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Vom Militärclub zum Musentempel

Einst hausten hier Mussolinis Generäle, jetzt gibt es Kunst zu bewundern: Der Palazzo Barberini ist eines der prächtigsten Gebäude Roms. Nach jahrelangen Restaurierungsarbeiten präsentiert sich der Palast mit gleich zehn neuen Sälen - und Meisterwerken vom Barock bis zur Neoklassik.

Von Thomas E. Migge |
    Die Kunsthistorikerin ist über eine der schönsten Treppen Roms zu erreichen. Eine ovale Treppe, die sich bis unter das Dach in die Höhe schlängelt. Eine ungemein elegante Spiraltreppe, mit niedrigen Balustraden und schlanken Säulen. Im letzten Stock des Palastes befindet sich, in einem Rokokoambiente mit Wandmalereien und mit Spiegeln und Rocaille verzierten Türen des späten 18. Jahrhunderts, das Büro von Anna Lo Bianco.

    Sie ist die Direktion des Palazzo Barberini, eines der prächtigsten Paläste Roms. Errichtet im 17. Jahrhundert von drei Stars der Baukunst: Maderno, Borromini und Bernini. Mit gigantischen Sälen, deren Deckengewölbe von Pietro da Cortona und Andrea Sacchi ausgemalt wurden. Es war Maffeo Barberini, der sich, 1623 Papst geworden, mit dem Namen Urban VIII., den Palazzo als standesgemäße Residenz errichten ließ.

    Nach jahrelangen Restaurierungsarbeiten präsentiert sich jetzt der Palast, in dem die Nationalgalerie für alte Kunst untergebracht ist, nicht nur in alter Pracht, sondern auch mit gleich zehn neuen Sälen.

    Anna Lo Bianco: "Diese Säle waren über 15 Jahre lang geschlossen, aus - unglaublich aber wahr - statisch-architektonischen Gründen. Wir hatten kein Geld, sie zu restaurieren. Und das, obwohl wir händeringend nach mehr Räumlichkeiten für unsere Pinakothek suchten. Vor zwei Jahren dann bekamen wir endlich die Gelder."

    Und so präsentiert sich jetzt die Nationalgalerie für alte Kunst im Palazzo Barberini mit 34 Sälen nicht nur als eine der wichtigsten sondern auch größten Gemäldesammlungen Italiens. Über 200 Kunstwerke vom Barock bis zur Neoklassik, von denen über die Hälfte noch nie der Öffentlichkeit gezeigt wurden, werden jetzt in den neuen Sälen im zweiten Stockwerk des Palastes gezeigt. Darunter Meisterwerke von Salvatore Rosa, Mattei Preti, Luca Giordano, Anton Raphael Mengs , Canaletto und Angelika Kaufmann.

    Mit der Eröffnung der neuen Ausstellungssäle kann die Nationalgalerie endlich den gesamten Palazzo Barberini nutzen. Dafür kämpften Anna Lo Bianco und ihre Vorgänger über 50 Jahre lang. Eine, so die Kunsthistorikerin, vollkommen absurde Geschichte, denn ein Teil des Palastes wurde vom italienischen Heer als Privatclub genutzt:

    "Die Restaurierungsarbeiten konnte nicht beginnen, weil der Heeresclub die Säle nicht räumen wollte. Es war Mussolini, der den Generälen diese Räumlichkeiten überließ und wie das so mit Privilegien ist: das Heer wollte sie nicht aufgeben. Seit Beginn der italienischen Republik setzten sich Kulturminister dafür ein, dass die Generäle die Räume freigeben, damit wir unsere Kunst zeigen können. Das Militär hatte also mehr Rechte als das Museum."

    Unter dem in den letzten Jahren immer größeren werdenden Druck der Öffentlichkeit räumte das Heer schließlich die Säle – die aber nach jahrzehntelanger Nutzung für Feste und Abendessen recht heruntergekommen waren.

    Ende gut, alles gut für den Palazzo Barberini?

    Einerseits ja, denn jetzt kann die Nationalgalerie endlich alle ihre wichtigsten Gemälde ausstellen. Doch andererseits bekommen Kunstliebhaber bei einem einzigen Besuch nicht alle Bilder zu sehen, klagt Anna Lo Bianco:

    "Wir haben nicht genügend Personal für alle Säle. Das neue Sparpaket der Regierung erlaubt uns keine Neueinstellungen. Das gleiche Personal, das bisher für 24 Säle zuständig war, muss sich nun um 34 Säle kümmern. Auch kostenlos für uns arbeitende Freiwillige können wir nicht anstellen. Eine schwierige Situation."

    Die Folge: Anna Lo Bianco ist gezwungen, einen Teil der neuen Säle wegen fehlenden Aufsichtspersonals geschlossen zu lassen. Zum großen Ärger der Besucher. Diesen will sie aber entgegen kommen: mit Eintrittskarten, die man auch an anderen Tagen nutzen kann - wenn die geschlossen Säle zugänglich sind. Eine Entscheidung, die der Direktorin der Nationalgalerie für alte Kunst Bauchschmerzen macht, aber, sagt sie beim Abschied, man könne ja schon froh sein, dass man die Strom- und Heizungsrechnungen begleichen kann - was zum Beispiel bei den Uffizien in Florenz nicht immer der Fall ist.