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Tod durch Ersticken

In Deutschland gehen die Schilfbestände deutlich zurück. Vor allem Wasservögel und Fische verlieren dadurch eine Nahrungsquelle und Unterschlupfmöglichkeiten. Über die genauen Ursachen dieses europaweiten Rückgangs sind sich die Experten noch nicht einig. Mit Hilfe eines Forschungsprojektes am Großen Plöner See wollen Wissenschaftler nun dem Rätsel des Röhrrichtsterbens auf die Spur kommen.

Von Claudia Thoma |
    In den 50er Jahren wuchsen am Plöner See noch gut 100 Hektar Schilf.
    In den 50er Jahren wuchsen am Plöner See noch gut 100 Hektar Schilf. (Deutschlandradio / Bettina Straub)
    Leise plätschert das Wasser des Plöner Sees ans Ufer. Dass es hier vor 50 Jahren noch große Schilfbestände gab, das kann man heute nur noch auf alten Aufnahmen aus der Luft sehen. Biologe Christian Buske sammelt sie seit 20 Jahren:

    "Wenn man sich heute hier auf dem See umschaut, hat man große Mühe, noch einen Schilfhalm zu erkennen. Es gibt da vorne noch ein paar wenige, aber das ist vielleicht ein Quadratmeter, überhaupt nicht zu vergleichen mit dem, was es früher gegeben hat."

    In den 50er Jahren wuchsen am Plöner See noch gut 100 Hektar Schilf. Inzwischen sind die Schilfbestände an den Seen der gesamten holsteinischen Schweiz bis zu 90 Prozent zurückgegangen, Und das gilt nicht nur für diese Region in Schleswig-Holstein, sondern europaweit. Dabei ist das Gras eigentlich robust. Trotzdem, die nüchterne Diagnose lautet: Tod durch Ersticken:

    "Dieses Schwarze ist die Alge. Dann kommt die Welle, dann bricht das ab und dann läuft an den Stellen das Wasser herein und das, was hier wie Schlamm aussieht, das ist hier die Alge."

    Killeralge nennt sie der Biologe. Nach Untersuchungen des Max- Planck-Instituts könnte diese Fadenalge das Schilfsterben verursachen. Seit Jahren macht sie sich in den Seen breit, als Folge von Nährstoffeinträgen. In erster Linie sind das organische Einträge, wie sie durch das Laub der Bäume entstehen. Inzwischen haben sich stellenweise im Schilf richtige Algenteppiche gebildet, die sich dort vermehren. Die Alge braucht eine Umgebung, in der sie sich festsetzen kann:

    "Sie wächst nicht frei im Wasser, sondern braucht ein Substrat, an dem sie wachsen kann, Steine, Holz, Schilfhalme."

    Fest steht: Je größer die Algenteppiche, desto instabiler das Schilf. Die Folge: die Röhrichtbestände können den Wellen nicht mehr standhalten und brechen, sagt der Biologe.

    Aber es werden auch andere Ursachen geprüft. So gibt es seit Jahren keine großflächige Abholzung der Wälder mehr, so dass die Seeufer beschattet werden. Jan Birk, Vorsitzender der Fischereischutzgenossenschaft im Schwentinegebiet:

    "Dort, wo das Ufer nicht beschattet ist, steht Schilf und sobald sie an der ersten Eiche vorbeikommen, sehen sie, dass dort die Eiche steht und kein Schilf."

    Auch Wasservögel, speziell Gänse, kommen als mögliche Verursacher in Frage. Seit einigen Jahren lassen sich in Ostholstein verstärkt Graugänse nieder, beobachtet der Seeanlieger Falk Schöning:

    "Man sagt als Jäger, dass Graugänse sehr, sehr scheue Vögel sind, die haben sich fast zum Kulturfolger entwickelt, die flüchten vor keinem Menschen mehr. Die sollen ja angeblich diese frischen Sprösslinge abbeißen."

    Bei der Ursachenforschung alleine soll es aber nicht bleiben. Innerhalb von 4 Jahren will man dem Schilf mit unterstützenden Maßnahmen auf die Beine helfen. Denn Schilf spielt eine wichtige Rolle bei der Uferbefestigung und bietet etlichen Tieren Lebens- und Schutzraum. Prof. Kai Jessen von der Uni Hamburg:

    "Wir werden auch in der ersten Phase schon kleinflächig Experimente anlegen, in denen wir ganz genau beobachten können, ob eine Zäunung z.B. dazu führt, dass die Röhrichte sich ausbreiten können. Wir werden auch verschiedene Möglichkeiten testen, wie man Schilf wieder ansiedeln kann, ob es durch direkte Ansaat gelingt."

    Aus Samen vorgezogene Schilfpflanzen sollen also in die Seen zurückgepflanzt werden. In etwa 500 kleinen Töpfchen gedeihen in Wasserbecken bereits die ersten Nachkömmlinge. Landschaftsgärtnerin Heidi Schnoor:

    "Wir haben letztes Jahr im Oktober Saatgut geerntet am Plöner See, sind mit einer Wathose rein ins Wasser und haben die Samen abgeschnitten und draußen gelagert. Schilf keimt sehr schwer."

    Im Frühjahr können die Schilfpflanzen dann in die Seen gesetzt werden. Liegen die ersten Ergebnisse aus Ostholstein vor, werden die zunächst wohl am ehesten übertragen werden können auf Regionen mit ähnlichem Klima. Generelle Erkenntnisse sollen dann den Schilfbeständen europaweit zu Gute kommen. Nach 4 Jahren wird sich dann zeigen, ob die gemeinsame Forschungsarbeit der Universitäten Hamburg, Kiel und München die Schilfbestände in Europa retten konnte.