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Simon Boccanegra
Wie ein lauwarmes Bad

Jan Philipp Gloger deutet an der Semperoper in Dresden Verdis Oper "Simon Boccanegra": Musiker, Dirigent und Sänger begeistern. Die Regie aber leidet an Mangel und Übermaß gleichermaßen, meint unsere Kritikerin Mascha Drost.

Von Mascha Drost |
    Das Ensemble der Sächsischen Staatsoper mit Zeljko Lucic (l) in der Titelrolle und Maria Agresta als Amelia (r) auf der Bühne der Semperoper Guiseppe Verdis "Simon Boccanegra".
    Das Ensemble der Sächsischen Staatsoper mit Zeljko Lucic (l) in der Titelrolle und Maria Agresta als Amelia (r) auf der Bühne der Semperoper in Guiseppe Verdis "Simon Boccanegra". (picture-alliance/dpa/Matthias Hiekel)
    Ganz vereinzelt nur tauchen sie auf, lichte Momente wie dieses zärtliche Duett – ansonsten ist Simon Boccanegra eine Oper der Finsternis, der menschlichen Abgründe, düster, fatalistisch, die Handelnden tief verstrickt in politische und persönliche Verbrechen. Alles andere als leichte Kost – nicht zuletzt auch aufgrund einer Handlung, die nachzuvollziehen Einiges an kognitiver Intelligenz erfordert. Dass sich diese Oper nach 150 Jahren Nischenexistenz einen festen Platz im Repertoire erobert, ist unwahrscheinlich, selbst nach einer solchen Luxusproduktion wie der aktuellen Dresdner.
    Dunkel dräut es aus dem Graben, die Macht des Orchesters kennt keine Gnade – wer dem Klangsturm nichts entgegensetzen kann, wird hinweggefegt, von bedrohlichen Blechbläsern, dem überwältigenden Streicherapparat und einem Dirigenten, der in ganz unitalienischer Manier einen grandiosen Verdi-Abend zelebrierte. Christian Thielemann hat den samtenen Charakter seiner Staatskapelle nicht etwa angeschärft, oder aufgeraut – allenfalls etwas verschlankt, auf besondere Durchhörbarkeit Wert gelegt, und bei allem Elend auf der Bühne Klänge von fast schon unpassender Schönheit hervorgebracht; wie aus einem Guss, schwelgerisch aber nicht romantisierend, melodiös aber auch mit der erforderlichen Strenge. Simon Boccanegra ist keine jener kantilenenseligen Verdi-Opern, große Arien und wirkungsvolle Auftritte sucht man vergeblich – es gibt für die Sänger wenig zu schmettern und viel zu seufzen, Zwischenapplaus verbietet die bedrohliche Atmosphäre des Stücks fast von selbst. Zeljko Lucic als tragische Hauptfigur gelangen bewegende Zwischentöne, sein Bariton ist ebenso lyrisch wie von stolzer Grandezza, daneben sein Mitstreiter und späterer Feind Paolo – eindrucksvoll in der Schwärze und mit bedrohlich aufgeladener Energie verkörpert von Markus Marquardt. Kwangchul Youn, mit kraftvollem aber niemals rohklingendem Bass sandte seine Verwünschungen mit Donnergrollen über die Bühne, einzig Ramon Vargas als jugendlicher Liebhaber brauchte ein wenig um seiner Stimme den vollen Schmelz zu entlocken – dafür gab es mit Amelia, gesungen von Maria Agresta, einen weitausschwingenden, ausdrucksstarken Sopran an seiner Seite.
    Wenn man doch nur von der Regie ähnlich begeistert hätte sein können, wie von Musikern, Dirigent und Sängern. Die aber leidet an Mangel und Übermaß gleichermaßen. An zuviel Vergangenheitsbewältigung und zuwenig Gegenwart. Immer wieder treten weißgeschminkte Zombies auf die Bühne – Geister derjenigen, die dem grausamen Operngeschehen zum Opfer gefallen sind – ein Einfall, der nach und nach an Wirkung verliert und Nervigkeit gewinnt, zumal die Geister mit teils nachvollziehbaren meist aber rätselhaften und bisweilen unappetitlichen Handlungen beschäftigt sind. Die Protagonisten hingegen haben nicht sonderlich viel zu tun – es ist nicht direkt Rampentheater, was Jan Philip Gloger auf die Bühne gebracht hat, aber nur unwesentlich spannender. Die Vergangenheitsbewältigung der Opernfiguren trägt leider keinen langen Opernabend – ebenso wenig wie Personenregie-Stereotype der 50er-Jahre. Eine Inszenierung wie ein lauwarmes Bad – auszuhalten aber unbefriedigend.