
Im Streaming-Dienst macht zurzeit "Squid Game" Furore, eine Serie aus Süd-Korea. Sie erfreut sich großer Beliebtheit. Fast zeitgleich kommt nun ein Roman des südkoreanischen Autors Kim Ho-Yeon auf den Markt: "Fauster".
Im Nachwort zur deutschen Ausgabe bemerkt Kim, er habe sich oft gefragt, warum er in seiner Jugend ausgerechnet „Faust“ als das Buch seines Lebens auserkoren habe - verantwortlich sei wohl sein Oberstufenlehrer im Fach Deutsch, der sein Interesse für das Land und das kulturelle Erbe der deutschen Literatur befeuert habe. Jedenfalls habe Kim sich nun vorgenommen, diese Teufelsbund-Geschichte auf seine Weise neu zu interpretieren.
"Das Ergebnis ist der Action-Thriller ‚Fauster‘."
Kim zieht ein in die klassische deutsche Tragödie wie ein Mieter aus weiter Ferne in eine alte, etwas verstaubte und etwas unpraktisch möblierte Wohnung. Er stellt die Möbel um und renoviert mit Schwung, aber nicht respektlos. Dennoch bleibt wenig an seinem Platz.
Die Jungen soll Karriere machen
Mephisto ist nunmehr eine US-amerikanische Firma, die im Verborgenen arbeitet. Viel Kundschaft braucht sie nicht, denn ihre Klientel ist vermögend, und was die Firma verkauft, ist alles andere als Massenware.
Mephisto bietet den betagten Kundinnen und Kunden eine Verjüngung an, und das geht so: Über ein nicht näher beschriebenes technisches Instrument wird zwischen zahlender Kundschaft einerseits und einer Person, die das Leben noch vor sich hat, andererseits, eine mentale Verbindung hergestellt, ein „Linking“. Der alte Mensch ist ein Faust; der junge, an dessen Leben dieser Faust partizipiert, ist der so genannte Fauster. Von dem Vertrag, dem Pakt also, den der oder die bejahrte Faust mit der Mephisto-Firma geschlossen hat, weiß ein Fauster nichts. Du ahnungsloser Engel, du.
Die Faustinnen und Fauste versuchen nun, ihre jungen Menschen Karriere machen zu lassen, ihn oder sie zu populären Politikern, gefeierten Künstlerinnen oder – wie im Falle des Romanhelden, eines gewissen Park Junsok, zu einem Fußballstar von internationaler Strahlkraft zu entwickeln.
"Die Bundesliga (…). Für diesen Traum habe ich Blut und Schweiß vergossen. Seit meiner Kindheit wünsche ich mir, wie Cha Bum-kun (…) in der Bundesliga zu spielen."
Die Faustinnen und Fauste wetten untereinander, wessen Spielfigur, wessen Fauster das gesetzte Ziel und damit den Lebenstraum seines oder ihres Marionettenspielers zuerst erreicht. So weit, so gut. Nun aber wird dem Helden, dem Stürmerstar Park Junsok, enthüllt, dass sein Leben bislang an den Drähten eines solchen Manipulators gehangen hat. Er beginnt, sich gegen diese Vereinnahmung zur Wehr zu setzen.
Das Leben als umschwärmter Stürmer
Faust, das Original, ist, um es kurz in Erinnerung zu rufen, die Geschichte eines in die Jahre gekommenen Hochschullehrers, der, vermittels Zauberkraft verjüngt, sich in ein knapp über 14jähriges Mädchen verguckt, sie schwängert und gewissermaßen als Kollateralschaden seiner Affäre auch noch deren Mutter und Bruder tötet. Von Herrn Dr. Faust verlassen, bringt das Kind ein Kind zur Welt, ertränkt es aus Verzweiflung und wird dafür hingerichtet. Vorhang. Applaus.
Während der alte Faust nur wissen wollte, was die Welt im Innersten zusammenhält, haben sich Kims Faust und dessen Fauster ein hehreres Ziel gesetzt: Park Junsok soll und will in der Bundesliga spielen. Dazu ist er auf dem besten Weg. Parks Leben als gefürchteter und umschwärmter Stürmer revitalisiert auch seinen greisenhaften Faust:
"Das Hirn (…), die gealterten, abgenutzten Eingeweide und der halbtote Schwellkörper am Unterleib, all das wird durch das Linking wieder lebendig, als hätte man eine magische Akupunktur bekommen."
Kim legt hier durchaus einen Kern der Tragödie bloß, der nicht immer im Vordergrund heimischer Faust-Exegese steht: den Wunsch des alten Mannes nämlich nach unzeitgemäßer, zweiter Jugend auf Kosten anderer Menschenleben. Dieses zweite Leben soll das erste übertrumpfen, intensiver sein, leidenschaftlicher.
Viel Gewalt, viel Illusionsverlust
Es ist deswegen eine durchaus zeitgemäße Pointe, dass Deutschland in Kims Roman nicht nur als papierveredelndes Land der Dichter und Denker leuchtet, sondern als Heimat der Fußballbundesliga, in der, manche werden sich erinnern, der Südkoreaner Cha Bum-kun einst für Darmstadt, Frankfurter Eintracht und das schöne Leverkusen stürmte.
Zugegeben: Kims Roman kommt nicht eben goethegedankenschwer daher, und den Vertretern der Firma Mephistos fehlt jeder diabolische Witz. Aber es geht doch bunt und kurzweilig zu in Kims Version der Fabel wie weiland in Auerbachs Keller. Der Autor mischt munter Versatzstücke aus der Tragödie mit bewährten Science Fiction-Motiven wie der Telepathie und der technischen Juvenilisierung.
Und wenn Mephisto hier zu einer Firma transformiert worden ist, die ohne jede Rücksicht auf Moral und Menschenleben aus dem Drang nach Jugend ihren Profit schlägt, dann hat Kim das Wesen des Teuflischen ganz gut erfasst und folgerichtig in seine und unsere gegenwärtige Welt übersetzt. Zumal hier nur die Reichsten zum Zuge kommen.
Am Ende ist Park Junsok, nach vielen Toten und einigen Gewaltausbrüchen von geradezu Tarantinoschem Format sowie nach dem Verlust von vielen Illusionen, doch irgendwie am Ziel seiner Wünsche: in Deutschland nämlich. Dort besucht er zunächst Goethes Geburtshaus und geht dann in ein Café:
„Ein Kellner bringt ihm die Speisekarte, und Junsok erinnert sich, dass Deutschland nicht nur für Faust und Fußball bekannt ist. Er bestellt ein Bier und eine Wurst."
Und wer weiß, vielleicht erleben wir es noch, dass des alten Dichterfürsten Tragödie "Faust", nun Fauster als je zuvor, als Streaming-Serie Erfolge feiert.
Kim Ho-Yeon: „Fauster“
Aus dem Koreanischen von Kyong-Hae Flügel
Golkonda Verlag, München
432 Seiten, 24 Euro.
Aus dem Koreanischen von Kyong-Hae Flügel
Golkonda Verlag, München
432 Seiten, 24 Euro.