunderttausende Vögel leben, da gibt es Vogelkot. Und der riecht auch. Das ist aber Teil der Natur. Und Nationalparks sind ja gerade deshalb so große Magneten für Touristen, weil man hier einfach die natürliche Dynamik erleben kann. Mit allem, was dazu gehört. Da gehört dann Kot von Vögeln und Gestank eben auch mit dazu."
    Jens Kerstan ist zuversichtlich, dass man am Ende eine einvernehmliche Lösung mit den Neuwerkern finden wird. Dass Neuwerk und das vorgelagerte Wattenmeer nicht nur der Tier- und Pflanzenwelt, sondern auch den Menschen auf der Insel beste Lebensbedingungen bieten kann.