Wirklichkeit im Radio
So long good-bye
Von Harun Farocki
Regie: Harun Farocki
Mit: Achim Baumann
WDR 1978
Berlin 1978: in den Hansa-Tonstudios wird eine Disco-Single produziert. Dokumentarfilmer Harun Farocki, damals für kurze Zeit im Radio tätig, ist von Anfang bis Ende dabei und seziert den Aufnahmeprozess mit kapitalismuskritischem Besteck.
Anschließend:
Gespräch zu "So long good-bye"
Ingo Kottkamp im Gespräch mit Harun Farocki
DKultur 2010
In den Hansa-Studios in Berlin wird im April 1977 in 18 Stunden eine Disco-Single von drei Minuten Länge produziert. Harun Farocki hat die Produktion von Anfang bis Ende aufgezeichnet: Die Studiomusiker spielen die Noten prima vista, die aus New York eingekaufte Sängerin hat leider nicht die Stimme, Rhythmusgruppe und Chor sind unterbesetzt. Aber all das kann eine mit einer 24-Spur-Maschine gerüstete Produzententruppe nicht schockieren. Beinahe als Livereportage und zugleich mit kapitalismuskritischem Besteck seziert Farocki eine Produktion der Musikindustrie.
Im Anschluss senden wir ein Gespräch aus dem Jahr 2010, bei dem Harun Farocki auf "So long good-bye", eine seiner wenigen Radioarbeiten, zurückblickt.
Harun Farocki (1944−2014) gehörte zu den wichtigsten deutschen Dokumentarfilmern. In Filmen, Installationen, Schriften, einer umfangreichen Lehr- und Kooperationsstätigkeit und für eine Zeit lang auch im Radio setzte er Impulse, die nachhaltig weiter wirken: unter anderem im Harun Farocki Institut, das Dokumentarschaffende vernetzen und seine Praxis, Film als Erkenntnisinstrument zu nutzen, erforschen und weiterentwickeln will.
Seine Lebensdaten: 9. Januar 1944 geboren in Nový Jicin (Neutitschein), gelegen in dem damals von den Deutschen annektierten Teil der Tschechoslowakei. 1966−1968 Studium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (West). 1974−1984 Autor und Redakteur der Zeitschrift Filmkritik, München. 1998−1999 Speaking about Godard / Von Godard sprechen, New York / Berlin (Zusammen mit Kaja Silverman). 1993−1999 visiting professor an der University of California, Berkeley.
Seit 1966 über 100 Produktionen für Fernsehen oder Kino: Kinderfernsehen, Dokumentarfilme, Essayfilme, Storyfilme. Seit 1996 zahlreiche Gruppen- und Einzelausstellungen in Museen und Galerien. 2007 mit Deep Play Teilnahme an der documenta 12. Seit 2004 Gastprofessor, von 2006−2011 ordentlicher Professor an der Akademie für Bildende Künste Wien. 2011−2014 Projekt Eine Einstellung zur Arbeit, mit Antje Ehmann. Harun Farocki starb am 30. Juli 2014 bei Berlin.