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Wie die Zeit in die Welt kam

Zu allen Zeiten beschäftigte das Phänomen der Zeit das menschliche Erkenntnisinteresse - und so ist sie auch heute ein zentrales Anliegen der Wissenschaft. Zum Thema sind in den letzten Jahren eine Reihe von populärwissenschaftlichen Sachbüchern erschienen, denen allen insbesondere eine Aufgabe zukommt: die Zeit, die der Welt ihren rätselhaften Modus aufprägt, als eine verstehbare darzustellen. Dabei sind die Vorstellungen, die wir von der Zeit haben, natürlich ihrerseits der Zeit unterworfen. Die Herkunft und die Zukunft all der Modelle, die wir von der Zeit gebildet haben, untersucht nun ein im Münchner Hanser-Verlag erschienenes Buch, das schon im Titel auf die Geschichtlichkeit der Natur beziehungsweise die Geschichtlichkeit des Konzeptes, das wir von Natur haben, anspielt: "Wie die Zeit in die Welt kam - Die Entstehung einer Illusion aus Ordnung und Chaos". Als Autor zeichnet der 58jährige Hen-ning Genz, der an der Universität Karlsruhe Theoretische Teilchenphysik lehrt und mit dem vor zwei Jahren ebenfalls bei Hanser publizierten populärwissenschaftlichen Werk "Die Entdeckung des Nichts" bekannt geworden ist.

Thomas Palzer |
    Henning Genz führt den Leser kenntnisreich durch die Geschichte der Zeitvorstellungen - von der antiken Naturphilosophie bis zu den avancierten Befunden der heutigen theoretischen Physik - von Zenon über Platon, Augustinus, Leibniz und Kant bis hin zum Modell des Superraums und dem, was Zeit in der Quantenmechanik bedeutet bzw. bedeuten könnte. Die Leitfrage, der das Buch folgt, ist die Frage nach dem Zeitpfeil beziehungsweise seiner Richtung, die von der Vergangenheit offenbar unumkehrbar in die Zukunft weist. Und wiewohl dem unbestreitbar so ist, gilt doch, daß die fundamentalen Naturgesetze keine der beiden Richtungen der Zeit bevorzugen. Drehte man nämlich den Zeitpfeil um, stünden auch verkehrt beziehungsweise rückwärts ablaufende Prozesse wie etwa Scherben, die sich zum Glas zusammensetzen, mit den Naturgesetzen im Einklang - jedenfalls theoretisch.

    Das ist jedoch ein offensichtliches Paradox: Die großen Gesetze der Physik scheinen den Pfeil der Zeit zu leugnen. Ist also die Zeit, wie wir Menschen sie wahrzunehmen gewohnt sind, nur eine Illusion? Mit den Worten Albert Einsteins gesprochen: Für den Physiker "hat die Scheidung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nur die Bedeutung einer wenn auch hartnäckigen Illusion". Die Umkehrung der Zeitrichtung wäre nach den Gesetzen der Physik möglich, sie tritt aber in der Realität nicht auf - warum?

    Die Thematik ist schwierig - und weil man ins Detail gehen muß, um sie nachzuvollziehen, können an dieser Stelle die Denkbewegungen, mit denen Genz das Problem unter verschiedenen historischen und inhaltlichen Aspekten einkreist und mit Versuchsanordnungen zu plausibilisieren versucht, noch nicht einmal skizziert werden. Sein Versuch, die Antworten, die die moderne Physik gibt, dem Laien begreiflich zu machen, darf aber im Großen und Ganzen als gelungen betrachtet werden. Jeder der Schritte, die der Text in seinem Verlauf unternimmt, ist ungewöhnlich klar dargestellt und lädt den Leser zum gedanklichen Nachvollzug ein.

    Und dennoch - oder vielleicht gerade deswegen - erhebt sich nach der Lektüre von Genz' Buch eine wesentliche Frage: nämlich die nach dem Zusammenhang von Realität und Theorie. Mag die Zeit nach den Prämissen und Annahmen der neuesten Physik auch eine Illusion sein - die menschliche Existenz ist unlösbar mit der Erfahrung von Zeit verknüpft. Der Triumph der Vernunft gipfelt folglich in einer radikalen Leugnung menschlicher Realitätserfahrung. In dem Essay "Neue Widerlegung der Zeit" erklärt der verstorbene argentinische Schriftsteller Borges, nachdem er verschiedene Theorien dargelegt hat, abschließend: "Und dennoch, und dennoch (...) Das Fließen der Zeit zu leugnen, das Selbst zu leugnen, das astronomische Universum, das sind offenkundige Verzweiflungstaten und heimliche Tröstungen (...) Die Zeit ist der Stoff, aus dem ich gemacht bin. Die Zeit ist ein Fluß, der mich fortreißt, doch ich bin der Fluß; sie ist der Tiger, der mich zerreißt, doch ich bin der Tiger; sie ist ein Feuer, das mich vernichtet, doch ich bin das Feuer. Leider ist die Welt real, leider bin ich Borges".

    Die Natur unabhängig von der menschlichen Erfahrung und ihrer Geschichte zu betrachten, ist gewiß eine außergewöhnliche Leistung menschlicher Kreativität - aber zugleich ist diese Leistung mit einer Denaturalisierung des Symbolsystems Physik verbunden, was die Überlegung nach sich zieht, für wen oder für was eine sozusagen außermenschliche Betrachtung der Natur eigentlich gut sein soll. Gewiß ist das Bild einer strikt linear ablaufenden Zeit, so wie es uns von Newton nahegelegt worden ist, ein naives und eben mittlerweile auch stark revisionsbedürftiges Bild. Jede konkrete Existenz weiß, daß sich Stunden ins Endlose dehnen und daß andererseits Tage regelrecht verfliegen können. Aber diese Erfahrungen sind für jeden von uns mit dem ermüdenden Gleichtakt unserer gewissermaßen Newtonschen Armbanduhr durchaus vereinbar. Indes wiederum ist beispielsweise der Superraum ein Konstrukt, das womöglich gewisse theoretische Ungereimtheiten bestimmter Modelle beseitigt und das ihre Vereinheitlichung ermöglicht, das aber zugleich jenseits des menschlichen Erfahrungshorizontes liegt - und das darum der Science-fiction, der Phantasie zuzurechnen ist.

    Die moderne Zeitvorstellung nähert sich dramatisch einer Welt purer Ereignisse an - und ist damit so wenig wirklich wie die streng deterministische Welt eines Newton, die keine Freiheit und keine Bifurkationen kennt. Die Zeiterfahrung des Menschen liegt zwischen diesen beiden Vorstellungen - sie ist ungenau und präzise zugleich, und sie besagt, daß die Welt weder total kontrollier- und berechenbar, noch daß sie überhaupt nicht kontrollier- und berechenbar ist. Insofern führt das Buch "Wie die Zeit in die Welt kam" wunderbare Gedankenspiele vor - über die wirkliche Zeit und ihre Erfahrung durch den Menschen sagt es aber wenig oder gar nichts aus. Daß letzteres im übrigen Spökenkiekerei gleichkäme, wie der Autor wiederholt betont, ist ein Irrtum - eher trifft dieser Vorwurf die vom Menschen restlos bereinigten Modelle der theoretischen Physik.