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Peter Richter: Blühende Landschaften – eine Heimatkunde

Was sich auch als verblüffend einträglich erwiesen hat, ist Wasser.

Gelesen von Peter Richter |
    Es hatte immerhin Tote gegeben bei den großen Überschwemmungen des Ostens. Aber von heute aus, nach Ablauf der Trauerfristen, sieht es immer mehr so aus, als hätten die Hochwasser am Ende eher allen etwas eingebracht, und zwar in beiden Teilen Deutschlands: die Jahrhundertflut an der Oder von 1997 vielen Betroffenen neue Häuser und dem Rest des Landes endlich mal ein positives Verhältnis zu ihrer Bundeswehr. Und die Jahrtausendflut von 2002 hätte im Grunde auch von der Regierung in Gang gesetzt worden sein können.

    "Warum rufen diese Leute denn sofort nach dem Staat, wenn ihnen das Wasser unter der Decke steht", fragten mich westdeutsche Kollegen aufrichtig empört, als ich ihnen im Fernsehen mal ausführlich meine Heimatstadt zeigen konnte, die in jenen Tagen ein bisschen wie Venedig aussah. Und durch ihre Köpfe hörte man große staatsbürgerliche Bedenken schwappen: Etatismus, blinde Staatsgläubigkeit, immer noch nicht angekommen in der Welt der Eigeninitiative ....

    "Nach wem sollten sie eigentlich sonst rufen", wollte ich von meinen Kollegen ganz ernsthaft gerne mal wissen.

    "Die Flut", schüttelten sie traurig den Kopf, "die Flut hat die DDR wieder freigespült. Nicht nur materiell, sondern auch mental und kulturell.

    Wenigstens in ästhetischer Hinsicht musste man das aber vielleicht gar nicht so sehr bedauern. Viel von dem, was da weggeschwemmt wurde, waren würdelose Investoren-Architekturen gewesen, deren schäbiges Aussehen eher von der Verramschung als vom Aufblühen der dortigen Landschaften kündete. Nach der Wende hatte man sie so eilig, wie die Förderfristen es verlangten, in die Flutwiesen gewürfelt. In die uferlosen Gewerbe- und Neubaugebiete, die von ehrgeizigen Dorfbürgermeistern »ausgewiesen«, von aufbauwütigen Behörden genehmigt und mit Fördergeldern »erschlossen« worden waren. Ein bisschen schade ist nur, dass das meiste davon an denselben Stellen ganz genauso wieder aufgebaut wurde, statt die vielen Geldspenden irgendwo anders für irgendetwas Besseres zu verwenden.

    Das Unfassbare ist ja, dass diese Region für den Westen zwar jede Menge eleganter, feiner Dinge bastelt: Glashütte-Uhren, Hellerau-Möbel oder VW Phaetons — dafür aber im Gegenzug als ästhetischer Schrottabladeplatz benutzt wird.

    Dann sitzen die Leute in der Harald-Schmidt-Show und lachen sich kaputt, weil sie ihre alten hässlichen Polstermonster hinter den weggespülten Wohnzimmerwänden wiedererkennen. Ich hätte es während der Flut jedenfalls sehr begrüßt, wenn der ganze Müll die Elbe abwärts zurückgespült worden wäre. Genug Geld für Besseres ist ja nun wirklich geflossen damals, gar nicht mal wenig davon auch an Bausparer aus dem Schwarzwald, für die sich die Steuersparinvestitionen in Ost-Immobilien damit dann wirklich rentiert haben dürften.

    Das Ausfüllen der Überweisungsschecks muss den Leuten ein ähnliches Gefühl beschert haben wie früher das Packen der Ostpakete. Insofern hat es sich letztlich doch noch gelohnt, die vielen Kamerateams und Politikerkarawanen zu erdulden, die den Helfern dort pausenlos im Weg herumstanden. Und dass die Reportagen vom Überlebenskampf der Leute zum Schluss aufgemacht waren wie der Trailer von "Titanic".

    Als Dresdner erkläre ich diese schwülstigen Fernsehbilder jetzt einfach mal zum Solidaritätsbeitrag für Westdeutschland. Schröder hat durch die Flut die Bundestagswahl gewonnen, befand die Union, die durch die Flut eine Dolchstoßlegende gewonnen hatte. Hochwasser, das weiß man seit Helmut Schmidts Triumph über die Sturmflut von Hamburg, landet im Zweifel immer auf den Mühlen der Sozialdemokraten. Die Regierung sah das offenbar sogar selber so und machte großzügig die Kassen auf. Und ich wiederum finde es großartig, dass im Überschwang des guten Gefühls zum Schluss niemand mehr so genau hinschaut. Dass Schröder zwar möglicherweise überall in Fernsehdeutschland durch die Flut die Wahl gewonnen hat, aber keinesfalls dort, wo sie stattfand. Dort hatten die Leute selbstverständlich gewählt wie gewohnt: CDU.

    Wer hat also wen verraten? Wir die Sozialdemokraten. Aber solange nicht mal die das kratzt, ist das alles eigentlich ganz gut gelaufen so weit.