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Sicherheitsverpackung aus Stoff

Technik. - Wissenschaftler des Sächsischen Textilforschungsinstitutes in Chemnitz haben einen Gepäckcontainer entwickelt, der einer Bombenexplosion standhält. Der Schutzbehälter aus Spezialtextilien soll in Flugzeugen zum Einsatz kommen und Abstürze durch Bombenanschläge verhindern.

Von Viola Simank |
    Auf dem Tisch von Heike Illing-Günther liegt ein grob gewebtes weißes Stück Stoff. Es ist ungefähr einen halben Zentimeter dick und fasst sich wie eine feste Lkw-Plane an. Doch dieses Stück Stoff ist weit mehr als das, in ihm stecken zwei Jahre Entwicklungsarbeit des Teams um die Forschungsleiterin im Sächsischen Textilforschungsinstitut Chemnitz. Das neue Material ist extrem fest und splittersicher, da es aus mehreren Lagen verschiedener Kunststoffgewebe besteht. Wie sich der Stoff genau zusammensetzt, bleibt das Betriebsgeheimnis der Chemnitzer Wissenschaftler - sie fürchten Plagiate. Einen Bestandteil aber kann Heike Illing-Günther benennen: Aramid-Fasern:

    "Aramid ist ein hochfestes Polymer, was eben extreme Festigkeit und Feuerfestigkeit aufweist, heute beispielsweise eingesetzt wird in diesen schusssicheren Westen für Polizei, Armee und Ähnliches."

    Aus dem neuen Stoff entwickelten die Chemnitzer gemeinsam mit mehreren europäischen Forschungspartnern einen containerartigen Gepäck-Behälter. Der ist knapp fünf Meter hoch und fast neun Meter breit und passt in den Laderaum eines Flugzeugs vom Typ A300. Verschlossen wird der neue sogenannte "Fly-Bag" mit drei robusten Reißverschlüssen, die in T-Form angeordnet sind. Dort, wo sich die Reißverschlüsse treffen, gibt es eine gezielt eingebaute kleine Öffnung:

    "Wenn eine gewisse Sprengstoffmenge überschritten wird, dann ist die Gasentwicklung so heftig, dass ein extremer Überdruck in diesem Container existiert. Und an dem Punkt, wo sich die Reißverschlüsse treffen, habe ich natürlich ein Öffnungsloch, durch das gerichtet dann nach vorn in den Gepäckraum Gase in einem zweiten Schritt entweichen können."

    So wird der Überdruck in den ersten Sekunden nach der Explosion abgefangen. Den Boden des Containers hat man außerdem mit einer speziellen Platte aus verharzten Glasfasern verstärkt, von außen bieten Gurte zusätzlichen Halt. Dieser Prototyp wurde schließlich in England getestet, da der dortige Projektpartner Spezialist für Sprengstoff und Explosionen ist. Petra Franitza vom Chemnitzer Institut war mit vor Ort:

    "Die Kollegen in England haben sich Gepäckfundstücke von Heathrow-Airport besorgt und wir haben den Container beladen. Und dann wurde der Sprengstoff in einen Koffer untergebracht, das haben dann die Experten gemacht. Wir saßen dann in einem Bunker und haben auf das Funksignal gewartet."

    Vier Explosionen musste der Gepäckcontainer aushalten, fixiert in einem Stahlrahmen ähnlich wie im Laderaum eines Flugzeuges. Die Sprengstoffmenge wurde jedes mal erhöht. Doch der Container hielt – auch dank der Vorteile des Textils, so Heike Illing-Günther:

    "Ein Textil kann sich deformieren, kann sich partiell auswölben, kann im Prinzip aufgeblasen werden wie ein Heißluftballon."

    Der neue Fly-Bag kann so mindestens der Sprengstoffmenge standhalten, die einst beim Bombenanschlag von Lockerby 1988 verwendet wurde – das war die Zielgröße des Projektes. Damals stürzte durch die Explosion das Flugzeug ab, alle 259 Insassen kamen dabei ums Leben. Damit der neue bombensichere Gepäckcontainer aber auch tatsächlich in Flugzeugen zum Einsatz kommen kann, braucht er eine luftfahrtechnische Zulassung, ein aufwendiges und teures Verfahren. Erste Gespräche mit der zuständigen Europäischen Behörde für Flugsicherheit laufen bereits.