Campus & Karriere lud zum Thema "Arbeitssucht" den Psychologen Werner Gross ins Studio ein. Seine Antworten auf die Fragen der Hörerinnen und Hörer können Sie hier nachlesen.
Ab wann ist man bei der Arbeit nicht mehr nur tüchtig, sondern süchtig? Werner Gross: Die Arbeitssucht hat von allen Süchten das höchste Prestige. Deswegen ist der Übergang nicht ganz einfach festzulegen. Man kann sagen, er liegt da, wo man vor Problemen in anderen Lebensbereichen, in der Beziehung oder der Familie, wegläuft und in die Arbeit flüchtet. Wo man die Arbeit so benutzt wie ein Alkoholiker die Flasche, da liegt der Beginn der Sucht. Wenn man die normalen Suchtkriterien anlegt: Es gibt einen Kontrollverlust gegenüber der Arbeit. Ein Beispiel: Ich will eigentlich nur kurz etwas am Schreibtisch holen und stelle danach fest, dass ich drei Stunden dort geblieben bin. Ein weiterer Punkt ist das Auftreten von Entzugserscheinungen, wenn man einmal versucht, nicht zu arbeiten. Der Entzug ist zwar nicht so massiv wie bei einem Alkoholiker, aber auf der psychischen Ebene vorhanden. Ein Kriterium für Arbeitssucht ist es, dass entweder der Betroffene selbst oder das Umfeld unter der Situation leidet. Das Zweite ist übrigens sehr viel häufiger: Viele Arbeitssüchtige können ihren Stress gut delegieren, auf ihre Partnerin, ihren Partner oder auf die Kollegen. Das Delegieren des Stresses sorgt dafür, dass der Betroffene selbst einigermaßen zufrieden scheint.
Wie sehen die Entzugserscheinungen bei einem Arbeitssüchtigen aus? Werner Gross: Eine Wirkung kann sein, dass man schnell sauer wird und im Urlaub beispielsweise einen Streit mit Partner oder Partnerin anfängt. Oder man fällt in ein schwarzes Loch und fragt sich, was man denn aus seinem Leben gemacht hat. Das sind keine körperlichen, sondern psychische Entzugserscheinungen.
Bleibt man sein Leben lang Arbeitssüchtiger, ähnlich wie Alkoholiker nur "trocken" werden? Werner Gross: Bei den stoffungebundenen Suchtformen wie Arbeits- oder Spielsucht - bei denen also keine Drogen, Alkohol oder Medikamente von außen zugeführt werden - da ist die Veränderungsmöglichkeit viel größer. Die Chancen, dass man seine Arbeitssucht in den Griff bekommt, sind besser. Schwieriger wird es aber dadurch, dass Arbeitssüchtige ein Maß finden müssen. Ein trockener Alkoholiker weiß sehr gut, dass er mit einem Glas wieder auf die abschüssige Ebene kommt. Ein Arbeitssüchtiger hat diese Orientierung nicht. Denn die meisten von uns müssen arbeiten, sie müssen maßvoll damit umgehen und können nicht sagen: 'Ich arbeite gar nicht mehr.' Dieser Part ist schwieriger als bei den stoffgebundenen Süchten.
Gibt es besonders gefährdete Berufsgruppen? Werner Gross: Man wird wohl bei den Arbeiten, die eine gewisse Selbstverwirklichung mit sich bringen, bei denen Macht im Spiel ist, leichter arbeitssüchtig als am Fließband. Dennoch gibt es auch einfache Arbeiter, Hausfrauen, ja sogar Arbeitslose, die arbeitssüchtig sind. Insofern kann man nicht so eindeutig sagen, dass es nur bestimmte Berufsgruppen trifft.
Wie sollte man sich seinem arbeitssüchtigen Partner gegenüber verhalten? Werner Gross: Arbeitssüchtige entwickeln die Fähigkeit, andere zu einem Ko-Abhängigen zu machen. Sie binden sie in ihre Arbeitssucht ein, lassen sie zum Beispiel immer mal wieder einen Job übernehmen. Genau dieses Spiel sollte man nicht mitmachen. Man kann etwa das Übernehmen von Tätigkeiten ablehnen, die die Arbeitssucht des Partners unterstützen. Das ist der erste Schritt in die richtige Richtung.
Wie merke ich, ob ich arbeitssüchtig bin ? Werner Gross: Wenn man viel arbeitet, ist man noch lange nicht arbeitssüchtig. Wenn man aber ständig viel arbeitet, dann ist die Menge der Zeit ein Indikator dafür, dass eine Arbeitssucht entsteht. Es gibt natürlich bestimmte Phasen, in denen man etwas durchziehen muss und dafür zehn, zwölf Stunden oder mehr am Stück arbeitet. Dann braucht es aber auch eine Pause, eine Phase der Regeneration. Wenn man sich die auch gönnt, würde ich nicht von einer Arbeitssucht sprechen. Aber wenn der Druck von außen stärker wird, steigt auch die Gefahr, dass sich eine Arbeitssucht entwickelt. Eine hohe durchschnittliche Arbeitszeit ist nur die äußere Seite einer Arbeitssucht, ein Indikator. Die innere Dimension, nämlich die Bedeutung, die man der Arbeit gibt, lässt sich mit Zahlen nicht fassen.
Gibt es Selbsthilfegruppen, die bei der Bekämpfung von Arbeitssucht helfen? Werner Gross: Außer den AAS, den Anonymen Arbeitssüchtigen, sind mir keine Selbsthilfegruppen bekannt. Wenn man das Gefühl hat, ich bin vielleicht arbeitssüchtig, kann man versuchen, das Problem selbst in den Griff zu bekommen. Gelingt das nicht mehr, sollte man im Freundeskreis, Familie oder mit dem Partner über das Problem sprechen. Wenn auch die nicht hilfreich zur Seite stehen können, wäre als nächstes die Selbsthilfegruppe gefragt, erst dann kommen die Profis an die Reihe: Psychologen und Ärzte. Bei ganz massiven Problemen ist es mitunter sinnvoll, aus dem Spannungsfeld heraus- und für eine begrenzte Zeit in eine Klinik zu gehen.
Mit welche Therapieformen kann man gegen die Arbeitssucht angehen? Werner Gross: Der erste Schritt ist es, zu prüfen, ob eine Behandlung im jetzigen Alltag möglich ist, ob ich also, während ich noch arbeite, eine Psychotherapie machen kann. Wenn das möglich ist, wäre ein niedergelassener Psychologe oder Psychotherapeut der Ansprechpartner. Die individuelle Beziehung zum Therapeuten ist sehr wichtig. Ich muss jemanden suchen, der auch zu mir passt. Auf der anderen Seite gibt es Situationen, in denen man sagen muss : Im Moment wäre es am besten, mal ein paar Wochen aus dem Arbeitsalltag herauszugehen, um einen neuen, ganz anderen Blickwinkel zu entwickeln.
Literatur
Werner Gross ist Autor mehrerer Bücher zum Themenbereich Sucht. Werner Gross, Stefan Poppelreuter: Nicht nur Drogen machen süchtig. Entstehung und Behandlung von stoffungebundenen Süchten. Psychologie Verlag, 2000 Taschenbuch, 78,00 DM ISBN: 3621274847
Eine Sammlung von theoretischen und empirischen Erkenntnissen zur Arbeitssucht ist das Buch "Arbeitssucht" von Stefan Poppelreuter. Es stellt unterschiedliche Erklärungsansätze zur Entstehung vor, beleuchtet die Folgen aus verschiedenen Perspektiven und diskutiert Therapienotwendigkeiten und -möglichkeiten. Stefan Poppelreuter: Arbeitssucht Psychologie Verlags Union 240 Seiten, 1997 Broschur, 48,00 DM ISBN: 3-621-27378-6
Bryan Robinson: Wenn der Job zur Droge wird 240 Seiten (2000) Walter Verlag Taschenbuch, 39,80 DM ISBN: 3530300586
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Anonyme Arbeitssüchtige Kreuzstraße 13 76133 Karlsruhe
"Workaholics" - ein Text zur Arbeitssucht auf den Selbsthilfe-Internetseiten von team.solution
Internationale Homepage der "Workaholics Anonymous" c/o Westchester Self-Help-Clearing-House 75 Grassland Road Valhalls New York 10596, USA Tel.: 001 914 235-6026
Ab wann ist man bei der Arbeit nicht mehr nur tüchtig, sondern süchtig? Werner Gross: Die Arbeitssucht hat von allen Süchten das höchste Prestige. Deswegen ist der Übergang nicht ganz einfach festzulegen. Man kann sagen, er liegt da, wo man vor Problemen in anderen Lebensbereichen, in der Beziehung oder der Familie, wegläuft und in die Arbeit flüchtet. Wo man die Arbeit so benutzt wie ein Alkoholiker die Flasche, da liegt der Beginn der Sucht. Wenn man die normalen Suchtkriterien anlegt: Es gibt einen Kontrollverlust gegenüber der Arbeit. Ein Beispiel: Ich will eigentlich nur kurz etwas am Schreibtisch holen und stelle danach fest, dass ich drei Stunden dort geblieben bin. Ein weiterer Punkt ist das Auftreten von Entzugserscheinungen, wenn man einmal versucht, nicht zu arbeiten. Der Entzug ist zwar nicht so massiv wie bei einem Alkoholiker, aber auf der psychischen Ebene vorhanden. Ein Kriterium für Arbeitssucht ist es, dass entweder der Betroffene selbst oder das Umfeld unter der Situation leidet. Das Zweite ist übrigens sehr viel häufiger: Viele Arbeitssüchtige können ihren Stress gut delegieren, auf ihre Partnerin, ihren Partner oder auf die Kollegen. Das Delegieren des Stresses sorgt dafür, dass der Betroffene selbst einigermaßen zufrieden scheint.
Wie sehen die Entzugserscheinungen bei einem Arbeitssüchtigen aus? Werner Gross: Eine Wirkung kann sein, dass man schnell sauer wird und im Urlaub beispielsweise einen Streit mit Partner oder Partnerin anfängt. Oder man fällt in ein schwarzes Loch und fragt sich, was man denn aus seinem Leben gemacht hat. Das sind keine körperlichen, sondern psychische Entzugserscheinungen.
Bleibt man sein Leben lang Arbeitssüchtiger, ähnlich wie Alkoholiker nur "trocken" werden? Werner Gross: Bei den stoffungebundenen Suchtformen wie Arbeits- oder Spielsucht - bei denen also keine Drogen, Alkohol oder Medikamente von außen zugeführt werden - da ist die Veränderungsmöglichkeit viel größer. Die Chancen, dass man seine Arbeitssucht in den Griff bekommt, sind besser. Schwieriger wird es aber dadurch, dass Arbeitssüchtige ein Maß finden müssen. Ein trockener Alkoholiker weiß sehr gut, dass er mit einem Glas wieder auf die abschüssige Ebene kommt. Ein Arbeitssüchtiger hat diese Orientierung nicht. Denn die meisten von uns müssen arbeiten, sie müssen maßvoll damit umgehen und können nicht sagen: 'Ich arbeite gar nicht mehr.' Dieser Part ist schwieriger als bei den stoffgebundenen Süchten.
Gibt es besonders gefährdete Berufsgruppen? Werner Gross: Man wird wohl bei den Arbeiten, die eine gewisse Selbstverwirklichung mit sich bringen, bei denen Macht im Spiel ist, leichter arbeitssüchtig als am Fließband. Dennoch gibt es auch einfache Arbeiter, Hausfrauen, ja sogar Arbeitslose, die arbeitssüchtig sind. Insofern kann man nicht so eindeutig sagen, dass es nur bestimmte Berufsgruppen trifft.
Wie sollte man sich seinem arbeitssüchtigen Partner gegenüber verhalten? Werner Gross: Arbeitssüchtige entwickeln die Fähigkeit, andere zu einem Ko-Abhängigen zu machen. Sie binden sie in ihre Arbeitssucht ein, lassen sie zum Beispiel immer mal wieder einen Job übernehmen. Genau dieses Spiel sollte man nicht mitmachen. Man kann etwa das Übernehmen von Tätigkeiten ablehnen, die die Arbeitssucht des Partners unterstützen. Das ist der erste Schritt in die richtige Richtung.
Wie merke ich, ob ich arbeitssüchtig bin ? Werner Gross: Wenn man viel arbeitet, ist man noch lange nicht arbeitssüchtig. Wenn man aber ständig viel arbeitet, dann ist die Menge der Zeit ein Indikator dafür, dass eine Arbeitssucht entsteht. Es gibt natürlich bestimmte Phasen, in denen man etwas durchziehen muss und dafür zehn, zwölf Stunden oder mehr am Stück arbeitet. Dann braucht es aber auch eine Pause, eine Phase der Regeneration. Wenn man sich die auch gönnt, würde ich nicht von einer Arbeitssucht sprechen. Aber wenn der Druck von außen stärker wird, steigt auch die Gefahr, dass sich eine Arbeitssucht entwickelt. Eine hohe durchschnittliche Arbeitszeit ist nur die äußere Seite einer Arbeitssucht, ein Indikator. Die innere Dimension, nämlich die Bedeutung, die man der Arbeit gibt, lässt sich mit Zahlen nicht fassen.
Gibt es Selbsthilfegruppen, die bei der Bekämpfung von Arbeitssucht helfen? Werner Gross: Außer den AAS, den Anonymen Arbeitssüchtigen, sind mir keine Selbsthilfegruppen bekannt. Wenn man das Gefühl hat, ich bin vielleicht arbeitssüchtig, kann man versuchen, das Problem selbst in den Griff zu bekommen. Gelingt das nicht mehr, sollte man im Freundeskreis, Familie oder mit dem Partner über das Problem sprechen. Wenn auch die nicht hilfreich zur Seite stehen können, wäre als nächstes die Selbsthilfegruppe gefragt, erst dann kommen die Profis an die Reihe: Psychologen und Ärzte. Bei ganz massiven Problemen ist es mitunter sinnvoll, aus dem Spannungsfeld heraus- und für eine begrenzte Zeit in eine Klinik zu gehen.
Mit welche Therapieformen kann man gegen die Arbeitssucht angehen? Werner Gross: Der erste Schritt ist es, zu prüfen, ob eine Behandlung im jetzigen Alltag möglich ist, ob ich also, während ich noch arbeite, eine Psychotherapie machen kann. Wenn das möglich ist, wäre ein niedergelassener Psychologe oder Psychotherapeut der Ansprechpartner. Die individuelle Beziehung zum Therapeuten ist sehr wichtig. Ich muss jemanden suchen, der auch zu mir passt. Auf der anderen Seite gibt es Situationen, in denen man sagen muss : Im Moment wäre es am besten, mal ein paar Wochen aus dem Arbeitsalltag herauszugehen, um einen neuen, ganz anderen Blickwinkel zu entwickeln.
Literatur
Werner Gross ist Autor mehrerer Bücher zum Themenbereich Sucht. Werner Gross, Stefan Poppelreuter: Nicht nur Drogen machen süchtig. Entstehung und Behandlung von stoffungebundenen Süchten. Psychologie Verlag, 2000 Taschenbuch, 78,00 DM ISBN: 3621274847
Eine Sammlung von theoretischen und empirischen Erkenntnissen zur Arbeitssucht ist das Buch "Arbeitssucht" von Stefan Poppelreuter. Es stellt unterschiedliche Erklärungsansätze zur Entstehung vor, beleuchtet die Folgen aus verschiedenen Perspektiven und diskutiert Therapienotwendigkeiten und -möglichkeiten. Stefan Poppelreuter: Arbeitssucht Psychologie Verlags Union 240 Seiten, 1997 Broschur, 48,00 DM ISBN: 3-621-27378-6
Bryan Robinson: Wenn der Job zur Droge wird 240 Seiten (2000) Walter Verlag Taschenbuch, 39,80 DM ISBN: 3530300586
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"Workaholics" - ein Text zur Arbeitssucht auf den Selbsthilfe-Internetseiten von team.solution
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