Doris Schäfer-Noske: Das Schicksal der Hafenstadt Swinemünde auf der Insel Usedom wurde mit dem Schicksal von Dresden verglichen. Die heute polnische Stadt wurde bei einem Bombenangriff am 12. März 1945 größtenteils zerstört. Tausende Menschen kamen damals um, darunter viele Flüchtlinge aus dem Osten. Lazarett- und Flüchtlingsschiffe sanken, dabei war die Front nur noch 30 Kilometer entfernt und der Krieg bald vorbei. Polnische Historiker arbeiten nun zurzeit ein anderes Stück Geschichte aus dem Swinemünde von 1945 auf. Es geht dabei um bisher unbekannte Morde, die der polnische Geheimdienst kurz nach dem Krieg an Deutschen verübt haben soll. Martin Sander, warum wusste man darüber bisher nichts?
Martin Sander: Man wusste schon einiges darüber, hat es aber in den vergangenen 60 Jahren immer mal wieder vergessen, bewusst, mit Absicht oder nicht. Jetzt ist die ganze Angelegenheit ins Rollen gekommen aufgrund einer neuen Forschung des Institutes für Nationales Gedenken mit der Zweigestelle in Stettin. Das ist ja eine Behörde vergleichbar mit der Gauck-Behörde, die aber auch staatsanwaltschaftliche Kompetenzen hat. Und die haben alte Gerichtsurteile der Militärgerichte in ihrer Gegend, also in Stettin und Umgebung, neu analysiert und sind dabei auf diesen Fall gestoßen. Das ist aber nicht das Einzige. Es gibt auch einen Zeitzeugen, nämlich einen Milizionär, also einen Polizisten der ersten Stunde in Swinemünde. Der ist heute 85 Jahre alt, lebt in Stettin, und der hat einen etwas reißerisches Buch veröffentlicht unter dem Titel "Im Wilden Westen". Damit meint er die damals neuen polnischen Westgebiete und schildert u.a. da auch die Ereignisse von Swinemünde. Und es sind zwei unterschiedliche Quellen, die übrigens noch nicht so ganz miteinander abgeglichen wurden. Aber aus beiden Quellen, also aus dem IPN, dem Institut für Nationales Gedenken, und diesem Buch "Im Wilden Westen", was wie gesagt übrigens erst im Dezember letzten Jahres erschienen ist, vor wenigen Wochen, da wird dieser Fall neu aufgerührt. Und von da an ging es in die Medien, erst in die polnischen, und nun hat ja schon die Diskussion in deutschen Medien begonnen.
Schäfer-Noske: Wer sind denn da die Opfer genau gewesen, und wie viele waren es?
Sander: In Swinemünde, eine Stadt, die 1939 noch um die 50.000 Einwohner hatte, deutsche Einwohner ganz, ganz überwiegend, sind 22.000 geblieben. Es waren einige Hundert Polizisten und Geheimdienstler dort stationiert. Und die deutsche Bevölkerung ist zum Teil drangsaliert worden. Es hat Überfälle gegeben. Es hat Vergewaltigungen gegeben. Es sind Leute willkürlich umgebracht worden. Und man schätzt im Moment, obwohl das nicht sicher ist, die Zahl der Opfer auf 40, die dann unter Umständen in einem Massengrab dort noch aufzufinden sein werden. Es können aber auch wesentlich mehr gewesen sein.
Schäfer-Noske: Zu den Tätern heißt es, es sei der polnische Geheimdienst gewesen?
Sander: Ja, das ist richtig. Es war ja auch damals nicht ganz genau zu unterscheiden zwischen den Milizionären und dem eigentlichen Sicherheitsapparat. Das heißt, es waren keine Übergriffe von polnischer Zivilbevölkerung auf Deutsche. Es waren Milizionäre zum großen Teil, zum Teil, wie man sagt, Leute, die vorher auch in deutschen Lagern gelebt haben, denen man also insofern ein gewisses Rachemotiv zuschreibt. Auch Leute, die der polnischen Untergrundarmee im Krieg angehört haben. Aber ganz offensichtlich hat dieses Massaker in Swinemünde noch einen besonderen Hintergrund, den man fast geografisch benennen könnte. Diese Insel Wollin, zu der Swinemünde gehört, war damals weitgehend abgeschottet, auch fern von den Zentralen übrigens des Geheimdienstes und der Polizei in Warschau, oder auch in der Wojewodschaft oder in der Umgebung Koszalin. Und da haben wohl einige brutale Vorgesetzte auf eigene Faust gehandelt. Dafür spricht, dass dann einige Monate später auch ein Anführer und Verantwortlicher für einige dieser Exesse vor ein Militärgericht gestellt wurde und auch, wie ich gelesen habe, zu acht Jahren verurteilt wurde. Allerdings wurden nicht alle Verbrechen wohl aufgeklärt. Und das ist ja dann auch der Anlass, das ganze Thema für das IPN, das Institut für Nationales Gedenken, noch mal neu aufzurollen.
Schäfer-Noske: Wie sind denn nun die ersten Reaktionen in Deutschland und in Polen ausgefallen?
Sander: Ja, in Polen gibt es natürlich in der liberalen Presse auch und etwas boulevardesken, kann man sagen, das Bedürfnis, das erst mal als eine Art von Sensation hinzustellen und zu sagen, das muss analysiert werden, wir haben einen neuen Fall. Man spricht ja nicht so gern und so oft in der Öffentlichkeit in Polen über Verbrechen an Deutschen. Man muss aber gleich hinzusetzen: In der wissenschaftlichen Öffentlichkeit hat es darüber schon eine Diskussion gegeben in den letzten 20 Jahren. Und nun ist Folgendes passiert: "Die Welt" hat damit begonnen, die hat das kolportiert, die Tageszeitung "Die Welt", und gesagt, na ja, das kratzt ja mal wieder gewaltig an dem selbst geschaffenen Ruf der Opfernation Polen. Und das wiederum hat etliche polnische Wissenschaftler und auch Beteiligte bei der Aufklärung auf den Plan gerufen und [man] hat gesagt, nun geht es ja nun nicht. Wir wollen natürlich jedes Verbrechen aufklären. Es ist ein schreckliches Verbrechen, aber wir lassen uns nicht sozusagen jetzt und sofort in unserem Geschichtsselbstbild revidieren. Da ist noch einiges an Debatten zu erwarten.
Schäfer-Noske: Inwieweit besteht denn die Gefahr, dass diese Geschichte von rechtsextremen Kreisen in Deutschland für ihre Zwecke vereinnahmt wird?
Sander: Die besteht unbedingt. Das habe ich auch schon im Internet nachgeforscht. Da gibt es schon entsprechende Postillen, oder wie soll man das nennen, im Internet, die sich dieser Informationen bedienen, um das Leiden der Deutschen im Zweiten Weltkrieg hervorzuheben. Aber es sind hier nicht nur die Rechtsextremen. Es gibt ja auch einen starken rechtskonservativen nationalen Diskurs in Deutschland seit einigen Jahren, der vor allen Dingen Deutsche als Opfer des Zweiten Weltkrieges oder im Anschluss an den Zweiten Weltkrieg thematisiert, ungeachtet von dem, was tatsächlich passiert ist. Und dieses Verbrechen wäre ja ein Beispiel, ist das natürlich eine problematische Richtung. Aber ich glaube, es ist eher etwas, was in der Publizistik stattfindet, nicht in der seriösen Wissenschaft, in Polen und in Deutschland. Und der einzige Weg wäre, das Thema erneut unter den Historikern zunächst gründlich aufzuarbeiten und die Ergebnisse dann der Öffentlichkeit zu präsentieren.
Martin Sander: Man wusste schon einiges darüber, hat es aber in den vergangenen 60 Jahren immer mal wieder vergessen, bewusst, mit Absicht oder nicht. Jetzt ist die ganze Angelegenheit ins Rollen gekommen aufgrund einer neuen Forschung des Institutes für Nationales Gedenken mit der Zweigestelle in Stettin. Das ist ja eine Behörde vergleichbar mit der Gauck-Behörde, die aber auch staatsanwaltschaftliche Kompetenzen hat. Und die haben alte Gerichtsurteile der Militärgerichte in ihrer Gegend, also in Stettin und Umgebung, neu analysiert und sind dabei auf diesen Fall gestoßen. Das ist aber nicht das Einzige. Es gibt auch einen Zeitzeugen, nämlich einen Milizionär, also einen Polizisten der ersten Stunde in Swinemünde. Der ist heute 85 Jahre alt, lebt in Stettin, und der hat einen etwas reißerisches Buch veröffentlicht unter dem Titel "Im Wilden Westen". Damit meint er die damals neuen polnischen Westgebiete und schildert u.a. da auch die Ereignisse von Swinemünde. Und es sind zwei unterschiedliche Quellen, die übrigens noch nicht so ganz miteinander abgeglichen wurden. Aber aus beiden Quellen, also aus dem IPN, dem Institut für Nationales Gedenken, und diesem Buch "Im Wilden Westen", was wie gesagt übrigens erst im Dezember letzten Jahres erschienen ist, vor wenigen Wochen, da wird dieser Fall neu aufgerührt. Und von da an ging es in die Medien, erst in die polnischen, und nun hat ja schon die Diskussion in deutschen Medien begonnen.
Schäfer-Noske: Wer sind denn da die Opfer genau gewesen, und wie viele waren es?
Sander: In Swinemünde, eine Stadt, die 1939 noch um die 50.000 Einwohner hatte, deutsche Einwohner ganz, ganz überwiegend, sind 22.000 geblieben. Es waren einige Hundert Polizisten und Geheimdienstler dort stationiert. Und die deutsche Bevölkerung ist zum Teil drangsaliert worden. Es hat Überfälle gegeben. Es hat Vergewaltigungen gegeben. Es sind Leute willkürlich umgebracht worden. Und man schätzt im Moment, obwohl das nicht sicher ist, die Zahl der Opfer auf 40, die dann unter Umständen in einem Massengrab dort noch aufzufinden sein werden. Es können aber auch wesentlich mehr gewesen sein.
Schäfer-Noske: Zu den Tätern heißt es, es sei der polnische Geheimdienst gewesen?
Sander: Ja, das ist richtig. Es war ja auch damals nicht ganz genau zu unterscheiden zwischen den Milizionären und dem eigentlichen Sicherheitsapparat. Das heißt, es waren keine Übergriffe von polnischer Zivilbevölkerung auf Deutsche. Es waren Milizionäre zum großen Teil, zum Teil, wie man sagt, Leute, die vorher auch in deutschen Lagern gelebt haben, denen man also insofern ein gewisses Rachemotiv zuschreibt. Auch Leute, die der polnischen Untergrundarmee im Krieg angehört haben. Aber ganz offensichtlich hat dieses Massaker in Swinemünde noch einen besonderen Hintergrund, den man fast geografisch benennen könnte. Diese Insel Wollin, zu der Swinemünde gehört, war damals weitgehend abgeschottet, auch fern von den Zentralen übrigens des Geheimdienstes und der Polizei in Warschau, oder auch in der Wojewodschaft oder in der Umgebung Koszalin. Und da haben wohl einige brutale Vorgesetzte auf eigene Faust gehandelt. Dafür spricht, dass dann einige Monate später auch ein Anführer und Verantwortlicher für einige dieser Exesse vor ein Militärgericht gestellt wurde und auch, wie ich gelesen habe, zu acht Jahren verurteilt wurde. Allerdings wurden nicht alle Verbrechen wohl aufgeklärt. Und das ist ja dann auch der Anlass, das ganze Thema für das IPN, das Institut für Nationales Gedenken, noch mal neu aufzurollen.
Schäfer-Noske: Wie sind denn nun die ersten Reaktionen in Deutschland und in Polen ausgefallen?
Sander: Ja, in Polen gibt es natürlich in der liberalen Presse auch und etwas boulevardesken, kann man sagen, das Bedürfnis, das erst mal als eine Art von Sensation hinzustellen und zu sagen, das muss analysiert werden, wir haben einen neuen Fall. Man spricht ja nicht so gern und so oft in der Öffentlichkeit in Polen über Verbrechen an Deutschen. Man muss aber gleich hinzusetzen: In der wissenschaftlichen Öffentlichkeit hat es darüber schon eine Diskussion gegeben in den letzten 20 Jahren. Und nun ist Folgendes passiert: "Die Welt" hat damit begonnen, die hat das kolportiert, die Tageszeitung "Die Welt", und gesagt, na ja, das kratzt ja mal wieder gewaltig an dem selbst geschaffenen Ruf der Opfernation Polen. Und das wiederum hat etliche polnische Wissenschaftler und auch Beteiligte bei der Aufklärung auf den Plan gerufen und [man] hat gesagt, nun geht es ja nun nicht. Wir wollen natürlich jedes Verbrechen aufklären. Es ist ein schreckliches Verbrechen, aber wir lassen uns nicht sozusagen jetzt und sofort in unserem Geschichtsselbstbild revidieren. Da ist noch einiges an Debatten zu erwarten.
Schäfer-Noske: Inwieweit besteht denn die Gefahr, dass diese Geschichte von rechtsextremen Kreisen in Deutschland für ihre Zwecke vereinnahmt wird?
Sander: Die besteht unbedingt. Das habe ich auch schon im Internet nachgeforscht. Da gibt es schon entsprechende Postillen, oder wie soll man das nennen, im Internet, die sich dieser Informationen bedienen, um das Leiden der Deutschen im Zweiten Weltkrieg hervorzuheben. Aber es sind hier nicht nur die Rechtsextremen. Es gibt ja auch einen starken rechtskonservativen nationalen Diskurs in Deutschland seit einigen Jahren, der vor allen Dingen Deutsche als Opfer des Zweiten Weltkrieges oder im Anschluss an den Zweiten Weltkrieg thematisiert, ungeachtet von dem, was tatsächlich passiert ist. Und dieses Verbrechen wäre ja ein Beispiel, ist das natürlich eine problematische Richtung. Aber ich glaube, es ist eher etwas, was in der Publizistik stattfindet, nicht in der seriösen Wissenschaft, in Polen und in Deutschland. Und der einzige Weg wäre, das Thema erneut unter den Historikern zunächst gründlich aufzuarbeiten und die Ergebnisse dann der Öffentlichkeit zu präsentieren.