Wo stellt man dies Buch nach dem Lesen ab? Unter Reisebericht, Geschichte, Russland, Religion, Befreiungskampf, oder gehört es gar auf den Zeitungsstapel, wo sich die Aktualität findet? Alles hätte seine Berechtigung. Vielleicht rückt man aber auch nur den kürzlich erworbenen Pleitgen eins weiter und stellt den Lerch, zumindest aus chronologischem Grund, davor und nennt die neue Abteilung "Kaukasus"?
Noch unlängst beherrschte ja der Kaukasus, bedingt durch die beiden Tschetschenienkriege Moskaus, monatelang die Schlagzeilen. Aber schon früher, in der vom Westen glorifizierten Gorbatschov-Zeit, kam es zum Einsatz sowjetischer Staatsgewalt gegen nationale Selbstbehauptung in Georgien, Armenien und Aserbajdshan. Das wurde selbst in der einheits-fixierten deutschen Politik noch stirnrunzelnd registriert. Weniger dagegen ein neues Interessengeflecht, das seit Zerfall der Sowjetunion in dieser Region entstanden ist. Dabei geht es um Erdöl und Erdgas, um Gewährleistung eines sicheren Abbaus und sicherer Transporte. Liegen die Förderorte in der Kaspi-See und östlich nach Zentralasien, so kommen für die Ausbeute nur Routen infrage, die den Kaukasus durchqueren und zuverlässige Seehäfen erreichen. Es ist unbestritten, dass hier die geografisch direkt berührten Länder ihre Interessen anmelden. Kompliziert wird die Lage aber einerseits durch Sicherheitsbedenken und historisch gewachsenen Anspruch des benachbarten russischen Staates, andererseits infolge des wirtschaftlichen Engagements und der daraus abgeleiteten Interessen, mit denen sich in dieser Region seit einem Jahrzehnt die Vereinigten Staaten einmischen. Beiden geht es um lebenswichtige Probleme, um Ökonomie und Sicherheit. Bei weitem nicht alles ist geregelt, der Widerstreit könnte durchaus die Gefahr eines heftigeren Konflikts zwischen Moskau und Washington in sich bergen.
Hinter dem umfassenden Begriff Kaukasus eine handhabbare Einheitlichkeit zu suchen, erweist sich bei näherem Hinsehen als unmöglich. Das trifft selbstverständlich für die landschaftliche Vielgesichtigkeit zu, nicht weniger aber für Sprache, Religion, Nationalität und politisch-gesellschaftliche Organisation. Leider hat der Autor, Wolfgang Günter Lerch, auf eine topographische Karte verzichtet. Sie wäre beim Kaukasus nicht bloße Illustration, sondern sie diente der Erklärung, denn es gibt kaum eine Region auf dem Erdball, in der Berggrade, Pässe, Flüsse, Schluchten, Täler, in der Unzugänglichkeit und Abgeschiedenheit den Erhalt von Sprachen, Sitten und die Verschiedenartigkeit der Nationalitäten so deutlich bedingen. Warum gelang es Persern, Türken und Russen, ein Volk wie die Osseten botmäßig zu machen, warum konnten dagegen die Tschetschenen im 19. Jahrhundert mehr als 3o Jahre den schwer bewaffneten Truppen des Zaren widerstehen? - Die nicht einmal halbseitige Karte, die das Buch bietet, vermittelt außer Küstenlinien und Staatsgrenzen nichts von den natürlich gegebenen einschränkenden oder begünstigenden Bedingungen, die den Kaukasus zu einem unvergleichlichen, aber keineswegs einheitlichen Lebensraum werden lassen.
Ist das gegenwärtige Interesse am Kaukasus vorrangig ökonomisch bedingt, so stand für die großen Nachbarstaaten seit Menschengedenken das Sicherheitsmoment im Vordergrund: der natürliche Riegel zwischen Europa und Kleinasien, zwischen Kaspi-See und Schwarzem Meer - ein Riegel, der nach Bedarf aber auch zur Brücke geöffnet werden konnte. Griechische, römische, persische und osmanische Macht rangen daher um Einfluss. Das russische Zarenreich begann erst unter Peter l. seine Macht auf den Kaukasus auszudehnen und vom 18. Jahrhundert an ständig zu festigen. Fast nahtlos, vor allem recht skrupellos trat dann das sowjetische Imperium dieses Erbe an und verteidigte es bis zu seinem Zusammenbruch vor gut einem Jahrzehnt. Den Kaukasus besiedeln mehr als fünfzig - natürlich unterschiedlich große - Nationalitäten, von denen die meisten auch noch über eine eigene Sprache verfügen. Im Lehrbuch der Macht brauchte - zuletzt Moskau - nur das uralte Kapitel "Divide et impera" aufzuschlagen, um das eigene "Teile und herrsche!" daraus abzuleiten. Genau genommen machte allerdings der Kaukasus durch seine Zersplitterung von sich aus bereits allen Eindringlingen das Herrschen einfach.
Lerch versucht in seiner Studie letztlich Antwort auf die Frage zu finden, ob auch künftig noch ein so leichtes Spiel möglich sein wird? Dies dürfte bei den drei unabhängig gewordenen transkaukasischen Staaten kaum mehr fraglich sein. Vor allem Georgien und Armenien, die beide sehr früh schon christianisiert wurden, blicken auf lange Perioden der Eigenstaatlichkeit zurück, anders das benachbarte Aserbajdschan, das "nur" seine Identität als osmanische Provinz, sowie in der kurzen Eigenständigkeit gegen Ende des 1. Weltkriegs suchen kann.
Geht man von der staatlich-gesellschaftlichen Organisation aus, so ist die Frage nach der Zukunft der kaukasischen Republiken innerhalb der Russischen Föderation ungleich schwieriger zu beurteilen. Lerch erliegt vor allem anfangs offenkundig der Aktualität des Tschetschenienkonflikts, wenn er schreibt, dass es auch viele andere seien, "die aufbegehren und ihren eigenen Staat gründen wollen" oder "auf ähnliches sinnen". In den Einzelporträts, die er dann beispielsweise Inguschen, Kabardinern, Balkaren, Osseten und den Völkern von Karatschaj-Tscherkessk und Dagestan widmet, entpuppt sich das Unabhängigkeitspotential oft genug als Strohfeuer, als Schild mit austauschbaren Parolen, als Rivalität regionaler Machthaber. Nicht überall gibt es Konflikte. Wo sie erheblich werden, sind sie einander ähnlich, weil sie in Willkür und Zwang wurzeln, die den Nationalitäten zu sowjetischer Zeit angetan wurde. Aktuellen Zündstoff liefert seit Auflösung der Sowjetunion der soziale Abstieg, der Niedergang örtlicher Wirtschaftsbereiche und die vernachlässigte Unterstützung seitens Moskau. Im Gegensatz zu den Unterstellungen und Bezichtigungen Moskaus erweist sich der Islam aber nicht als aggressiver Träger des Aufbegehrens, jedenfalls nicht generell. Lerch räumt ein, man gehe kaum fehl anzunehmen, dass selbst die iranische Revolution Wirkung gehabt haben könne, "obschon sich fundamentalistische Regungen in der Region bis jetzt nicht in nennenswertem Ausmaß feststellen lassen". Die Stärke des Buches erweist sich übrigens überall da, wo Lerch als Islam-Experte von seinem Gebiet spricht. Tschetschenien bleibt der Sonderfall. Eine Tragödie, die ihre Ursache in einer unseligen Vergangenheit hat. Militärisch behauptet Moskau zwar die Oberhand, aber der Knoten wurde nicht gelöst. Die spätkoloniale Blindheit macht Moskau zu jeder politischen Lösung unfähig, aber es finden sich auch noch genügend Ohrenbläser, die die Tschetschenen zu ihrem anachronistischen Selbständigkeitskampf ermuntern. Wer - aus welchem Grund auch immer - an Instabilität im Kaukasus interessiert ist, der kann dort getrost weiter zündeln.
Wolfgang Günter Lerch: "Der Kaukasus - Nationalitäten, Religionen und Großmächte im Widerstreit", Europa-Verlag Hamburg/ Wien, 188 Seiten - zum Preis von DM 24,50.
Noch unlängst beherrschte ja der Kaukasus, bedingt durch die beiden Tschetschenienkriege Moskaus, monatelang die Schlagzeilen. Aber schon früher, in der vom Westen glorifizierten Gorbatschov-Zeit, kam es zum Einsatz sowjetischer Staatsgewalt gegen nationale Selbstbehauptung in Georgien, Armenien und Aserbajdshan. Das wurde selbst in der einheits-fixierten deutschen Politik noch stirnrunzelnd registriert. Weniger dagegen ein neues Interessengeflecht, das seit Zerfall der Sowjetunion in dieser Region entstanden ist. Dabei geht es um Erdöl und Erdgas, um Gewährleistung eines sicheren Abbaus und sicherer Transporte. Liegen die Förderorte in der Kaspi-See und östlich nach Zentralasien, so kommen für die Ausbeute nur Routen infrage, die den Kaukasus durchqueren und zuverlässige Seehäfen erreichen. Es ist unbestritten, dass hier die geografisch direkt berührten Länder ihre Interessen anmelden. Kompliziert wird die Lage aber einerseits durch Sicherheitsbedenken und historisch gewachsenen Anspruch des benachbarten russischen Staates, andererseits infolge des wirtschaftlichen Engagements und der daraus abgeleiteten Interessen, mit denen sich in dieser Region seit einem Jahrzehnt die Vereinigten Staaten einmischen. Beiden geht es um lebenswichtige Probleme, um Ökonomie und Sicherheit. Bei weitem nicht alles ist geregelt, der Widerstreit könnte durchaus die Gefahr eines heftigeren Konflikts zwischen Moskau und Washington in sich bergen.
Hinter dem umfassenden Begriff Kaukasus eine handhabbare Einheitlichkeit zu suchen, erweist sich bei näherem Hinsehen als unmöglich. Das trifft selbstverständlich für die landschaftliche Vielgesichtigkeit zu, nicht weniger aber für Sprache, Religion, Nationalität und politisch-gesellschaftliche Organisation. Leider hat der Autor, Wolfgang Günter Lerch, auf eine topographische Karte verzichtet. Sie wäre beim Kaukasus nicht bloße Illustration, sondern sie diente der Erklärung, denn es gibt kaum eine Region auf dem Erdball, in der Berggrade, Pässe, Flüsse, Schluchten, Täler, in der Unzugänglichkeit und Abgeschiedenheit den Erhalt von Sprachen, Sitten und die Verschiedenartigkeit der Nationalitäten so deutlich bedingen. Warum gelang es Persern, Türken und Russen, ein Volk wie die Osseten botmäßig zu machen, warum konnten dagegen die Tschetschenen im 19. Jahrhundert mehr als 3o Jahre den schwer bewaffneten Truppen des Zaren widerstehen? - Die nicht einmal halbseitige Karte, die das Buch bietet, vermittelt außer Küstenlinien und Staatsgrenzen nichts von den natürlich gegebenen einschränkenden oder begünstigenden Bedingungen, die den Kaukasus zu einem unvergleichlichen, aber keineswegs einheitlichen Lebensraum werden lassen.
Ist das gegenwärtige Interesse am Kaukasus vorrangig ökonomisch bedingt, so stand für die großen Nachbarstaaten seit Menschengedenken das Sicherheitsmoment im Vordergrund: der natürliche Riegel zwischen Europa und Kleinasien, zwischen Kaspi-See und Schwarzem Meer - ein Riegel, der nach Bedarf aber auch zur Brücke geöffnet werden konnte. Griechische, römische, persische und osmanische Macht rangen daher um Einfluss. Das russische Zarenreich begann erst unter Peter l. seine Macht auf den Kaukasus auszudehnen und vom 18. Jahrhundert an ständig zu festigen. Fast nahtlos, vor allem recht skrupellos trat dann das sowjetische Imperium dieses Erbe an und verteidigte es bis zu seinem Zusammenbruch vor gut einem Jahrzehnt. Den Kaukasus besiedeln mehr als fünfzig - natürlich unterschiedlich große - Nationalitäten, von denen die meisten auch noch über eine eigene Sprache verfügen. Im Lehrbuch der Macht brauchte - zuletzt Moskau - nur das uralte Kapitel "Divide et impera" aufzuschlagen, um das eigene "Teile und herrsche!" daraus abzuleiten. Genau genommen machte allerdings der Kaukasus durch seine Zersplitterung von sich aus bereits allen Eindringlingen das Herrschen einfach.
Lerch versucht in seiner Studie letztlich Antwort auf die Frage zu finden, ob auch künftig noch ein so leichtes Spiel möglich sein wird? Dies dürfte bei den drei unabhängig gewordenen transkaukasischen Staaten kaum mehr fraglich sein. Vor allem Georgien und Armenien, die beide sehr früh schon christianisiert wurden, blicken auf lange Perioden der Eigenstaatlichkeit zurück, anders das benachbarte Aserbajdschan, das "nur" seine Identität als osmanische Provinz, sowie in der kurzen Eigenständigkeit gegen Ende des 1. Weltkriegs suchen kann.
Geht man von der staatlich-gesellschaftlichen Organisation aus, so ist die Frage nach der Zukunft der kaukasischen Republiken innerhalb der Russischen Föderation ungleich schwieriger zu beurteilen. Lerch erliegt vor allem anfangs offenkundig der Aktualität des Tschetschenienkonflikts, wenn er schreibt, dass es auch viele andere seien, "die aufbegehren und ihren eigenen Staat gründen wollen" oder "auf ähnliches sinnen". In den Einzelporträts, die er dann beispielsweise Inguschen, Kabardinern, Balkaren, Osseten und den Völkern von Karatschaj-Tscherkessk und Dagestan widmet, entpuppt sich das Unabhängigkeitspotential oft genug als Strohfeuer, als Schild mit austauschbaren Parolen, als Rivalität regionaler Machthaber. Nicht überall gibt es Konflikte. Wo sie erheblich werden, sind sie einander ähnlich, weil sie in Willkür und Zwang wurzeln, die den Nationalitäten zu sowjetischer Zeit angetan wurde. Aktuellen Zündstoff liefert seit Auflösung der Sowjetunion der soziale Abstieg, der Niedergang örtlicher Wirtschaftsbereiche und die vernachlässigte Unterstützung seitens Moskau. Im Gegensatz zu den Unterstellungen und Bezichtigungen Moskaus erweist sich der Islam aber nicht als aggressiver Träger des Aufbegehrens, jedenfalls nicht generell. Lerch räumt ein, man gehe kaum fehl anzunehmen, dass selbst die iranische Revolution Wirkung gehabt haben könne, "obschon sich fundamentalistische Regungen in der Region bis jetzt nicht in nennenswertem Ausmaß feststellen lassen". Die Stärke des Buches erweist sich übrigens überall da, wo Lerch als Islam-Experte von seinem Gebiet spricht. Tschetschenien bleibt der Sonderfall. Eine Tragödie, die ihre Ursache in einer unseligen Vergangenheit hat. Militärisch behauptet Moskau zwar die Oberhand, aber der Knoten wurde nicht gelöst. Die spätkoloniale Blindheit macht Moskau zu jeder politischen Lösung unfähig, aber es finden sich auch noch genügend Ohrenbläser, die die Tschetschenen zu ihrem anachronistischen Selbständigkeitskampf ermuntern. Wer - aus welchem Grund auch immer - an Instabilität im Kaukasus interessiert ist, der kann dort getrost weiter zündeln.
Wolfgang Günter Lerch: "Der Kaukasus - Nationalitäten, Religionen und Großmächte im Widerstreit", Europa-Verlag Hamburg/ Wien, 188 Seiten - zum Preis von DM 24,50.